Abschied mit Augenklappe

Mónica Echeverría (2. September 1920 – 3. Januar 2020). Foto: Wikipedia

(Berlin, 10. Januar 2020, npla).- Chile trauert in diesen Tagen um Mónica Echeverría, eine Frau, die in ihren fast 100 Lebensjahren nicht nur eine aufmerksame Kritikerin ihres Landes war, sondern viele kulturelle und politische Akzente setzte, als Dramaturgin und Leiterin eines avantgardistischen Theaters, als feministische Kulturschaffende, als Schriftstellerin und Journalistin, vor allem aber auch als unermüdliche Menschenrechtlerin und Aktivistin, die bis zuletzt noch im Rollstuhl an Demonstrationen teilnahm.

Geboren wurde Echeverría 1920 in aristokratischen Kreisen: sie konnte blaues Blut aus Spanien vorweisen und einen Großvater, der sich in den 1920er Jahren als fortschrittlicher Senatspräsident einen Namen machte. Sie selbst studiert nach dem Besuch einer Klosterschule Literatur und interessiert sich für experimentelles Theater. “Ich war Studentin und ein reiches Mädchen”. Doch spätestens mit der wenig standesgemäßen Heirat des Architekten Fernando Castillo Velasco beginnt ihr Abschied aus dem goldenen Käfig. Auch ihre Rolle als Ehefrau und Mutter interpretiert sie selbstbestimmt. Sie arbeitet als Lehrerin, tritt als Schauspielerin auf, gründet ein Theater und beginnt erste Stücke zu schreiben. Echeverría begeistert sich für die chilenische Studierendenrevolte 1967, besucht 1968 das kommunistische Kuba und erlebt den Anbruch einer neuen politischen Zeitrechnung: die Wahl Salvador Allendes als Präsidenten des linken Regierungsbündnis Unidad Popular.

1973 Hilfe für politisch Verfolgte

Dabei war Allende anfangs gar nicht ihr Kandidat, sondern ein christdemokratischer Reformer. Doch schnell wird auch sie angesteckt von der aufblühenden Kulturszene, die sich der breiten Bevölkerung öffnet. Ab 1972 arbeitet Echeverría neben ihrem Engagement im Theater als künstlerische Beraterin für einen Fernsehkanal und sorgt als Kuratorin der „Woche des Humors“ mit der künstlerischen Installation einer öffentlichen Toilette – samt Klosprüchen – für einen handfesten Skandal. Die rechte Opposition versucht die Polemik zu nutzen, um ihren Partner Castillo Velasco, der inzwischen Rektor der Katholischen Universität ist, zu kompromittieren. Zähneknirschend legt sie ihre Arbeit nieder.

Nach dem gewaltsamen Sturz der Regierung Allende am 11. September 1973 schlägt Echeverrías Familie der ganze Hass ihrer früheren Klasse entgegen. Unbekannte terrorisieren ihr Heim, werfen die Scheiben ein, ihre Kinder müssen die Schule wechseln. Die herrschende Militärjunta verbrennt alle Bücher im Haus und versucht, in stundenlangen Verhören den Aufenthaltsort ihrer beiden ältesten Kinder zu erfahren, Aktivist*innen der Bewegung der Revolutionären Linken (MIR) und zu diesem Zeitpunkt bereits im Untergrund. Noch ein knappes Jahr lang nutzt Echeverría den relativen Schutz ihrer privilegierten Herkunft und hilft politisch Verfolgten bei der Flucht ins Ausland. Dutzende Personen fährt sie, versteckt im Rückraum ihres Autos, in die Botschaften von Ländern, die politisches Asyl in Aussicht stellen. Schließlich beugen sie und Castillo Velasco sich dem Druck und gehen ins Exil nach London. Von dort aus kämpft sie für die Freilassung ihrer kurz darauf inhaftierten Tochter. Später wird sie ein Buch über deren Folterer Miguel Krassnoff schreiben.

Bis zuletzt solidarisch mit Protestierenden

Neben der Klaviatur der öffentlichen Anklage beteiligt sich Echeverría nach ihrer Rückkehr nach Chile Ende der 1970er Jahre auch an subversiven kulturellen Interventionen. Mit der Gruppe „Mujeres por la vida“, also „Frauen für das Leben“, zettelt sie Tumulte an und macht die Militärdiktatur lächerlich – so etwa, als sie 1980 ein Schwein mit Offiziersmütze im Zentrum Santiagos aussetzt, auf dessen Rücken zu lesen ist: „Stimmt für mich.“ In den 1990er Jahren bleibt Echeverría eine wache Kritikerin der unvollendeten Redemokratisierung Chiles, der männerdominierten Politik und der neoliberalen Wirtschaftsordnung. Mit vielen populären Parteigängern der Unidad Popular, u.a. Fernando Flores, Oscar Garretón und Max Marambio, die sich in den ersten Legislaturperioden nach der Diktatur als wirtschaftliche Berater und Politiker auf obszöne Weise bereichern, rechnet sie im Jahr 2016 in ihrem Buch „¡Háganme Callar!“ ab. Diese „unverschämten Scheißtypen,“ schreibt sie unverblümt, „wie konnten sie, intelligent und gebildet wie sie sind, sich so einer perversen Mission verschreiben?“

Am 5. Januar 2020 gibt Echeverría einen letzten politischen Kommentar ab. Bei ihrer Aufbahrung in der Pfarrkirche der Katholischen Universität trägt sie eine rote Augenklappe – in Solidarität mit all jenen Demonstrierenden, die während der sozialen Proteste der letzten Wochen bei brutalen Polizeieinsätzen ihr Augenlicht verloren haben.

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