„Reden wir über den chemischen Krieg“

Alle Fotos: Paula Acunzo und Fede Rotter.

(Santiago de Chile, 10. Dezember 2019, desinformémonos).- Zehn Tage lang haben ich (Paula Acunzo) und mein Kollege Fede Rotter über die Proteste aus Chile berichtet. Wir müssen laut und deutlich darüber berichten, was gerade in Chile passiert. Uns ist bewusst, dass dieser Konflikt viele Seiten und seinen historischen Kontext hat. Aber das hier ist UNSERE Perspektive.

Zuallererst wollen wir klarstellen, dass wir sehr genau wussten, was auf uns zukommt. Wir waren vorbereitet, hatten die entsprechende Ausrüstung und sind auch in moralischer Hinsicht bestmöglich vorbereitet gewesen. Wir wussten, dass die Polizei keinen Protokollen folgt, dass die mörderischen Polizist*innen euphorisch und unkontrolliert verletzen, wie man es außerhalb der Kriege im Mittleren Osten noch nie gesehen hat. Vom Tag unserer Ankunft bis zu unserer Abreise war die Plaza de la Dignidad („Platz der Würde“, ehemals Plaza Italia) voll mit Menschen. Tag für Tag, manchmal mehr, manchmal weniger. Freitag war immer der intensivste Tag, aber manche Dinge passierten immer wieder.

„Primera línea“ an vorderster Front

Zunächst gibt es auf den Protesten die primera línea („die erste Reihe“). Das sind junge Leute, die dort die Stellung halten, damit ihre chilenischen Familien, Freund*innen, Brüder und Schwestern ihre Meinung öffentlich kundtun können, ohne größeren Gefahren ausgesetzt zu sein. Dafür sind sie selbst aber diversen Quälereien ausgesetzt: Sie werden mit dem Wasser aus den Wasserwerfern vertrieben. Dabei möchte ich betonen: Wenn dich der Wasserdruck allein nicht verletzt, dann lassen sie es auf dem Boden abprallen, damit dich Glassplitter oder schwere Gegenstände vom Boden kommend verletzen. Sie benutzen Wasser, das mit verschiedenen Chemikalien versetzt ist: Tränengas, Pfefferspray, manchmal mischen sie es mit Salzsäure oder Ätznatron. In jeden Fall sind es Chemikalien, deren Zusammensetzung sie uns nicht mitteilen wollen.

Neben den drei Wasserwerfern, die sie guanacos nennen, setzen sie noch ein kleines gepanzertes Fahrzeug ein, das sehr giftiges Gas versprüht – den zorrillo (Stinktier). Wir hatten unsere Masken zwar mit besonderen Filtern für solche chemischen Waffen vorbereitet, aber trotzdem mussten wir uns nach 30 Sekunden entfernen, denn dieses Gas verbrennt dir die Lunge. Das Gefühl, zu ersticken ähnelt dem, dass du denkst, du bekommst einen Herzinfarkt und wirst ohnmächtig. Die primera línea hält das aus, obwohl die Menschen dort nur Tücher und Schutzbrillen tragen. Zusätzlich zu diesen Folterinstrumenten gibt es einen Panzer, der Tränengas auf Kopfhöhe in 80 bis 100 Metern Entfernung versprüht. Wir haben junge Leute gesehen, die bewusstlos geworden sind oder starben, weil sie ihnen das Gas mit solch heftiger Kraft direkt ins Gesicht sprühten.

Nach dem Tränengas kommen die Polizist*innen

Wenn die erste Reihe alledem standhält, kommen die Polizist*innen wie eine unkontrollierte wilde Herde auf sie zu. Dann beginnen die Schläge, die Jagd und die willkürlichen Festnahmen. Ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht treten dann 20 Polizist*innen auf einen Menschen ein. Sie würgen sie und schlagen sie ins Gesicht.

Vom ersten Tag an wussten wir, dass die Arbeit hier sehr schwer werden würde; dass es keine Möglichkeit geben würde, über das hier zu berichten, ohne selbst genauso zu leiden wie die Demonstrierenden. Aber wir mussten die systematische Gewalt des Staates dokumentieren.

Wenn gar nichts mehr funktioniert, verharrt die erste Reihe trotzdem – stoisch, auch wenn die Menschen bereits überall verstreut sind. Dann fangen die Carabineros an, mit den sogenannten Gummigeschossen direkt aufs Gesicht zu schießen. Schläge, Gase, Chemikalien – das alles wird eingesetzt, egal ob legal oder nicht.

Solidarität der Bevölkerung lässt nicht nach

Aber die Solidarität der chilenischen Bevölkerung im Kampf lässt nicht nach. Sie schützen einander, es gibt Brigaden von Freiwilligen, Krankenpfleger*innen, Ärzt*innen, Studierenden und Menschen, die sich um die Vielen kümmern, die nicht ins Krankenhaus gehen wollen, weil sie den Institutionen nicht mehr trauen. Es gibt Menschen, die umsonst Essen vorbereiten und verteilen, seien es belegte Brote, Linsengerichte oder einfach nur Wasser.

Am ersten Tag unserer Berichterstattung flüchtete ich vor einem Wasserwerfer, der sich genau auf mich zu bewegte, obwohl ich klar als Journalistin erkennbar war. Als ich floh, traf mich ein Schlag direkt im Gesicht. Hätte ich keine Schutzbrille und keinen Helm aufgehabt, wäre ich gestorben. Am nächsten Tag erst sahen wir die Spuren, die der Schlag auf der Brille zurückgelassen hatte. An diesem Tag ging meine Kamera kaputt.

Unsere Freundin (und die beste Berichterstatterin Chiles, die schon seit dem ersten Tag der Massenproteste dokumentiert, was in ihrem Land geschieht) Claudia Andrea Aranda Arella beharrte darauf, dass wir blieben. Ich nahm also mein Handy und filmte, während Fede fotografierte, wie ein Typ von sechs Polizist*innen geschnappt wurde, wie sie ihn dann auf den Kopf traten und würgten, bis sie ihn schließlich in die gefürchtete „Raupe“ (einen grauen Kombi) brachten – wenn du da drin bist, weißt du nicht, ob du lebend herauskommen wirst.

Seit diesem Tag nannten mich die Polizist*innen jedes Mal, wenn sie mich sahen, die „Nutten“-Journalistin. Sie ließen ihre Wut an mir aus, weil ich eine Frau war, weil ich Journalistin war, weil ich in der ersten Reihe war und fünf Meter neben ihnen dokumentierte, was passierte.

Die Gewalt nahm zu

Dank der Unterstützung vieler Kolleg*innen des chilenischen Journalist*innenverbands Colegio de Periodistas de Chile und der Agentur Pressenza sowie vor allem Claudia Andrea Aranda Arellano gelang es mir, meine Kamera wieder funktionstüchtig zu machen. Auch dank unseren Freunden des Fotohauses Simonetti, die unsere prekäre wirtschaftliche Situation kannten und uns ihre Arbeit für die Hälfte des Preises gaben, nachdem wir sie angefleht hatten. Dort zeigten sie uns Fotos und sagten uns, dass an der Kamera außer dem Schlag auch Ätzkalk erkennbar war, was bedeutete, dass der ganze Kreislauf des Lichtmessers geschwefelt war.

Am dritten Tag, nach den inzwischen fast schon normal gewordenen Taten der Staatsgewalt, eine Repression, die in Richtung eines Massakers ging, gelang es mir zu fotografieren, wie ein zorrillo grünes Gas versprühte. Noch wissen wir nicht mit definitiver Sicherheit, was es war, aber es scheint ein Nervengas zu sein. (Verschiedensten Medienberichten zufolge handelt es sich bei dem grünen Gas um ein schon lange verbotenes Kampfmittel, welches Leberfunktionsstörungen hervorrufen kann, Anm. d. Übers.) Claudia leistete einem Jugendlichen, der es einatmete, Erste Hilfe. Sie denkt, dass er Nervenschäden erhalten hat.

Inmitten von derben Drohungen und Schlägen machte Fede Fotos, wie Leute aus der ersten Reihe auf unmenschliche Weise festgenommen wurden: am Hals gepackt, zu Vielen überwältigt. Manchmal legten sie ihnen gleich das Schutzschild über das Gesicht, damit Fede sie nicht mehr fotografieren konnte. Sie sahen ihn an und gaben ihm zu verstehen, dass sie auch ihn jeden Moment schlagen könnten.

Beabsichtigte und strukturelle Staatsgewalt

An diesem Punkt der Geschehnisse muss man nicht mehr erklären, dass diese staatliche Gewalt beabsichtigt und strukturell ist. Diese Gewalt versucht, zu töten und die Menschen, die für ein gerechteres Gesellschaftssystem kämpfen, fertigzumachen. Und jedes Mal, wenn sie uns sahen, schlugen sie uns und versprühten Gas. Und immer wieder beleidigten sie mich.

An einem Tag wurden wir getrennt. Fede muss sich große Sorgen gemacht haben, denn er kam nicht an unseren Treffpunkt. Die Polizist*innen hatten die Brücke Pío Nono gesperrt und hinderten uns ohne Grund daran, sie zu überqueren. Die Menschen begannen sich zu beschweren, damit sie endlich nach Hause gehen konnten. Fede hatte seine Sicherheitsausrüstung schon abgenommen, es war 23 Uhr und er wollte nur noch am Treffpunkt ankommen. Als sie uns über die Brücke ließen, pfefferten sie mir und drei weiteren jungen Frauen unter „Schlampe“-Rufen direkt ins Gesicht. Das war kein normales Pfefferspray, sondern militärisches. Ich habe versucht, mit dem Handy zu filmen, was passierte. Und ein weiteres Mal musste mich ein Sanitäter behandeln, meine Haut war gerötet und im Gesicht verbrannt. Fede wartete auf mich und dokumentierte auf seinen Fotos auch die Brutalität und die Jagd, die seitens der Polizei weiter ging. Vorsichtig fotografierten wir einige Verletzte, achteten aber immer darauf, weder die Gesichter der Verletzten zu zeigen noch die derer, die sie behandelten. Wir baten sie, sich zu vermummen und eventuelle Tattoos zu bedecken.

Manchmal kamen „Pseudo-Journalist*innen“, also verdeckte Polizist*innen, die uns einschüchtern und uns vom Filmen und Fotografieren abhalten wollten. Außerdem wollten sie Informationen von uns. Fede hielten sie einmal direkt an und bedrohten ihn, als wir dabei zusahen, wie die Carabineros einen Kiosk verwüsteten und nach irgendetwas suchten.

Ein Polizist schoss mir eine Schrotkugel in den Fuß

Als der Polizei nichts anderes mehr einfiel, fing sie an, Steine zu werfen. Sie stellten sich den Menschen gegenüber und bewarfen sie mit Steinen, feuerten Glaskugeln mit Gummimantel und schließlich Schrotkugeln. Einmal näherte sich mir ein Polizist, ich sei eine Schlampe und schoss mir in den Fuß, danach dann auf den Sanitäter, der mich nach dem Schuss mit der Schrotkugel versorgte, deren Spuren noch heute auf meinem rechten Knöchel zu sehen sind. Zum Glück hatte ich feste Schuhe an!

Aber die Menschen widersetzen sich weiter und wehren sich. Seit fast 50 Tagen. Wir waren bei der ersten Reihe, erstaunt und überrascht darüber, wie heldenhaft die Menschen dort sind. Viele Male beschützten uns allein ihre Schilde vor den Wasserwerfern, als der Wasserstrahl für 30 oder 40 Sekunden direkt auf uns zielte. Und es war immer das Gleiche: Ab 20 Uhr abends wussten wir alle, dass die Repression noch grausamer wird.

Ab 20 Uhr wurde die Repression noch grausamer

Die feministische Bewegung demonstrierte, indem sie dieses wunderbare Lied sang, das inzwischen auf der ganzen Welt in unterschiedlichen Sprachen wiederholt worden ist. Die Frauen prangerten damit die furchtbaren Menschenrechtsverletzungen an, unter denen sie besonders leiden: Sie vergewaltigen, foltern, zwingen Frauen dazu, sich nackt auszuziehen und so Kniebeugen zu machen, nackt durch das Gefängnis zu laufen, während sie ständig angefasst werden, sie stecken ihnen die Waffen in die Vagina. Aber auch die Männer werden gefoltert, viele haben berichtet, dass ihnen Waffen in den After gesteckt und sie gedemütigt wurden.

Der Freitag kam und wir sahen die bombermen, unglaubliche junge Menschen, die die Tränengaskartuschen nehmen und sie löschen oder zur Polizei zurückwerfen, auch wenn sie dann selbst den Qualen des Gases ausgesetzt sind. Wir sahen, wie die Polizei mit Chemikalien die Geräte der medizinischen Hilfseinheit durchnässte, obwohl sie klar gekennzeichnet war; ihre ganzen Materialien wurden beschädigt oder zerstört, damit sie keine weiteren Demonstrierenden mehr verarzten konnten. Am Freitag war der Platz prall gefüllt, wir haben so etwas vorher noch nie gesehen. Tausende und abertausende Menschen sangen friedlich und beschwerten sich über Piñera. Das ist glaube ich, was am meisten zählt.

Schon seit einer Woche beleidigten sie mich, besprühten mich mit Gas und misshandelten mich, aber ich war mit den Leuten in der ersten Reihe. Das waren wir beide.

Auf einmal kesselten sie uns ein

Auf einmal kesselten sie uns alle ein, mehrere von uns waren von der Presse. Wir versuchten, so schnell wie möglich wegzukommen, weil wir wussten, dass sie uns gegenüber kein Mitleid haben würden. Als sie keine Menschen mehr aus der Menge zogen, brüllten sie uns an, wir sollten uns zurückziehen. Aber als wir uns umdrehten, prügelten sie uns windelweich: Einem Kollegen brachen sie das Schulterblatt. Fede traf es zum Glück nur am Rucksack, mich schlugen sie mit ihren Schlagstöcken auf Rücken und Beine. Fede gelang es, in genau dem Moment zu fotografieren, als ich eingeschlossen zwischen den Polizisten stand und mich mit erhobenen Armen als Presse zu erkennen gab. Ich schob mich vorwärts und eine Sekunde später fotografierte Fede das Gesicht des Polizisten, der seine Wut an mir ausgelassen und mir wehgetan hatte.

Diesen Moment hat meine Freundin Claudia gefilmt, weil sie wollte, dass dieser massive Gewaltakt gezeigt wird. Ich weinte, weil ich Schmerzen hatte – nicht, weil ich schwach war oder eine Frau. Ich weinte wegen der Ohnmacht, weil ich Fede verloren hatte und nicht wusste, ob er körperlich unversehrt war. Ich weinte, weil die giftige Luft mir kaum erlaubte, zu atmen, sodass ich schon ganz rot angelaufen war. Ich musste meine Schutzausrüstung abnehmen, damit sie meine Verletzungen beurteilen konnten. Ich weinte lange und Federico wurde immer wütender, weil ich seit einer Woche ununterbrochen von der Polizei angegriffen wurde, weil ich eine Frau war und mich in der ersten Reihe aufhielt. Mir ist klar, dass so etwas passieren kann, aber das machte die Schmerzen nicht weniger.

Zehn Minuten, bevor das alles passiert war, hatte ein angeblicher Kollege von Chilevisión (zumindest sagte das seine Kleidung) mir gedroht, ich dürfte weder Fotos machen noch filmen. Mir erschien das absurd, weil alle dort mit dem Handy filmten, um zu zeigen, was passierte. Ich glaube, er war eher ein Verräter als ein Kollege. In dieser und der folgenden Nacht erhielten wir tausende Nachrichten der Unterstützung, voller Zuspruch und Respekt.

An einem Tag hielt Fede kurz an, um sich am Eingang zur Metrostation Baquedano an der Plaza de la Dignidad kurz mit jemandem zu unterhalten. Die Leute waren entsetzt, zerrten ihn am Arm, damit er weglief. Sie erklärten ihm, dass schon seit vielen Tagen Polizist*innen aus der Station kamen und Menschen festnahmen, sie folterten und sogar umbrachten. Deswegen versuchten die Leute, den Eingang mit Schutt zu blockieren, obwohl immer die Angst bestand, dass sie zwischen den Gittern durchschießen und dass aus den Lüftungsschächten der Station Gase entweichen. Wir haben noch nie schlimmere Energien gespürt. Oft vermieden wir diese Gegend, weil besonders ich viel Angst hatte und Fede sich dort in einer furchtbaren Stimmung befand, die ihm die Haare zu Berge stehen ließ.

Einige Tage später verließen wir Chile. Ich weiß, dass einige Kolleg*innen das nicht verstehen werden, weil sie meinen, das sei es nicht wert. Die Menschen kamen zu uns und unterstützten uns, sie umarmten und begleiteten uns, boten uns Geld an, um die Kamera zu ersetzen und ließen es uns nicht ablehnen. Sie schützten uns so wie nie zuvor und entschuldigten sich im Namen der chilenischen Bevölkerung (was für eine Schande, dass sie sich entschuldigen, obwohl sie doch nur kämpfen und uns nur unterstützen wollten). Es war eine riesige Geste der Leute.

Der Staat will die Protestierenden zum Schweigen bringen

An unserem letzten Tag schrieb ich in den sozialen Netzwerken einen persönlichen Aufruf, in welchem ich erklärte, dass ich die Menschen aus der ersten Reihe porträtierten wollte – natürlich vermummt, damit die Carabineros die Gesichter nicht wiedererkennen. Es meldeten sich mehr als 50 Personen bei uns, die sich fotografieren ließen. Sie umarmten mich und brachten mich zum Weinen. Auch Fede war sehr mitgenommen und dankbar, wir konnten das alles kaum glauben.

Dieser Tage sahen wir, was meiner Meinung nach ein Genozid ist. Der Staat möchte auf systematische Weise den Teil der Bevölkerung umbringen, der seine Rechte einfordert.

Unsere Freund*innen haben uns in einem Gemeinschaftshaus untergebracht und uns Tag für Tag mit Essen und Tee versorgt, wenn wir von den Demonstrationen zurückkamen und wegen des Tränengases nicht atmen konnten. Wir arbeiteten bis vier oder fünf Uhr morgens und übertrugen unsere Fotos, am nächsten Tag standen wir auf und waren motiviert, weiterzumachen. Fede haben sie das Gesicht mit Gas verbrannt, noch immer sieht man die Verbrennungen. Sie haben ihn verfolgt und misshandelt. Claudia wurde mehrere Male festgenommen, auch während der Sperrstunde.

Der Widerstand hat uns tief bewegt

Aber wir waren da. Weil wir denken, dass das hier genau das ist, was wir machen müssen, können und wollen. Das hier ist unsere moralische Pflicht als Journalist*innen: Dieses Massaker und den Widerstand der chilenischen Bevölkerung dokumentieren, der uns tief bewegt und beispielhaft erscheint. Ich weiß nicht, ob wir als Argentinier*innen jemals ein solches Ausmaß an Solidarität untereinander erreichen, um so einen starken Widerstand aufzubauen.

Es gibt keine offiziellen Zahlen und die, die es gibt, kommen von konservativer Seite, weil viele Menschen sich nicht im Krankenhaus behandeln lassen wollen, weil sie den Institutionen nicht vertrauen. Aber nach allem, was wir gehört haben, gibt es mehr als 50 Tote, hunderttausende Verletzte in jeglicher Hinsicht und mehr als 2000 Festgenommene.

Die Arbeit war für uns persönlich sehr schwierig; nicht nur haben sie uns verletzt, die Polizist*innen haben uns mit Gegenlicht geblendet, ein starkes weißes Licht, das verhinderte, dass wir Fotos machten und filmten. Ein Großteil der chilenischen Presse ist Komplizin des Staates und berichtet gar nichts. Sie erzählen Märchen und Dummheiten, um die Bevölkerung abzulenken. Schwestern und Brüder: Nicht alle Journalist*innen sind gleich. Wir verstehen, warum ihr nur noch so wenigen traut.

Krieg gegen die Bevölkerung

Piñera hatte im Oktober gesagt, sie seien im Krieg. Wir können sagen, dass das stimmt: Sie sind im Krieg gegen ihre Bevölkerung. Der repressive Staat möchte seine Bevölkerung vernichten. Mitte Dezember wurden das Anti-Vermummungsgesetz sowie das Anti-Barrikadengesetz verabschiedet. Diese Gesetze werden nur dazu führen, dass noch mehr Blut vergossen wird. Außerdem wollen sie ein weiteres Foltermittel hinzuziehen: ein Tonsignal, das Demonstrierende taub machen kann. Es reicht ihnen nicht, den Demonstrierenden die Augen genommen zu haben, sie zu verletzten oder zu töten, jetzt sollen sie auch noch taub werden.

Wir wünschen uns nur, dass sich die chilenische Bevölkerung weiterhin wehrt! Brüder und Schwestern: widersetzt euch! Es gibt kein Zurück. Die Würde, die ihr sucht und die ihr bereits habt, kann euch niemand mehr nehmen. Es gibt keine Pressefreiheit, es gibt keine Versammlungsfreiheit, es gibt nur den Tod. Sie versuchen, eure Hoffnungen zu töten, denn Menschen ohne Hoffnungen sind besiegte Menschen.

Es gibt kein Zurück

El pueblo unido jamás sera vencido! Es ist nicht wichtig, wie lange ihr noch so weiter machen müsst, denn am Ende müsst ihr gehört werden – auch wenn Piñera bis jetzt weniger Ahnung hat als ein Affe und seine Polizist*innen skrupellose Mörder*innen sind.

Wir sind bereits zurück in Argentinien. Wir bedanken uns für eure Unterstützung, eure Umarmungen, Nachrichten, Sorgen und Begleitung und vor allem für den Kampf in der ersten Reihe. Unabhängig von meinem Geschlecht habt ihr uns an eurer Seite stehen lassen und habt auf eure Art und Weise gekämpft, so wie wir mit der Kamera.

Wir haben unsere Fotos verschiedenen Menschenrechtsorganisationen bereitgestellt, um Anzeigen einzuleiten. Wir verbreiten die Fotos frei, damit alle sehen können, was passiert und sich – ohne Angst – schützen.

Was in Chile passiert, ist traurig aber ein Wunder. Ohne Fahnen, Vorurteile und mit ganzer Überzeugung kämpft ihr zusammen bis zum gemeinsamen Ziel. Die Bevölkerung hat keinen Preis.

Wir müssen uns bei vielen Menschen bedanken: bei der chilenischen Bevölkerung, der ersten Reihe, unserer besten Freundin, der Berichterstatterin Claudia Andrea Aranda Arellano (der ihr folgen und als Quelle vertrauen könnt), die an unserer Seite alles ertragen hat, den freiwilligen Sanitäter*innen und dem Notfallsanitäter, der mich abseits seiner Arbeitszeit müde, aber gewissenhaft behandelt hat. Danke an die Menschen, die uns ein Zimmer im Haus und Essen gaben, für ihren Schutz, ihre Fürsorge und Liebe. Danke An Oleg Yasinsky, an die Agentur Pressenza, an den Journalist*innenverband Colegio de Periodistas de Chile, an alle Unbekannten, die uns unterstützten und so viel beigebracht haben, an die Kolleg*innen, die uns gut behandelten. Auch danken wir dem argentinischen Konsulat, das sich um uns gekümmert hat. Wir bitten unsere Familien um Entschuldigung, dafür, wie viele Sorgen sie sich gemacht haben müssen.

Für ein gerechteres Chile: Setzt euch eine Kapuze auf und geht raus auf die Plaza de la Dignidad! Lasst nicht zu, dass sie euch trennen oder ablenken, auch nicht, dass sie euch falsche Illusionen machen. Wir sagen Danke und wünschen euch viel KRAFT! Hasta la victoria! Danke für den allergrößten Preis: Dass wir an eurer Seite stehen durften, dass ihr uns vertraut habt und wir euch fotografieren und eure Geschichten erzählen durften.

Mein Liebling Fede Rotter: Danke, dass du mich begleitet hast. Deine Fotosammlung ist wunderbar und stellt öffentlich zur Schau, welche Gewalt die chilenische Bevölkerung zur Zeit aushalten muss. Du hast dafür in Chile dein Leben riskiert.

Die Fotostrecke findet ihr hier.

(Anmerkung der Redaktion: Die Proteste haben an Intensität abgenommen, finden aber immer noch fast täglich statt, vor allem Freitags. Bislang sind bei den Protesten etwa 30 menschen gestorben, etwa 2.000 sitzen in Haft).

CC BY-SA 4.0 „Reden wir über den chemischen Krieg“ von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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