Was steckt hinter der Mordwelle an Jugendlichen?

Jugend ohne Zukunft: „(Präsident) Duque, töte mich nicht. Ich will meinen Abschluss machen.“ Dieses Plakat hielt Campo Elias Benavides auf einer Demonstration gegen die Mordwelle in Kolumbien hoch. Wenige Tage später wurde er in Samaniego erschossen. Seinen Abschluss hat er nicht mehr geschafft. Foto: Facebook/Contagio Radio

(Bogotá, 19. August 2020, Colombia Informa/poonal).- Innerhalb nur einer Woche wurden 17 Jugendliche und junge Menschen in verschiedenen Landesteilen Kolumbiens ermordet. Während sich die humanitäre Krise im Land verschärft, stoßen die Hilferufe der betroffenen Gemeinden bei der Regierung auf taube Ohren.

Am 9. August wurden die Leichen zweier Schüler in der Gemeinde San Gerardo, zwischen den Departments Cauca und Nariño aufgefunden. Der 15-jährige Michael Márquez und der 17-jährige Cristian Felipe Caicedo wollten ihre Hausaufgaben abgeben, als sie an einem Kontrollpunkt von Paramilitärs gestoppt und erschossen wurden.

Zwei Tage darauf wurden in der Großstadt Cali in der Provinz Valle del Cauca fünf Jugendliche ermordet: Juan Manuel Montaño, Jean Paul Perlaza, Leyder Cárdenas, Jair Andrés Cortez und Álvaro José Caicedo. Die nur 14 und 15 Jahre alten Jungen wurden in Llano Verde getötet, einem Armenviertel im Südosten der Stadt. Ihre Leichen wurden nahe der Zuckerrohrfelder gefunden und wiesen Schläge, Schnitt- und Schusswunden auf.

Missachtung der Ausgangssperre als Mordgrund?

Ihre Angehörigen sagten aus, dass sie, als sie am Tatort ankamen, dort zwei Polizeistreifen in der Nähe sahen, sowie zwei Sicherheitsleute der Zuckerrohrfelder. Jene hätten Macheten in den Händen und Blutspuren im Gesicht gehabt. Daher vermuten die Angehörigen eine mögliche Beteiligung der Sicherheitskräfte an den Morden.

Etwa zeitgleich veröffentlichte die linke Partei Farc einen Tweet, in dem sie bekannt gab, das die junge Michel Andreina Gómez Calvete auf einer Farm nahe Caucasia in Antioquia erstochen wurde. Michel war die Tochter von Sandra Calvete und Schwester von Carlos Gómez, beides Ex-Kämpfer*innen der ehemaligen FARC-Guerilla, die im Reintegrationszentrum (ETCR) in Carrizal leben. Nach Angaben des Koordinierungsteams dieses ETCRs hat die Mutter der Getöteten in den Tagen zuvor Todesdrohungen erhalten, als sie sich in der Stadt Caucasia befand; aus diesem Grund habe sich die Familie Schutz suchend in das ETCR begeben.

Acht junge Menschen in Samaniego erschossen

Drei Tage darauf, am 15. August, wurden im Städtchen Samaniego im südlichen Department Nariño acht junge Menschen zwischen 17 und 25 Jahren ermordet. Daniel Vargas, Campo Elian, Brayan Cuarán, Laura Mishael Riascos Melo, Sebastián Quintero, Óscar Obando, Byron Patiño und Rubén Ibarra befanden sich in einer Wohnung in Santa Catalina, als acht Bewaffnete auftauchten und sie wahllos erschossen. In derselben Nacht wurde in dem Städtchen die Leiche der 26-jährigen Yesica Zúñiga Jaramillo gefunden.

Wer ist verantwortlich?

Die bürgerlichen Medien haben, ebenso wie lokale und nationale Behörden, die Morde mit dem Hinweis relativiert, die jungen Opfer hätten die Ausgangssperre missachtet. Solche Aussagen lenken jedoch vom humanitären Notstand ab, unter dem die Gemeinden seit Beginn der Pandemie leiden, sowie von den tatsächlichen Verantwortlichen dieser Morde.

Im Fall von Samaniego beschuldigten die Behörden die Guerillaorganisation ELN, die Morde begangen zu haben. Die ELN weist das von sich; in einer Erklärung vom 17. August macht sie ihrerseits eine Allianz von Militär, Polizei und „Narco-Paramilitärs“ für die Taten verantwortlich.

In einem Bericht der Wochenzeitung Semana weisen Augenzeugen und Experten darauf hin, dass in und um Samaniego neue paramilitärische Gruppen aufgetaucht seien, die von mexikanischen Drogenbanden unterstützt würden. Sie wollten der dort anwesenden ELN signalisieren, dass sie nun die Kontrolle übernehmen würden. Warum Polizei und Armee die Killer nicht stoppen konnten, ist unklar.

Zunehmende Militarisierung und Reorganisierung von Paramilitärs

Unterdessen haben Bewohner*innen verschiedener Städte und ländlicher Gemeinden auf eine verstärkte Militarisierung ihrer Gebiete hingewiesen. Erika Prieto von der Menschenrechtskomission des Dachverbands Congreso de los Pueblos weist darauf hin, dass einflussreiche Gruppen wie der Regierungspartei Centro Democrático kritische und diverse Bevölkerungsgruppen stigmatisieren würden, zu denen auch die Jugend zähle. Es gebe „eine Serie von Drohungen und Anschuldigungen, die über die Medien verbreitet werden und dann werden sie ermordet“. Dabei werde auf paramilitärische Gruppen zurückgegriffen, „die nie aufgehört haben, zu existieren“ und die dabei seien, sich zu reorganisieren.

Diese Taten, so Prieto, „finden im Einvernehmen mit den Sicherheitskräften und dem Staat statt. Es ist wichtig zu verstehen, dass hier Sicherheitskräfte mit absoluter Straflosigkeit agieren“.

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