Paramilitarismus könnte die Agrarreform gefährden

Landreform Kolumbien
Das amphibische Dorf Nueva Venecia gehört zu den Gemeinden, deren Bewohner*innen wegen der Gewalt paramilitärischer Gruppen um ihre Sicherheit bangen.  Foto: (:gab:) via flickr, CC BY-SA 2.0.

(Bogotá, 1. Juli 2026, Colombia Informa).- Während die neu gewählte Regierung in Kolumbien den institutionellen Rückbau der Agrarreform plant, häufen sich Berichte über Angriffe, Drohungen und Vertreibungen durch paramilitärische Gruppen. Betroffen sind vor allem Gemeinden und Kleinbauernfamilien, die im Rahmen der Agrarreform Land erhalten haben.

Die Gemeindesprecherinnen der Ciénega Grande, Vera Márquez und Gabriela Moreno, berichteten am vergangenen Montag von anhaltenden Drohungen. Zugleich würden ihre Gemeinden durch den Clan del Golfo und die Autodefensas de la Sierra Nevada vertrieben – zwei bewaffnete Gruppen, die um die Kontrolle der Region kämpfen.

Die betroffenen Gemeinschaften leben seit Generationen in den sogenannten amphibischen Dörfern Bocas de Aracataca, Nueva Venecia und Nueva Vista. Viele ihrer Bewohner*innen wurden inzwischen vertrieben und fürchten eine Rückkehr in ihre Heimat.

Die Gewalt hat zudem den Tourismus stark beeinträchtigt, der inzwischen zu den wichtigsten Einkommensquellen der Region zählt.

Die Bevölkerung leidet bereits seit Jahrzehnten unter paramilitärischer Gewalt. Eines der schwersten Verbrechen war das Massaker der paramilitärischen AUC im Jahr 2000, bei dem mehr als zehn Fischer ermordet wurden.

Auch in den vergangenen Tagen meldeten mehr als hundert Familien des afro-kolumbianischen Gemeinschaftsrats Sabaletas, die sich seit über drei Monaten auf der Farm La Floresta im ländlichen Gebiet von Tuluá niedergelassen haben, Einschüchterungen durch bewaffnete Männer. Diese setzten persönliche Gegenstände der Bewohner*innen sowie mehrere Hütten einer benachbarten indigenen Gemeinschaft in Brand.

Nach Angaben der Gemeindesprecherin María Yolanda Echeverry wurden die Grundstücke rechtmäßig durch die Nationale Landagentur (ANT) und die Nationale Afro-Kolumbianische Front (FRENACOL) zugeteilt. Die Gemeinde fordert die Behörden deshalb dringend auf, den Schutz der Bewohner*innen zu gewährleisten.

Vor wenigen Tagen wurden außerdem Bauern und Bäuerinnen in Puerto López im Departamento Meta angegriffen und gefoltert, um sie zum Verlassen von Flächen zu zwingen, die sie während der Regierung von Gustavo Petro erhalten hatten. Inzwischen wurde der mutmaßliche unmittelbare Täter festgenommen. Nach eigenen Angaben handelte er auf Anweisung eines Drogenhändlers mit dem Spitznamen „Salomón“.

Die kolumbianische Ombudsfrau Iris Marín bezeichnete die aktuelle Gewaltwelle als alarmierend: „Es ist dringend notwendig, diejenigen zu schützen, die von der Agrarreform profitiert haben. Ihre körperliche Sicherheit, ihre Rechtssicherheit und umfassende Schutzgarantien waren bereits bisher eine Herausforderung. Nun hat sich die Lage weiter verschärft.“

Leiter der Nationalen Landagentur ruft zur Verteidigung der Agrarreform auf

Der Direktor der Nationalen Landagentur (ANT), Felipe Harman, hat sein Amt wieder aufgenommen, nachdem er für den Wahlkampf an der Seite von Iván Cepeda vorübergehend zurückgetreten war. Er warnte erneut davor, dass bewaffnete illegale Gruppen Bauernfamilien einschüchtern und bedrohen, die in den Regionen Magdalena Medio, Meta und Córdoba Land erhalten haben.

Harman kündigte an, bei der Staatsanwaltschaft fünf Strafanzeigen wegen mutmaßlichen Landraubs einzureichen. Die Fälle sollen sich nach den jüngsten Wahlen ereignet haben. „Wir werden nicht zulassen, dass Terror, Drohungen und Zwangsvertreibungen erneut zu den Mitteln werden, mit denen mafiöse Strukturen den Landbesitz in Kolumbien konzentrieren.“

Fortschritte stehen auf dem Spiel

In seinem Dokument „Politik des Haushaltsausgleichs 2026–2027“ schlägt Abelardo de la Espriella vor, zahlreiche staatliche Einrichtungen, die für die ländliche Entwicklung von zentraler Bedeutung sind, abzuschaffen, aufzulösen oder zu privatisieren. Dazu gehören unter anderem die Nationale Landagentur (ANT), die Agentur für ländliche Entwicklung sowie die Behörde für die Rückgabe geraubter Ländereien.

Nach Angaben von Felipe Harman wurde die Arbeitsfähigkeit der ANT während seiner Amtszeit deutlich verbessert: „Früher verfügten wir lediglich über fünf kaum bedeutende Büros in den größeren Städten, in denen die Bauern sogar ihre Vermessungsunterlagen selbst mitbringen mussten. Heute verfügen wir über mobile Teams von Fachleuten, die jedes Dorf aufsuchen und die Vermessung der Grundstücke direkt vor Ort durchführen.“

Harman hofft, dass die bisherigen Fortschritte bei der Landvergabe Bestand haben. Sie seien nicht nur Teil der Umsetzung des Friedensabkommens von 2016, sondern inzwischen auch Ausdruck einer staatlichen Agrarpolitik.

Darüber hinaus wurden mehr als 450 landwirtschaftliche Betriebe, die zuvor der organisierten Kriminalität gehörten, zurückgewonnen. Gleichzeitig wurden Fortschritte bei der rechtlichen Anerkennung indigener Schutzgebiete sowie afro-kolumbianischer Gemeinschaftsräte erzielt.

Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums hat die Nationale Landagentur (ANT) insgesamt 806.082 Hektar für den Nationalen Bodenfonds bereitgestellt. Davon entfallen 462.562 Hektar auf freiwillige Direktkäufe, 314.494 Hektar auf besondere agrarrechtliche Verfahren und 29.026 Hektar auf unentgeltliche Übertragungen.

Die Landumverteilung unter der derzeitigen Regierung übertrifft die der Regierung Iván Duque um 3.400 Prozent und die der Regierung Juan Manuel Santos um 3.800 Prozent.

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