Chile legt gegen den Trend Staudammprojekte zu den Akten

Von Paula Leighton, SciDevNet

Wasserkraftwerk
Das Wasserkraftwerk Manduriacu in Ecuador hat 65MW und liegt am Fluss Guayllabamba. Foto: Servindi/Carlos Rodríguez/ANDES.

(Lima, 13. Februar 2018, servindi).- Dutzende von Staudämmen zerstückeln sechs der acht wichtigsten Flüsse im andin-amazonischen Raum. Einer Studie zufolge sind 142 Staudämme bereits in Betrieb oder in Bau. 160 weitere befinden sich im Planungsstadium. Gegen diesen Trend wurden in Chile in jüngster Zeit sieben Staudammprojekte zu den Akten gelegt, da sie sich – offiziell – nicht rechneten.

Staudämme zur Gewinnung von Energie aus Wasserkraft zerschneiden sechs der acht wichtigsten Fluss-Netze in andin-amazonischen Gebiet. Betroffen sind Bolivien, Brasilien, Kolumbien, Ecuador und Peru. Dies hat Auswirkungen auf die Verbindungen zwischen Wasserbecken sowie auf deren Geomorphologie. Bedroht ist die im Wasser lebende Fauna – ob Tiere, die den Ort wechseln oder in einem bestimmten Gebiet heimisch sind. Zu diesem Schluss kam eine Ende Januar in der Fachzeitschrift „Science Advances“ veröffentlichte Studie. Sie untersucht die Auswirkungen der Staudämme auf acht Fluss-Systeme, die ihren Ursprung in den Anden haben, und deren Wasser sich in die Nebenflüsse des Amazonas ergießt. Die Wissenschaftler*innen analysierten die folgenden acht Wasserbecken: Caquetá, Putumayo, Napo, Marañón, Ucayali, Madre de Dios, Beni und Mamoré.

671 Fischarten wegen Staudämmen bedroht

Als einzige Wasserbecken im andin-amazonischen Raum, die derzeit noch nicht von Staudämmen betroffen seien, nennt die Studie jene von Caquetá (Kolumbien-Brasilien) und Putumayo (Kolumbien-Peru-Brasilien). In allen anderen Fällen konzentrierten sich die Staudämme an Nebenflüssen. 671 Fischarten seien bedroht, vor allem jene, die wanderten. Als Gründe nennen die Autor*innen die Veränderungen des Lebensraums und die für die Fische nicht zu überwindenden Hindernisse. Zudem bewirkten die Sedimente, welche die Flüsse auf ihrem Weg von den Anden zum Amazonas mit sich rissen, eine Veränderung der Lebensräume. Dies habe Folgen für die Fischbestände, die Befahrbarkeit der Flüsse mit Schiffen und die landwirtschaftliche Nutzbarkeit des Schwemmlandes in den Ebenen. Die gute Nachricht sei, so Elizabeth Anderson von der Florida International University, dass die Verbindungen zwischen den wichtigsten Wasserbecken der großen Flüsse noch bestünden.

Appell zu grenzübergreifender Zusammenarbeit

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Bereits gebaute oder in Bau befindliche (rot) und geplante Wasserkraftwerke (gelb) in den andin-amazonischen Flussbecken. Die Zahl auf den Fischen markiert den Fischreichtum in jedem Becken, laut Daten des Amazon Fish Projects. Grafik: Servindi/Science

Die Wissenschaftler*innen richten einen dringenden Appell an die südamerikanischen Staaten, stärker grenzübergreifend zu kooperieren. Elizabeth Anderson, die Hauptautorin der Studie, verweist auf internationale Verträge, die ein Instrument dafür böten, die Probleme in den Griff zu bekommen. Mehrere Länder seien sich bereits der Wichtigkeit gesetzlicher Regelungen zum Schutz der Flüsse bewusst geworden. Dies gelte etwa für Kolumbien, das mit dem Siegel „Geschützter Fluss“ der großen ökologischen, aber auch der kulturellen Bedeutung der Flüsse, die durch die Staudämme bedroht sei, Rechnung zu tragen versuche.

Wasserenergie verliert zunehmend an Bedeutung

Entgegen dem Staudamm-Boom gab das italienische Energie-Unternehmen Enel Ende Januar bekannt, dass es die beiden Wasserkraft-Projekte Neltume und Choshuenco in Chile aufgebe. Somit sind dort in den vergangenen anderthalb Jahren insgesamt sieben Staudamm-Projekte zu den Akten gelegt worden. Massiven Widerstand hatte es vor allem gegen das Großprojekt HidroAysén in Patagonien gegeben. Diesem wurde im November 2017 endgültig der Stecker gezogen. In allen Fällen gab offiziell die mangelnde Rentabilität den Ausschlag. Enel behauptete aber auch, künftig keine Projekte mehr zu entwickeln, die auf den Widerstand der betroffenen Bevölkerung stießen.

Es gibt allerdings auch Stimmen, die auf die schwindende Wettbewerbsfähigkeit der Wasserkraft verweisen, die gegenüber Sonnen- und Windenergie tendenziell ins Hintertreffen gerate. Hiervon abgesehen habe sich gezeigt, dass die lokale Bevölkerung, wenn sie sich organisiere, große Macht entfalten und umweltschädliche Großprojekte zu Sturz bringen kann.

Für Anderson hingegen steht im Vordergrund, „die Bedeutung zu erkennen, die der freie Lauf eines Flusses hat (ohne Barrieren oder Staudämme). Diese natürliche Dynamik ist eng mit vielen ökologischen Prozessen verknüpft, von denen die amazonischen Spezies und auch die Menschen abhängen.“

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