„Brasilien über alles und Gott über allen“

bolsonaro Taufe
Bolsonaro wird im Jordan getauft. Die Unterstützung der Evangelikalen war mit entscheidend für den Wahlsieg des rechtsextremen Kandidaten im ersten Wahlgang. Foto: Ecupres

(Buenos Aires, 8. Oktober 2018, ecupres).- Es ist einer der Ihren, den sie auf den Thron des Wahlsiegers im ersten Wahlgang gehoben haben. Eigentlich Katholik, aber evangelisch aus politischer Überzeugung: Jair Bolsonaro. Er hat sogar einen zweiten – biblischen – Vornamen: Messias. Das Ei der Schlange hat in ihrer Schale eine Religiosität verborgen, die jetzt – wie sich gerade zeigt – Früchte trägt.

Im Mai 2016 hat der Pastor und Chef der Sozial-Christlichen Partei PSC, Everaldo Dias Pereira, Bolsonaro während eines Israel-Besuchs in die Fluten des Jordan getaucht. Vor dem Ende der Taufe fragte er ihn: „Erkennst du an, dass Jesus der Sohn Gottes ist?“ „Ich erkenne es an“, antwortete der Abgeordnete und Ex-Militär, dessen Wahlkampf auf seinen rassistischen, frauenfeindlichen und homophoben Grundsätzen beruht und die so reaktionär sind, dass Charlie Chaplin sie in seinem berühmten Film „Der große Diktator“ parodiert hätte.

Unterstützung für Bolsonaro von evangelikalen Kirchen

Die damalige Zeremonie war eine bemerkenswerte Show. Der politische Fehler seiner Gegner*innen war, ihn zu unterschätzen, als er noch nicht über einstellige Prozentzahlen hinaus kam; sie unterschätzten sowohl ihn als auch die mächtigen religiösen Gruppen, die ihn unterstützen: Die wichtigste von ihnen ist die evangelikale Universalkirche des Königreichs Gottes IURD (Igreja Universal do Reino de Deus), die 1977 von zwei Schwagern gegründet worden ist: Edir Macedo und Romildo Ribeiro Soares.

Die IURD ist eine mächtige Geldmaschine, die das zweitgrößte Fernsehunternehmen Brasiliens kontrolliert, Record. Zur selben Zeit, in der die übrigen Kandidat*innen über ihre Wahlprogramme im Fernsehen diskutierten, führte Record ein Exklusivinterview mit dem Präsidentschaftskandidaten Nummer eins.

Bereits jetzt kontrollieren die Evangelikalen ein Fünftel des Abgeordnetenhauses

Dass Bolsonaro – oder Bolso-Nazi, wie ihn Spötter nennen – so weit gekommen ist, liegt daran, dass die „televangelischen“ Kirchen eine Hauptrolle im Wahlkampf gespielt haben. In Brasilien sind sie ein beachtlicher politische Machtfaktor. Sie kontrollieren ein Fünftel des Abgeordnetenhauses. Die Evangelikalen verschiedener Glaubensrichtungen (Pfingstgemeinden, Baptist*innen, Presbyterianer*innen) umfassen 29 Prozent der Bevölkerung und liegen noch weit hinter der katholischen Glaubensgemeinde.

Bis zum Jahr 2015 wurden allein der IURD etwa 6.000 Tempel in ganz Brasilien zugerechnet (andere Quellen sprechen von 7.000, Anm. d. Ü.). Macedo ist ihr Anführer, seit sein Schwager 1980 die Internationale Kirche der Gnade Gottes gegründet hat. Die Gläubigen müssen eine Abgabe von geschätzten zehn Prozent ihrer Einkünfte entrichten. Daher stammt die enorme ökonomische Kraft der mächtigsten evangelischen Kirchen. In Argentinien hat sich die IURD mit einem Medienimperium ausgedehnt, dass sich mit drei Worten zusammenfassen lässt: Pare de sufrir („hör auf zu leiden“), ein Klassiker der morgendlichen Fernsehmessen.

IURD unterstützte einst Rousseff und die PT

Vielseitig und angepasst an die jeweiligen politischen Gegebenheiten, war die IURD einer der wichtigsten Verbündeten der Regierung von Dilma Rousseff. Die Kirche hat es sogar geschafft, zwei Minister im Kabinett der Arbeiterpartei PT unterzubringen: Den Pastor George Hilton als Sportminister und zuvor Marcelo Crivella als Fischereiminister, ein Neffe von Macedo (und Bischof der IURD, Anm. d. Ü.), der heute als umstrittener Bürgermeister von Río de Janeiro amtiert.

Die Allianz der Universalkirche des Königreichs Gottes mit der PT ging nach dem Amtsenthebungsverfahren gegen die Ex-Präsidentin Rousseff zu Ende. Die Republikanische Partei Brasiliens PRB von Macedo, die mit seiner Kirche verbunden ist, unterstützt im zweiten Wahlgang Bolsonaro. Sie hatte zunächst mit Geraldo Alckmin kokettiert, sich es aber dann hinter dem Kandidaten mit den meisten Stimmen gemütlich gemacht.

Fast alle evangelischen Kirchen unterstützen Bolsonaro

Robson Rodovalho, Gründer einer weiteren Kirche (Sara Nossa Terra de Brasilia), der 1,6 Millionen Anhänger*innen zugeschrieben werden, meinte dazu: Wenn sich alles zwischen rechts und links aufteilt, kann man nicht einfach tatenlos sitzenbleiben.“ Die Evangelikalen haben die Zahl ihrer Gläubigen systematisch gesteigert und kamen bei der Volkszählung 2010 auf 22 Prozent der Bevölkerung (damals etwa 42 Millionen Menschen). Auf die Katholiken entfielen 64 Prozent mit 123 Millionen Gläubigen.

Ohne die Notwendigkeit, Brücken in die Politik zu bauen oder ihre Abgeordneten mit etwas Bestimmten zu beauftragen, bildeten die Evangelikalen seit 2003 einen Block im Kongress, als Lula auf seinem Höhepunkt war. Heute haben sie im Abgeordnetenhaus mit fast einem Fünftel der 513 Sitze einen beachtlichen Block; allerdings ist ihre Präsenz im Senat mit gerade mal fünf von 81 Sitzen deutlich geringer. Auch Ulisses de Almeida, Pastor der pfingstlerischen Asamblea de Dios, unterstützt Bolsonaro: „Bolsonaro denkt christlich: Er verteidigt die traditionelle Familie, er ist gegen Abtreibung und die Gender-Ideologie und er ist ein ehrlicher Kandidat. Nach all der Korruption der vergangenen Jahre ist das ein wichtiger Faktor.“ Die evangelischen Kirchen in Brasilien sind ein immer stärkerer Machtfaktor geworden – auf Kosten der katholischen Kirche.

Brasilien droht Klerikalfaschismus und paramilitärische „Gladiatoren“

Die Sozial-Liberale Partei PSL des ultrarechten Militärs hat von der Unterstützung der Evangelikalen profitiert und befindet sich nun auf der Zielgeraden in den Präsidentenpalast Palácio do Planalto. Die evangelikalen Kirchen haben sogar eine eigene uniformierte Truppe, deren Stil den Ex-Hauptmann erfreuen würde, der im Wahlkampf fast durch einen Messerangriff ums Leben gekommen wäre. In der IURD nennen sie diese Truppe „Gladiatoren des Altars“. Sie laufen im Gleichschritt und in grüner Uniform durch die Gegend. Zuletzt sind sie kaum in Erscheinung getreten, aber 2015 haben sie sich auf den Plätzen in Porto Alegre, Goias und Fortaleza rumgetrieben.

Es sind Glaubenskrieger die heute Bolsonaro folgen. Gemeinsam mit ihm können sie die Zukunft Brasiliens verändern und den Virus der Intoleranz und des Rassismus auf das ganze Land ausdehnen. Sie begleiten jeden Auftritt des militaristischen Kandidaten, zusammen mit führenden Medien, den Großgrundbesitzern und seinem religiösen Arm, den evangelischen Kirchen. „Brasilien über alles, Gott über allen“ ist sein Hauptslogan. Man hört ihn in Wahlkampfveranstaltungen und in religiösen Zeremonien. Es ist wie ein „Klerikalfaschismus“, nur auf Brasilianisch.

*übernommen von Página 12

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