Guaraní-Grundwasser, E-Methanol und die europäische Energiekrise

Methanol
Grüner Wasserstoff: Gewinnung umstritten, Verwendung schon geplant.
Foto: Gregor Hagedorn u.a. via wikimedia
CC BY 4.0

(Tambores, 31. März, la diaria).- Indigene Organisationen und Umweltschützer*innen kritisieren die Pläne europäischer Unternehmen, mit dem Guaraní-Grundwasser den Energiebedarf der ersten Welt zu decken. Sie berufen sich auf das in der Verfassung und im Escazú-Abkommen verankerte Recht auf Beteiligung in Umweltfragen und fordern dringend ein Treffen mit Vertreter*innen der Lenkungskommission, die für die Verwaltung des Guaraní-Grundwasserreservoirs zuständig ist. Es könne nicht sein, dass die europäischen Länder ihren Energieverbrauch unverändert beibehalten und auf die Ressourcen in anderen Kontinenten setzen, so die Aktivist*innen.

 

Wichtige Fragen außer Acht gelassen

Die Lenkungskommission des Guaraní-Grundwasserreservoirs wurde vor zwölf Jahren mit dem Ziel gegründet, ein Forum für die Zusammenarbeit zwischen Regierungsvertreter*innen, Wassernutzer*innen, Wissenschaftler*innen und sozialen Verbänden zu schaffen. Um die Organisation der Zusammenkünfte soll sich die staatliche Wasserbehörde kümmern, doch laut der Website des Umweltministeriums wurden seit 2013 nur elf Treffen einberufen. Zwischen September 2016 und Oktober 2020 kam die Kommission kein einziges Mal zusammen, zwischen 2020 und 2023 tagte sie einmal pro Jahr und 2024 zweimal. Beim letzten Treffen am 1. Oktober 2024 ging es schwerpunktmäßig um die E-Methanol-Anlage, die das Unternehmen ENERTRAG in Tambores errichten will. Wie in der vom Ministerium zur Verfügung gestellten Niederschrift des Online-Treffens zu lesen ist, machte der Austausch zwischen Vertretern des Unternehmens und des Ministeriums für Industrie, Energie und Bergbau einen großen Teil des Treffens aus. Mehrere Teilnehmer*innen betrachteten die Antworten der Privatunternehmen über die Wassernutzung durch das Megaprojekt als unzureichend. Es seien keine konkreten Angaben zu den Wassermengen oder den Entnahmequellen gemacht worden. Es wurden lediglich Vergleiche mit dem Wasserverbrauch anderer Bereiche, z. B. Reisanbau, angestellt. Nachdem das Unternehmen seine Umweltverträglichkeitsstudie vorgelegt hatte, bat das Umweltministerium um Erklärungen, warum eine „Studie über die Wasserverfügbarkeit (Grund- und Oberflächenwasser) für einen höheren Bedarf als den angegebenen Verbrauch“ durchgeführt hat, und wies darauf hin, dass mehrere Aspekte nicht berücksichtigt wurden. Somit sei „ein umfassendes Verständnis des Projekts und eine Bewertung der damit verbundenen Auswirkungen nicht möglich“. Was steht dahinter? ENERTRAG hat das Beratungsunternehmen Ingesur beauftragt, die „Wasserverfügbarkeit“ zu untersuchen und ein „Wasserversorgungskonzept“ für die Anlage für synthetische Brennstoffe zu entwickeln. In dem Text beziffert Ingesur den Wasserbedarf auf 4.400 m³ pro Tag. Bei der Analyse der Umweltverträglichkeit des Standorts für das Jahr 2022 wurde die benötigte Wassermenge noch auf 500 bis 700 m³ pro Tag geschätzt, in der neuen Studie wurde somit ein Bedarf zugrundegelegt, der mehr als achtmal so hoch war wie der zuvor geschätzte Verbrauch. Nach Angaben des Unternehmens soll die Wasserversorgung über einen Staudamm erfolgen, als „Reservequelle“ sollen zusätzliche Brunnen gebohrt werden. Bisher wurde die Umweltverträglichkeitsstudie noch nicht veröffentlicht. Offizielle Kommentare sind erst nach der Veröffentlichung möglich, indigene Organisationen und Umweltschützer fragen sich jedoch bereits, was unter „gerechter Energiewende“ zu verstehen ist.

Mitspracherecht sofort und face to face

Nach Bekanntwerden der jüngsten Informationen haben mehrere Organisationen einen Brief an die Umweltbehörde geschickt und die sofortige Einberufung einer Präsenz-Sitzung der Kommission für das Guaraní-Aquifersystem gefordert. Unterzeichnet wurde der Brief unter anderem vom Arbeitskreis Ateitén Hué („Wir sind Wasser“), dem Guaraní Aquifer-Netzwerk, Agua es Vida, dem Recyclingunternehmen Ecotambores und der Asamblea Hue Mirī. Sie prangern die „systematische Verletzung von Artikel 47 unserer Verfassung“ und von „internationalen Verträgen wie dem Escazú-Abkommen“ an: „Das Abkommen verpflichtet die Staaten, eine offene und umfassende Beteiligung am gesamten Entscheidungsprozess sicherzustellen und zu gewährleisten, d.h. an der Gestaltung von politischen Konzepten, Strategien, Plänen, Programmen und Projekten in Umweltfragen und vor allem an der Verwaltung von Wasser als lebenswichtigem Element“, so die Organisationen. Im Hinblick auf die Wassermengen, die das Unternehmen zu verbrauchen beabsichtigt, fordern sie eine „Überprüfung und Aktualisierung“ des Projekts von ENERTRAG, das „ohne unsere Beteiligung weiter vorangetrieben wird“. Bei dem Projekt handelt es sich um eine Anlage für synthetische Kraftstoffe, die aus grünem Wasserstoff hergestellt werden. Die Organisationen betrachten die vom Ministerium für Industrie, Energie und Bergbau im vergangenen Jahr vorgelegte Roadmap für grünen Wasserstoff und Derivate als unzulässig, da „die Gesellschaft und die sozialen Organisationen nicht beteiligt wurden“. Aus ihrer Sicht „sollte der gesamte Plan für ungültig erklärt werden, da eine wesentliche Voraussetzung für seine Ausarbeitung nicht gegeben ist“. Auf der letzten Sitzung der Kommission für das Guaraní-Aquifersystem im Oktober 2024 sagte ein Mitglied des Energieressorts auf die Frage nach der fehlenden Beteiligung laut Protokoll: „Wir verstehen, dass diese Diskussionen in einem frühen Stadium des Prozesses aufkommen, sowohl hinsichtlich des Projekts [Tambor] als auch hinsichtlich der gesamten Roadmap. Es gab sehr wohl partizipative Prozesse, vielleicht nicht genug, es fehlten definitiv die Treffen der Kommission, aber es dauerte ein Jahr, bis die endgültige Version fertig war, und die ganze Zeit war das Projekt öffentlich, und immer gab es Möglichkeiten zur Beteiligung.“ Die Aufzeichnung der Sitzungen seien jedoch oft unverständlich, so dass es schwierig sei, die Vorschläge zu verstehen, so die Organisationen.

Eine Kontinuität des Kolonialismus

Paula Piñeyro ist Anwältin und Mitglied des Arbeitskreises Ateitén Hué. Ihre Verbindung mit dem Guaraní-Aquifer hat sich im letzten Jahr vertieft. Damals luden das Umweltministerium und die UNESCO die Organisationen der indigenen Völker ein, an einem Workshop mit dem Titel „Dialoge mit indigenen Völkern in der Region: Perspektiven für die Bewirtschaftung des Guarani-Grundwasserreservoirs“ teilzunehmen. Piñeyro reiste als eine der Vertreterinnen nach Misiones, Argentinien, um an dem Workshop teilzunehmen. „Unsere Organisation ist in erster Linie aus dem Austausch und der Zusammenarbeit zwischen indigenen Organisationen in Uruguay entstanden. Drei von uns reisten als Vertreter*innen nach Misiones. Und damit fing unsere Geschichte an; mit der Verwaltung des Grundwasserreservats Guaraní“, erinnert sie sich. Natürlich reicht der Ursprung ihres Kampfs weit in die Geschichte zurück. „Was heute passiert, ist die Kontinuität des Kolonialismus, der vor mehr als 500 Jahren begann und immer noch andauert. Denn genauso hat auch der Kolonialismus funktioniert, immer und überall. So wie wir das sehen, kann man das Wasser aus dem Grundwasserleiter nicht kaufen, um Treibstoff für Europa herzustellen, damit Europa seine Lebensweise beibehalten kann. Sie betreiben immer wieder nur Flickwerk mit ihrer grünen Energiepolitik, während wir nach einem tieferen Lösungsansatz suchen, der unseren Lebensgewohnheiten gerecht wird“, erklärt Piñeyro. Der Begriff „grüner Wasserstoff“ erwecke die Illusion, dass es sich dabei um eine Lösung für den Klimawandel handle, was natürlich nicht der Fall sei. „Letztendlich geht es ihnen darum, Methanol, synthetische Kraftstoffe und Düngemittel herzustellen, vor allem für den Export. Sie haben die Macht des Wortes, und heißt für uns, dass wir sehr wachsam sein müssen. Auf der Demo zum Weltwassertag hieß es zum Beispiel: „Wasser ist unverkäuflich“. Sie kaufen es nicht einmal, sie bekommen es einfach so, und niemand verlangt von ihnen Gebühren. Dies ist einer der Punkte, die in der Kommission für das Guaraní-Grundwasserreservoir aufkamen. Es geht nicht darum, dass das Wasser nicht verkauft werden soll, sondern darum, dass es nicht verschenkt werden darf.“

„Unser Wasser ist mehr als eine Ressource“

Doch selbst wenn ENERTRAG für die Wassernutzung bezahlen würde, wäre ihre Gruppe auch damit nicht einverstanden. „Als Bürger*innen müssen wir selbst aktiv werden, wir brauchen Zugang zu Informationen. Deshalb haben wir den Behörden unsere Forderung vorgelegt und verlangt, dass wir an der Kommission für das Guaraní-Aquifersystem teilnehmen können. In Artikel 47 ist unser Recht auf Beteiligung an der Planung der so genannten Wasserressourcen verankert, die wir als lebenswichtiges Element betrachten. Außerdem gilt das Escazú-Abkommen in unserem Gebiet, und auch dort wird das Recht auf Zugang zu Informationen und Beteiligung garantiert. Das mit der Beteiligung ist sehr schwierig, weil sie nicht verbindlich sind. Wir beteiligen uns, aber sie überhören uns und machen weiter. Deshalb haben wir in akademischen Kreisen gezielt nach Unterstützung und Beratung bei den eher technischen Aspekten gesucht“, erzählt die Juristin. Die Behörden des Umweltministeriums hätten nun die nächste Sitzung der Kommission des Guaraní-Grundwasserspeichers für „Mitte April“ angekündigt. Zur Frage, warum die Sitzungen so selten stattfinden, erklärte Piñeyro: „Wenn die sozialen Organisationen nicht teilnehmen und keinen Druck ausüben, finden ein oder zwei Sitzungen pro Jahr statt, in denen sich die Unternehmen vorstellen und alle ihre Projekte durchziehen. Wenn die Organisationen ihr Recht auf Beteiligung wahrnehmen, sieht die Sache anders aus.“ Ihre Gruppe habe über die Presse von dem Tambores-Projekt erfahren, obwohl „das in den Sitzungen mitgeteilt werden sollte, das ist nämlich der richtige Ort, um diese Punkte zu behandeln.“

Das Partizipationsrecht in die Praxis umsetzen

Óscar Núñez ist Mitglied des Clan Gubaitase Charrúa und der Initiative Ecotambores. Er hat sein ganzes Leben in Tambores gelebt, wo nun die Anlage für synthetische Brennstoffe errichtet werden soll. Auf die Frage, warum er glaubt, dass sich das Unternehmen gerade hier niederlassen will, antwortet er: „Wir sind es nicht gewohnt zu protestieren oder zu demonstrieren. Wir rebellieren nicht, es sei denn, es geht um etwas Großes. Wir haben Wasser, was eine endliche Ressource ist. Das heißt, eigentlich ist Wasser für uns keine „Ressource“, sondern ein lebendiges Element. Wir haben Sonne, und wir haben immer Wind, denn wir befinden uns auf dem Kamm der Cuchilla de Haedo, und dann ist da noch der menschliche Faktor. Wir sind von Natur aus sehr sanft, was für solche Unternehmen natürlich super ist. Es wäre für sie weitaus anstrengender, dieses Projekt in Canelones oder Montevideo zu verwirklichen, wo die Leute immerzu Ärger machen. Außerdem leben wir weit verstreut auf dem Land. Wir haben hier keine hohe Bevölkerungsdichte, die Stadt liegt zwischen zwei Departements. Eine Allee trennt Tacuarembó und Paysandú, aber wir sind ein Dorf, eine Gemeinschaft.“ Außerdem gebe es kaum Beschäftigungsmöglichkeiten, so Nuñez. „Das Versprechen von Arbeit ist ein weiterer Faktor, mit dem sie die Menschen täuschen. Wir wissen, dass diese Anlagen zwar Arbeitsplätze schaffen, aber nicht für die Menschen, die hier leben. Es werden ausschließlich qualifizierte Arbeitskräfte gebraucht, die aus anderen Städten und aus dem Ausland kommen werden. Die Arbeitsplätze und die Entwicklungsmöglichkeiten, die es angeblich geben soll, wird es am Ende nicht geben.“ Zugleich macht er sich Sorgen um die Sicherheit der Menschen im Ort. „Wir schlafen hier mit offener Tür, lassen unsere Fahrzeuge unverschlossen stehen, schließen unsere Fahrräder nicht an.“ Wo Megaprojekte entstehen, gebe es immer auch verstärkte Kriminalität und sexuelle Ausbeutung, warnt Nuñez. „Grüner Wasserstoff ist ein Täuschungsmanöver, aber er verkauft sich gut und liegt an der Börse hoch im Kurs, so wie alles, was grün und ökologisch ist, aber wir wissen, dass es in diesem Fall eine Lüge ist.“ Die gesamte Flächennutzung werde sich durch diese Industrien, die oft mit großen Photovoltaik- und Windparks einhergehen, verändern. Óscar sieht für seine Gemeinschaft nur eine Chance: „Wir fordern eine Eilsitzung der Kommission für das Guaraní-Grundwasserreservoir, wir müssen sie dazu bringen, ihre Arbeitsweise zu ändern. Die Kommission mag über eine geringe Entschlusskraft und Durchsetzungsfähigkeit verfügen, aber wir müssen versuchen, sie zu aktivieren“.

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