Fahnenverbrennung löst Unruhen aus

Ein Polizist lässt sich die Wiphala aus seinem Abzeichen rausschneiden. Screenshot: Bolpress

(La Paz, 11. November 2019, bolpress).- Nachdem Oppositionelle die indigene Flagge Wiphala öffentlich verbrannt hatten, erhoben sich am Montag, 11. November, tausende Landbewohner*innen und Mitglieder verschiedener sozialer Gruppierungen. Sie organisierten Märsche in die Großstadt El Alto und griffen die Polizei an, die noch am Morgen mit Gewalt gegen die Demonstrant*innen vorgegangen war. Sie protestieren gegen die Umstände des Rücktritts von Evo Morales, die sie als Staatsstreich bezeichnen.

Am Sonntagabend hatten Anhänger*innen des Anführers des Bürgerkomitees aus Santa Cruz, Luis Fernando Camacho und des oppositionellen Präsidentschaftskandidaten Carlos Mesa die Wiphala verbrannt, die viereckige Flagge mit sieben Farben als Symbol der Aymara. Gleichzeitig hatten meuternde Polizist*innen das Aymara-Symbol vom Regierungspalast in La Paz gerissen und in Santa Cruz schnitten Polizeibeamt*innen dieses demonstrativ aus ihren Uniformen. Die Gefolgsleute derer, die sagen, sie verteidigten die Demokratie, entfernten die Flaggen außerdem von allen öffentlichen Orten.

„Die Wiphala gehört nicht Evo Morales und nicht dem MAS (Movimiento al Socialismo), sie ist unser Symbol als Aymaras, Quechuas und andere indigene und angestammte Nationen. Wo sind Rafael Quispe und Nelson Condori und die Anderen, die sich an die reaktionäre Rechte verkauft haben? Warum verteidigen sie diese nicht? (…) Das Beben wird von unten kommen, carajo“, schrieb der Historiker und Bauernführer Felipe Quispe Huanca.

Jahrhunderte alte Beleidigungen

Und der Aymara-Blogger Iván Apaza schrieb: „Bis gestern waren wir unschlüssig und überlegten, ob wir nun dieses oder jenes tun sollten. Wir wussten nicht, ob wir Evo Morales unterstützen sollten und das, was er während seiner Amtszeit eigentlich getan hat oder wofür er stand. Wir wussten auch nicht, ob wir uns dem anderen Lager anschließen sollten, das angeführt wird von Rassisten und Mördern angeführt wird. Sie prahlen zwar damit, dass sie demokratisch und antirassistisch seien, aber sie verbrennen die Wiphala, das glühende Symbol des antikolonialen Kampfes, sie misshandeln Frauen in polleras [traditionelle Gewänder] und verspucken ihren Hass auf den Straßen. Es geht mir nicht um eine Opferrolle, es ist einfach nur das, was ich draußen sehe.“

Weiter schrieb er: „Seitens der Nachfolger aus der republikanischen Schicht hat eine neue Welle von Hasstiraden begonnen, die die kulturelle und soziale Vielfalt nicht anerkennt; deren Beleidigungen, welche sich nun wieder gegen die Aymaras, Quechuas und andere Gruppen richtet, sind schon viele Jahrhunderte alt. Man hält uns für Masistas [Anhänger*innen der sozialistischen MAS], für Zerstörer, Verbrecher und Gauner, die Chaos verbreiten wollen. Man unterstellt uns, Teil von „plündernden Horden“ zu sein. Doch auf welcher Grundlage? Ihre einzige Grundlage ist es, dir mit einem Wort die Legitimation zu entziehen: Du bist doch Masista! Und auf unsere Erwiderungen darauf antworten sie gar nichts. Nicht ein Wort.“

„Bürgerkrieg, jetzt“

„Wir akzeptieren den zivil-polizeilichen Staatsstreich nicht, auch nicht den der Medien“, sagten Anführer*innen der ländlichen Lehrer*innenschaft und riefen zum allgemeinen Widerstand auf. In El Alto wurden am Morgen des 11. November Demonstrant*innen von Polizist*innen niedergeschlagen, als sie sich gegen den sogenannten Putsch der Rechten stellten. Das Ergebnis dieser Repression waren mindestens fünf Verletzte.

Unterdessen waren aufgebrachte Landbewohner*innen und Aymaras in El Alto eingetroffen, viele riefen: „Bürgerkrieg, jetzt“ (“Ahora sí, guerra civil”). Die wütende Menschenmenge verwüstete Polizeistationen, die gegen Morales gemeutert hatten und gegen die Bevölkerung vorgegangen waren, und erreichte so den Rückzug der Einheiten. Diese sammelten sich daraufhin im Polizeirevier des Viertels Ciudad Satélite. Auch in anderen Gebieten wurden Polizeistationen gestürmt, wie im Süden der Stadt Cochabamba.

Menschen „nicht zurückzuhalten“

„Die Menschenmasse ist nicht zurückzuhalten“, sagte ein Polizist während eines Rückzugs. Von der am Regierungssitz von La Paz gelegenen Plaza Murillo aus, wo zuvor Oppositionelle tagelang Präsident Morales belagert hatten, begannen diese nun die Bevölkerung um Hilfe zu rufen.

Derweil erklärte der Polizeikommandant von La Paz, José Barrenechea, dass die Polizeibeamt*innen durch die Gewalt überrumpelt worden seien und bat das Militär, einzugreifen. Andere Polizist*innen begannen öffentlich zu beten, da sie mit ihrer Auflehnung gegen Morales als Verbündete der Putschist*innen wahrgenommen wurden.

Wiedergutmachung für die Wiphala

Mitarbeiter der Polizei versuchten nun die Gemüter zu besänftigen, indem sie auf der Plaza Murillo einen Akt der Wiedergutmachung für die Wiphala begingen und hastig ihre Polizeistationen verließen. Währenddessen kursieren in sozialen Netzwerken sowohl Nachrichten, die die Ehrung für die Wiphala einfordern, als auch eine Stellungnahme der oppositionellen Senatorin Jeanine Añez, die nun möglicherweise als Interimspräsidentin fungiert. In der Stellungnahme erklärt sie, dass ihr Land „kein Collasuyo [Teil des Inkareiches] sei und „auch keine Flagge wie die Wiphala möchte“.

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