Schwere Ermittlungspannen – Mord an Umweltschützer bleibt straffrei

von Markus Plate

Grafik: Federación Ecologista(San José, 28. Januar 2015, voces nuestras).- „Parteiisch, willkürlich, verantwortungslos!“. Richterin Yolanda Alvarado machte in der Urteilsbegründung am Montag (26. Januar) ihrem Ärger über die Arbeit sowohl der Strafermittlungsbehörden wie auch der Staatsanwaltschaft Luft. Von der Beweisaufnahme bis zum Verfassen der Anklageschrift sei derart geschlampt worden, dass dem Gericht in der costa-ricanischen Hafenstadt Limón nichts anderes übrig blieb, als die sieben Angeklagten vom Vorwurf des Mordes an Jairo Mora aus Mangel an Beweisen freizusprechen.

Biologe Mora hatte Raub von Schildkröteneiern mehrmals angezeigt

Der Mord an dem 26-jährigen Biologen Jairo Mora hatte 2013 weit über die Landesgrenzen Costa Ricas für Empörung gesorgt. Der 26-Jährige hatte seit Jahren für den Schutz der Lederschildkröten in Limón an der costa-ricanischen Karibikküste gekämpft. Er war am 31. Mai 2013 gefesselt und mit einer Kugel im Kopf am Strand von Moin, in der Nähe der Hafenstadt Limón, aufgefunden worden.

Mora hatte mehrfach Anzeige gegen die Plünderung von Schildkröteneiern erstattet und Fälle über die Medien und soziale Netzwerke publik gemacht. Angesichts der zunehmenden Präsenz des Drogenhandels in der Region und dem parallel dazu wachsenden Schwarzmarkt für die Eier hatte Mora sich für ein Schutzgebiet am Strand von Moin stark gemacht und oft nächtelang zum Schutz der Brutstätten an den Stränden der Umgebung patrouilliert.

Luxusvillen und Privatstrände statt Lederschildkröten

Just am Strand des Tatortes wird in ein paar Jahren ein großes Container-Terminal entstehen. Und unweit davon soll für eine halbe Milliarde US-Dollar eine riesige Marina für 500 Boote, mit Wohnparks und Luxusvillen, Geschäftsvierteln und Privatstränden aus dem Meer und dem Strand gestampft werden. Schildkrötenschutz stößt hier also auf handfeste Wirtschaftsinteressen. Doch weder in Richtung Drogenhandel noch zu geplanten Megaprojekten wurde im Mordfall Mora ernsthaft ermittelt. Stattdessen konzentrierten sich die Ermittlungen schnell auf die Verdächtigen und die Anklage Raubmord.

Die Ermittlungspannen in der Folge des Mordes hatten es in sich. Aussagen der Ermittler*innen deckten sich nicht mit den Beweisfotos vom Tatort, auf die Hinzuziehung von Forensiker*innen wurde verzichtet, eine ohnehin mangelhafte Auswertung von Telefondaten dem Gericht erst gar nicht vorgelegt, der Datenträger mit der Dokumentation der Ermittlungen war plötzlich verschwunden.

Die verantwortlichen Beamt*innen erwartet nun ein Ermittlungs- und Disziplinarverfahren. Der Hinterbliebenenanwalt kündigte ebenso wie die Staatsanwaltschaft an, in Berufung gehen zu wollen. Vier der sieben Angeklagten müssen dennoch für Jahre hinter Gitter, wenn auch nicht für den Mord an Jairo Mora. Sie wurden vom selben Gericht vorangegangener Taten, darunter Sexualverbrechen, schweren Raubes und Freiheitsberaubung für schuldig befunden und zu 17 bis 27 Jahre Haft verurteilt. Die drei übrigen Tatverdächtigen entkamen einer Verurteilung.

Enttäuschung, Empörung und ein politisches Nachspiel

Mauricio Alvarez, Sprecher der costa-ricanischen Umweltschutznetzwerkes Federación Ecologísta, sprach in einer ersten Reaktion von „Enttäuschung und Empörung“ über den Prozessverlauf, auch wenn ein solches Urteil auch nach den Erfahrungen der Vergangenheit „zu befürchten“ gewesen sei. In den letzten 30 Jahren hätten Morde an mindestens 10 Umweltschützer*innen zu keiner Verurteilung geführt. Zudem seien zahllose Drohungen gegen und Angriffe auf Aktivist*innen folgenlos geblieben. Und Costa Rica sei da kein Einzelfall: Von weltweit 908 dokumentierten Morden an Umweltschützer*innen in den Jahren 2002 bis 2013 seien nach einer Untersuchung der britischen Organisation “Global Witness” nur 10 aufgeklärt und die Verantwortlichen verurteilt worden.

Auch die Federación Ecologísta kündigte Konsequenzen an: Man denke über eine Anzeige gegen die Ermittlungsbehörden nach und werde dafür sorgen, dass das Thema auch im Parlament zur Sprache komme, so Alvarez. Zumindest das Versagen der Ermittlungsbehörden soll nicht straffrei und folgenlos bleiben.

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