
(Bogotá, 28. November 2025, dialogue earth).- Die Savannen des Departamento Meta in der kolumbianischen Orinoco-Region sind dafür bekannt, dass in ihren Flüssen mehr als 700 Fischarten leben. Diese Vielfalt wird von den indigenen Sikuani anerkannt, die seit Jahrhunderten in den Galeriewäldern leben – langen Baumkorridoren, die entlang der Flüsse Meta, Muco, Manacacías und Tillavá wachsen.
Santiago, Angehöriger dieses indigenen Volkes, der aus Sicherheitsgründen um Anonymität gebeten hat, erinnert sich daran, dass es im Fluss Muco in der Gemeinde Puerto Gaitán, 300 Kilometer östlich von Bogotá, einst reichlich Fisch gab: „Wir fingen Payara (Vampirfisch), Pavón (Buntbarsch), Bocona (Prochilodus magdalenae), Guabina (Tigersalmler). Heute gibt es keine Fische mehr.“ Santiago macht das Unternehmen Aliar-Fazenda für diesen Rückgang verantwortlich.
Aliar-Fazenda ist das einzige Unternehmen, das in der Orinoco-Region Soja und Mais anbaut, um Mastfutter für Schweine herzustellen. Das Unternehmen nahm 2007 in Puerto Gaitán seine Tätigkeit auf. Bis 2018 hatte es 40.000 Hektar Land in eine Art Vorratskammer verwandelt, die in den folgenden Jahren Tausende Schweine ernähren sollte: In diesem Jahr gab das Unternehmen an, 880.000 Schweine zu besitzen und jährlich 100 Millionen Kilo Fleisch zu produzieren.
Ein mit Kolibakterien verschmutzter Fluss
„Der Schweinemist hat all diese Feuchtgebiete und Bachläufe beschädigt, in denen wir früher fischten“, sagt Santiago. „Es gibt heute noch schöne Lagunen, aber niemand badet mehr darin, weil das Wasser trüb ist. Es fließt nicht mehr“, erzählt er.
Santiago berichtet, dass die Verschmutzung seit der Ankunft von Aliar-Fazenda die Nutzung des Territoriums verhindert und dass die Sikuani ihre Subsistenzwirtschaft aufgeben mussten, da sie nicht mehr fischen können.
Für diese Reportage wurde am 20. August dieses Jahres eine Wasserprobe aus dem Fluss entnommen, aus dem Santiago früher trank und sich ernährte. Die Probe wurde auf mögliche Verschmutzungswerte untersucht.
Die Analyse wurde von Tecnoambiental durchgeführt, einem vom kolumbianischen Institut für Hydrologie, Meteorologie und Umweltstudien IDEAM (Instituto de Hidrología, Meteorología y Estudios Ambientales) akkreditierten Labor. Untersucht wurden grundlegende Parameter organischer Verschmutzung: das Vorhandensein fäkaler Bakterien, Rückstände im Wasser und der Verlust von Sauerstoff, der für das Leben im Fluss notwendig ist.
Die Ergebnisse zeigten eine starke Verschmutzung: 313.000 fäkale Colibakterien pro 100 Milliliter Wasser. Die kolumbianische Norm sieht für Erholungsgewässer einen Höchstwert von 200 vor – der Fluss Muco überschreitet den legalen Grenzwert also um mehr als das 1.500-fache und ist damit gefährlich für Bewässerung oder menschlichen Kontakt.
Die physikalisch-chemische Analyse zeigt, dass trotz vorhandener Kläranlagen das System für die Menge an Fäkalien, die in den Fluss Muco gelangen, unzureichend ist. Laut der Überwachungsrichtlinie des Nationalen Gesundheitsinstituts INS (Instituto Nacional de Salud) sind hohe Gesamtwerte von Gesamtkolibakterien (ein Hinweis auf Wasserverschmutzung) und das Vorhandensein von Kolibakterien im Wasser mit Ausbrüchen von Magen-Darm- und Hautkrankheiten bei Kindern und anderen vulnerablen Gruppen verbunden.
Aliar-Fazenda verweigerte die im Rahmen dieser Reportage angefragte Herausgabe von Informationen zum Umgang mit Abwasser und den Kläranlagen.
Feuchtgebiete als Müllkippen?
Santiago, der im Sikuani-Reservat Wacoyo lebt, ist nicht nur Nachbar von Aliar-Fazenda – er hat auch für das Unternehmen gearbeitet und betont, dass es keine Abwasserbehandlung gibt. „Die Arbeiter dort waschen mit Wasser, das in eine Rohrleitung fließt und in eine Klärgrube gelangt […] Von dort pumpen sie es heraus, um es zu verteilen […] Sie bringen es nicht auf die Felder, sondern an einen hügeligen Ort.“
Raúl, ein weiterer ehemaliger Mitarbeiter, der ebenfalls anonym bleiben möchte, kennt Santiago nicht, bestätigt aber, dass auch er niemals eine Abwasserbehandlung gesehen habe: „Dort, wo sie die Schweine halten, gibt es einen großen Raum, wo der Mist und der Urin ablaufen. Wenn dort gereinigt wird, fließt das alles in ein Becken, das sie dann über ein Rohr in Abflüsse leiten, die sie nahe eines Feuchtgebietes angelegt haben.“
Die Anzeigen über illegale Einleitungen decken sich mit den Wasserproben und mit den Gerüchen, die die Anwohner*innen beschreiben. Santiagos Ehefrau sagt, dass sie kein Wasser mehr aus dem Fluss Muco verwendet: Sie sammelt Regenwasser und kauft Wasser, wenn es nicht regnet. „Wir haben ständig Kopfschmerzen, Grippe, und manchmal ist es nicht mal Grippe, sondern nur so ein Niesen, wo man weder Schleim noch irgendwas ausstößt. […] Wir sagen, das kommt von diesem furchtbaren Gestank.“
Die Menschen in Wacoyo sind nicht die einzigen Betroffenen. Barrulia, 29 Kilometer entfernt, ist eine Sikuani-Gemeinde, die von mennonitischen Landräubern vertrieben wurde. Auch dort litten die Menschen unter Erbrechen, Hautausschlägen und Durchfall – Symptome, die mit der Verseuchung der Wasserversorgung durch landwirtschaftliche Aktivitäten in Verbindung gebracht werden. Das Gemeindemitglied Erminsu Gaitán berichtete dem unabhängigen kolumbianischen Medium El Turbión, dass sein Enkel Axel Gaitán Chipiaje im Mai 2024 als Kind starb. In der Nähe befanden sich Schweinefarmen von Aliar-Fazenda. Erminsu und seine Gemeinde machen die Verschmutzung für Axels Tod verantwortlich. Nach ihrer Vertreibung lebt die Sikuani-Gemeinschaft von Barrulia heute in einer Sportanlage in Puerto Gaitán.
„Sie haben ein Loch gegraben, in das sie tote Schweine werfen […] Und sie lassen das nicht überprüfen, wenn Umweltschützer oder Vertreter des Staates kommen.“
— Raúl, Ex-Mitarbeiter von Aliar-Fazenda
Ein weiterer Verwandter Axels, der sich zum Schutz seiner Identität Miguel nennt und auch aus Barrulia vertrieben wurde, macht ebenfalls Aliar-Fazenda verantwortlich: „Dort, wo wir in Barrulia waren, etwas weiter vorne, da stehen etwa 20 Schweineställe und da sickert es [Fäkalien] durch.“ Öffentliche medizinische Berichte, die Axels Todesursache bestätigen, gibt es nicht.
Raúl arbeitete bei der Instandhaltung der Schweineställe, ist aber vom Umgang mit toten neugeborenen Ferkeln noch mehr schockiert als von der Verschmutzung mit Fäkalien: „Sie haben ein Loch gegraben, in das sie tote Schweine werfen, nahe eines Feuchtgebietes. Jeden Tag sterben dort 30, 50 Schweine. Und das lassen sie nicht überprüfen, wenn die Umweltschützer oder Vertreter des Staates kommen.“
Jeden Tag sterben bis zu 50 Schweine
Und es sterben nicht nur die kleinen Schweine, fügt er hinzu: „Je größer sie waren, desto enger standen sie. Sie verletzten sich gegenseitig, bissen sich. Wenn sie kein Futter hatten, töteten sie sich gegenseitig. Deshalb werden sie krank und sterben.“
In der Schweineindustrie ist es üblich, dass 10–20 Prozent der neugeborenen Schweine sterben und dass Mastschweine an Atemwegserkrankungen verenden. Doch wenn sich die Anklagen bestätigen und Kadaver ohne Kompostierung oder die Fäkalien ohne Behandlung entsorgt werden, handelt es sich nicht mehr um Tierquälerei, sondern um ein Umweltverbrechen.
Eine Informationsanfrage an das Umweltministerium wurde an die Umweltbehörde Cormacarena weitergeleitet, die für den Schutz natürlicher Ressourcen in Meta zuständig ist. Das Ministerium erklärte, es habe keine Zuständigkeit für die Überwachung oder Sanktionen bei illegalen Einleitungen – das sei Aufgabe der regionalen autonomen Behörden. Cormacarena antwortete nicht, und in ihrem Geoportal finden sich keine Hinweise auf eine Überwachung der Gewässer in der Nähe von Aliar-Fazenda.
Die Schweine wachsen, das Leben in Meta stirbt

Das Wirtschaftsmagazin Forbes schrieb 2025, dass Meta dank dieses Unternehmens nun eine Macht sei: „Puerto Gaitán, das Epizentrum dieser Revolution, konzentriert die größte Produktion von Mais und Soja im Land. Allein 2024 wurden in der Hochebene 87 Prozent der Sojabohnen und 47 Prozent des technisch verarbeiteten gelben Maises Kolumbiens angebaut.“
Doch das Wachstum geht laut Anwohner*innen und Expert*innen mit Landraub und Umweltverbrechen einher, die die indigenen Sikuani bedrohen. Nachdem diese die Jagd auf die Indigenen von 1930 bis 1970 überlebt hatten, als Siedler „die Ureinwohner töteten, zerhackten und vergifteten“, kam der paramilitärische Kommandant Víctor Carranza, der ab 1978 tausende Hektar ihrer Territorien gewaltsam übernahm. Von diesen Ländereien verkaufte María Blanca Carranza, seine Cousine und Ehefrau, die 16.000 Hektar, mit denen Aliar-Fazenda anfing.
Im August 2023 gab das Unternehmen an, bereits 50.000 Hektar zu besitzen. Es handelt sich um Gebiete, in denen heute keine Sikuani mehr leben und in denen die Präsenz von Ameisenbären, Opossums, Füchsen, Laufenten, Turpiales und anderen Vogelarten offensichtlich zurückgeht.
„Seit Aliar und die Mennoniten aufgetaucht sind, sind die Tiere verschwunden“
„Seit Aliar und die Mennoniten aufgetaucht sind, sind die Tiere verschwunden“, sagt Camilo, der auch seine Identität geheim halten möchte, im Reservat Ibitsulibo. Damit verweist er auf Zugvögel, die im September über das Gebiet ziehen sollten, etwa die Schlammtreter (Tringa semipalmata) und der Gabelschwanz-Königstyrann (Tyrannus savana).
Das Verschwinden von Vögeln und Säugetieren in Puerto Gaitán hängt mit der Zerstörung der Savanne durch mechanisierte Monokulturen zusammen, welche Wälder und lokalen Feuchtgebiete (Morichales) planieren. Damit verschlimmern sie die Gefährdung von 491 bedrohten Arten der Orinoco-Region, 23 Prozent aller bedrohten Arten in Kolumbien. Die Zerstörung der Feuchtgebiete und überschwemmten Savannen verschlimmert außerdem die globale Erderwärmung.
In den Galeriewäldern der Orinoco-Region, welche als dauerhaft nasse Feuchtgebiete die idealen Bedingungen für die Bildung von Torf schaffen, „liegt ein enormes Potenzial, die globalen Bemühungen zur Bekämpfung des Klimawandels zu unterstützen oder zu behindern“, erklärt Scott Winton, Professor an der University of California in Santa Cruz, USA. Im April berichtete Winton, dass die durchschnittliche Kohlenstoffdichte der kolumbianischen Torfmoore vier- bis zehnmal höher ist als die des Amazonas-Regenwaldes.
Winton und sein Team fanden in 51 von über 100 untersuchten Feuchtgebieten der Orinoco-Region und des kolumbianischen Amazonasgebietes Torf. Da Aliar-Fazenda Moricheras und überschwemmte Savannen zerstört hat, legen die Daten nahe, dass das Unternehmen Torfgebiete beeinträchtigt haben könnte.
Die Expansion von Aliar-Fazenda hat nicht nur die Savannen in Soja- und Maiswüsten verwandelt: Sie hat auch das uralte Gleichgewicht zwischen den Sikuani und ihrem Territorium zerstört. Wo früher Savannen und Morichales voller Vögel waren, gibt es nun misshandelte Schweine, verseuchte Gewässer, Fäkalgeruch und kranke Gemeinschaften – Bedingungen, die den jahrzehntelangen Krieg gegen die Existenz der Sikuani in ihren Wäldern fortsetzen.
Diese Reportage ist Teil einer Recherche von El Turbión, unterstützt von Global Exchange und dem Brighter Green Fund für Reportagen zu Tieren und Biodiversität. Sie ist Teil einer Serie, welche die Gewalt, Landkonzentration und den Ökozid dokumentiert, die die physische und kulturelle Existenz der Sikuani bedrohen. Die Originalfassung ist hier zu lesen.
Übersetzung: Antonia Mitko
Eine Schweinemastanlage verseucht die Orinoco-Region von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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