Interview: Megaprojekte stürzen Amazonasgebiet in die Misere

Elielson da Silva. Foto: IHU-unisinos

(São Leopoldo, 2. Oktober 2019, ihu-unisinos).- In einem Interview mit IHU On-Line spricht Elielson Silva über die Geschichte des Einzugs des kanadischen Bergbauunternehmens Belo Sun in der brasilianischen Region Volta Grande am Xingu-Fluss im Amazonasgebiet. Die Region ist seitdem geprägt von Konflikten zwischen den Interessen des Unternehmens, der Bevölkerung in der Gegend und dem Umweltschutz. Silva ist Forscher des Projeto Nova Cartografia Social da Amazônia (Projekt Neue Sozialkartografie Amazoniens), die mit einer Kartographie der Ethnien und Gemeinden im Amazonasgebiet Landnahme dokumentieren und soziale Bewegungen stärken wollen.

Mit dem Versprechen, durch Megaprojekte im Bergbau Arbeitsplätze zu schaffen und wirtschaftlichen Wohlstand zu bringen, wird der Region der Volta Grande in der brasilianischen Provinz Pará die Idee einer unausweichlichen Entwicklung als Ausweg für das Amazonasgebiet verkauft. Für die Bevölkerung vor Ort gibt es dabei de facto nur unzählige Verschlechterungen im Umwelt- und sozialen Bereich. „Kurz gesagt, wird hier in soziale Prozesse eingegriffen, und zwar begleitet von Gewalt und schweren Konflikten“, fasst der Forscher Elielson Silva zusammen. Der Fall des kanadischen Bergbauunternehmens Belo Sun, welches sich seit 2010 in der Region Volta Grande am Fluss Xingu einrichtet, ist ein klassisches Beispiel für diesen Entwicklungswahn. Silva hat die Veränderungen seit den ersten Bewegungen des Projektbeginns aus der Nähe begleitet. „Die Zunahme der Aktivitäten von Belo Sun ist einerseits geprägt von Strategien einer Außendarstellung, in der die Vorteile der Entwicklung im Vordergrund stehen und andererseits von verschiedensten Formen von Gewalt“, erklärt er.

Karte des Projekts Belo Monte. Grafik: IHU-unisinos/MPF

Im Interview gibt der Forscher Einblick in die Machtstrategien des Unternehmens. Die Vorherrschaft von Belo Sun begann direkt mit der Eröffnung des ersten Verwaltungsbüros, noch bevor irgendwelche Arbeiten angefangen hatten. „Die Präsenz eines physischen Büros des Unternehmens im Dorf Vila Ressaca verstärkt den Eindruck eines ‚unveränderlichen Faktes‘, in dem Sinn, dass die Aufnahme der Arbeiten unausweichlich und nur eine Frage der Zeit seien“, beobachtet er. „Aus sozialer Sicht erzeugt das Instabilität und verbreitet Angst und Schrecken, welche durch die wirtschaftlichen Zusammenbrüche von kleinen Bergbauunternehmen und die Schäden, die durch den Staudamm im Fluss sowie die damit zusammenhängenden Versuche, die Bewohner zu vertreiben, verstärkt werden“, fügt er hinzu.

Bergbauunternehmen verbreitet „Angst und Schrecken“

Wenn er von „Angst und Schrecken“ spricht, meint Silva vor allem „Enteignungen, Wegnahme von Land, Zwangsräumungen, illegale Landnahme, drakonische Entschädigungszahlungen, Zutrittsverbote an öffentlichen Orten, Schließung von nicht-industriellen Bergbaubetrieben, Drohungen sowie zum Schweigen bringen und Kriminalisierung widerständiger Führungspersonen“. Das alles schließt noch nicht einmal die negativen Auswirkungen auf die Umwelt im Umland des Flusses Xingu ein. „Die große bevorstehende Bedrohung hängt vor allem mit der Häufung der Schäden in einer Region zusammen, die bereits unter den schwerwiegenden Folgen zu leiden hat, die der Bau des Staudamms Belo Monte nach sich zieht“, folgert er.

Volta Grande do Xingu. Foto: Instituto Socioambiental – ISA

Silva fasst zusammen: „Die soziale und wirtschaftliche Dynamik des Ortes wurde durch diese Belastungen, Unsicherheiten und Veränderungen der natürlichen Abläufe zum Zusammenbruch gebracht“. Er betont allerdings, dass die Vila Ressaca, von der aus Belo Sun die Projekte steuert, trotz dieser negativen Einflüsse immer noch ein Ort des Widerstands ist. „Ressaca ist ein Lebensraum, der aufbegehrt“, bekräftigt er. Um diesen Widerstand zu stärken und seine Potentiale zu unterstützen, betont Silva die „Notwendigkeit des Zuhörens und die Anerkennung und Sichtbarmachung der Narrative traditioneller Völker und Gemeinden, die von wirtschaftsorientierten Megaprojekten im Amazonasgebiet umgeben sind“. Denn letztendlich ist der Xingu, wie er sagt, „Quelle der physischen, sozialen, wirtschaftlichen und kosmologischen Reproduktion der Völker, die dort leben“.

Das Interview auf Portugiesisch findet ihr hier.

CC BY-SA 4.0 Interview: Megaprojekte stürzen Amazonasgebiet in die Misere von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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