Kast und die Schönstattbewegung

Kast
Santuario Sión de la Trinidad
Foto: Colegio Mayor Padre José Kentenich via flickr
CC BY-NC-SA 2.0

(Santiago de Chile, 10. März 2026, pressenza).- Mit dem Einzug von José Antonio Kast in den Palacio de La Moneda kehrt die konservative Rechte an die Macht zurück. Und nicht nur das: Zum ersten Mal wird ein aktives Mitglied des Instituts der Schönstatt-Familien das Land regieren. Durch die Mitgliedschaft ist Kast Kräften außerhalb des chilenischen politischen Systems verpflichtet. Wie viele seiner Entscheidungen werden sich am Wohl des Landes orientieren und wie viele an der katholischen Glaubensbewegung? Was wird in seiner Amtsführung überwiegen? Seine Loyalität gegenüber Schönstatt oder sein Engagement für das Land, die Verfassung und die Gesetze? Und wie wird er als Staatsoberhaupt der neuen Welle von Missbrauchsvorwürfen in der katholischen Kirche begegnen?

Eine Regierung mit Schönstatt-Identität

Kasts Glaube ist keine Privatsache, sondern eine zentrale Säule seiner Amtsführung. Zusammen mit seiner Frau María Pía Adriasola gehört er zur höchsten Stufe des Engagements von Laien innerhalb der Bewegung. Dies hat sich bereits in konkreten politischen Entscheidungen niedergeschlagen. Der neue Kaplan im Regierungspalast La Moneda: Als eine seiner ersten Amtshandlungen ernannte Kast den Priester Mariano Irureta zum nächsten Kaplan des Präsidentenpalasts. Irureta ist ebenfalls Schönstatt-Mitglied. Im Februar 2026 hielt der designierte Präsident sein erstes offizielles Treffen mit dem Ständigen Ausschuss der Chilenischen Bischofskonferenz (CE) ab, um die nationale Agenda zu koordinieren. Und: Kast hat seinen Glauben als den „Motor“ seiner Regierung bezeichnet und damit eine intensive Debatte darüber ausgelöst, wie sein religiöser Eifer die Politik des Landes beeinflussen wird.

Missbrauchs- und Manipulationsvorwürfe

Trotz des politischen Aufstiegs ihrer Mitglieder sieht sich die Schönstattbewegung mit einer globalen Legitimitätskrise konfrontiert. Es kursieren zahlreiche Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs, Machtmissbrauchs und gezielter Manipulation.

  1. Der Bericht „Purificación de la Memoria“ (Reinigung des Gedächtnisses) in Chile

Im Oktober 2024 veröffentlichte das Säkularinstitut der Schönstatt-Patres in Chile einen historischen Bericht, in dem für den Zeitraum von 1965 bis 2024 sexueller Missbrauch eingeräumt wird. Acht ihrer Priester hätten sich an 28 Menschen vergangen, von denen 18 minderjährig waren. Einer davon ist der inzwischen verstorbene Bischof Francisco José Cox, dem mehrfacher Missbrauch vorgeworfen wird. Die Entscheidung des Instituts, den Täter nach Deutschland zu versetzen, wurde als Vertuschungstaktik und „Mauer des Schweigens“ angeprangert.

  1. Vorwürfe gegen Gründer Josef Kentenich

Auch die Figur des Gründers steht unter Beschuss. Die Historikerin Alexandra von Teuffenbach fand heraus, dass Kentenich ebenfalls Machtmissbrauch begangen hatte. In den Archiven des Vatikans befinden sich die detaillierten Beschreibungen betroffener Marienschwestern aus den 1950er Jahren. Aufgrund dieser Enthüllungen und einer Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs in den USA (1958–1962) setzte der Vatikan 2022 seine Seligsprechung aus. Der Bischof von Trier erklärte, er habe Zweifel, ob Kentenichs Verständnis von „Gehorsams“ mit dem Prinzip der menschlichen Freiheit vereinbar sei.

  1. Der jüngste internationale Fall

Im November 2024 wurde der Priester Patricio Cruz Viale in Argentinien wegen schwerwiegendem sexuellem Missbrauch verhaftet. Das spricht eher nicht für die Effektivität der Präventionsmaßnahmen des Instituts.

Neben den spezifischen Fällen sexueller Übergriffe geht es vor allem um gezielten Machtmissbrauch und Einschüchterung. Ehemalige Mitglieder beschreiben die spezifischen Kontrollmechanismen folgendermaßen:

Verletzung der inneren Freiheit: Kentenich zwang seine Untergebenen, ihre intimen Gedanken und Sünden außerhalb des Beichtstuhls preiszugeben, wobei er geistliche Begleitung mit Machtgehabe vermischte.

Der spirituelle Tagesplan: Als Instrument des „Wachstums“ zwang eine rigide Tagesstruktur die Mitglieder dazu, alle Aktivitäten und Gedanken minutiös festzuhalten. In der Psychologie nennt man sowas obsessive Selbstüberwachung.

Emotionale Abhängigkeit und „Vaterschaft“: Das Konzept der „geistlichen Vaterschaft“ sollte blinden Gehorsam fördern. In Chile haben Opfer berichtet, wie Priester diese Bindung nutzten, um das Urteilsvermögen der Betroffenen zu untergraben, indem sie den Missbrauch als „spirituelle Prüfung“ darstellten.

Isolierung und Diskreditierung: Wer die internen Abläufe hinterfragt, wird als „krank“ abgestempelt oder beschuldigt, der Kirche schaden zu wollen. Die Gemeinschaft bestraft die Kritik mit sozialer Isolation, was als psychologische Hemmschwelle wirkt und Betroffene dazu bringt, keine Kritik zu äußern.

Der Familienbund und die Rolle von María Pía Adriasola

Als zukünftige First Lady spielt María Pía Adriasola eine entscheidende Rolle. Im Institut für Familien soll die Ehe ein „Abbild der Heiligen Familie“ sein. Nach Kentenich glaubt Adriasola an die spezifische weibliche Natur (mariengleich und mütterlich), die sie vom Mann unterscheidet und ihre Autonomie beschränkt. Sie ist die „Hüterin des Heiligtums“: Sie besitzt interne moralische Autorität, muss aber die „natürliche Hierarchie“ der Familie aufrechterhalten. Ehemalige Mitglieder des Familieninstituts berichten von wirtschaftlichem und sozialem Druck hinsichtlich der Kindererziehung und des Privatlebens. Die Anpassung an die Handbücher der Bewegung wird dringend empfohlen, andernfalls droht Ausschluss aus dem „Lebensstrom“ des Heiligtums.

Wie positioniert sich Präsident Kast?

José Antonio Kast verfolgt eine Strategie der Abgrenzung: Er verurteilt sexuellen Missbrauch allgemein als Verbrechen, schweigt jedoch absolut zu den Vorwürfen der Manipulation gegen den Gründer Kentenich. Schönstatt definiert er als eine Laiengemeinschaft, die „viel Gutes tut“, und distanziert sich dabei von den kriminellen Handlungen bestimmter Einzelpersonen.

Dem neuen Präsidenten dient Schönstatt als Netzwerk voller mächtiger Kontakte zur Elite (Unternehmer und Fachleute), die auf einen gemeinsamen Verhaltenskodex, auf Treue und Verschwiegenheit eingeschworen sind. Die Herausforderung seiner Amtszeit wird darin bestehen, ein pluralistisches Land zu regieren und gleichzeitig einer der derzeit am meisten umstrittenen religiösen Strukturen anzugehören, die wegen ihrer Kontrollmechanismen und ihren Umgang mit Freiheit und dem menschlichen Gewissen in der Kritik stehen. Wo liegen die Schnittstellen zwischen der „Kentenich-Pädagogik“ und den programmatischen Vorschlägen von Kasts Regierung? Vielleicht lassen sie sich in drei Schlüsselbereiche einteilen:

  1. „Lehrfreiheit“ und Charakterbildung: In der Schönstatt-Vision ist Bildung nicht nur Unterweisung, sondern bringt „starke Persönlichkeiten“ hervor, die sich selbst regieren. Es ist zu erwarten, dass Einrichtungen mit spezifischen religiösen Leitbildern (wie die mit der Bewegung verbundenen Schulen) eine stark aufgestockte Finanzierung bekommen.
  2. Familien- und Frauenpolitik: Die „Komplementarität“ im Zivilgesetzbuch; Die staatlichen Programme zur umfassenden Sexualerziehung werden von der Bewegung als „Indoktrination“ betrachtet. Da für die Bewegung die Familie als „primäre Erziehungszelle“ gilt, wird Kast das Vorrecht der Eltern durchsetzen. Wie bereits erwähnt, ist María Pía Adriasola eine Verfechterin der spezifischen Natur der Frau und der Marienverehrung. Es ist also mit aktivem Widerstand gegen jede Ausweitung der reproduktiven Rechte (wie die Entkriminalisierung der Abtreibung) und öffentlichen Maßnahmen zum „Mutterschutz“ niederschlagen, während die Ausweitung der Rechte in Bezug auf Betreuungsaufgaben vermutlich blockiert wird. Derzeit wird diskutiert, ob die Regierung Kast versuchen wird, das Frauenministerium in ein Familienministerium umzuwandeln, getreu der Kentenichschen Vision, wonach sich der Mensch nur innerhalb der hierarchischen Familiengemeinschaft voll entfalten kann.
  3. Öffentlicher Dienst und Ethik: Die Schönstatt-Struktur fördert Bindungen extremer Loyalität und verfügt über ein Netzwerk elitärer beruflicher Kontakte. Die Ernennung eines Schönstatt-Kaplans ist vermutlich erst der Anfang. Es gibt Bedenken, dass Vertrauensposten in strategischen Ministerien mit Mitgliedern des Instituts der Familien oder mit der Bewegung verbundenen Absolventen der Katholischen Universität besetzt werden, wodurch eine (nach außen verschwiegene) „Führungsblase“ entsteht. Was Fragen der Gerechtigkeit und Transparenz angeht, muss die Verwaltung unter Kast ihre richterliche Unabhängigkeit erst noch unter Beweis stellen. Staatliche Schutzmaßnahmen zugunsten von Migliedern der Bewegung, gegen die bereits ein Verfahren läuft wird, könnten eine unmittelbare Integritätskrise auslösen.
  4. Außenbeziehungen und „wertorientierte Souveränität“: Schönstatt ist eine internationale Bewegung mit starken Niederlassungen in Deutschland, den Vereinigten Staaten und Argentinien. Es ist wahrscheinlich, dass Kast Bündnisse mit konservativen Regierungen anstrebt, die seine „Werteagenda“ teilen (das tun auf jeden Fall Teile der Republikanischen Partei in den USA und die konservative Rechte in Europa), und sich von multilateralen Organisationen distanziert, die Gender- oder Diversitätsagenden vorantreiben.
  5. Missbrauch in der Kirche: Die Loyalität gegenüber der Bewegung und dem päpstlichen Geheimnis steht über nationalen Gesetzen: Das chilenische Gesetz schreibt für alle, die in einem institutionellen Umfeld, einschließlich des kirchlichen, mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, die Verpflichtung vor, bereits beim bloßen Verdacht sexuelle Gewalt gegen Kinder anzuzeigen. Dies steht in direktem Widerspruch zum vatikanischen Recht und insbesondere zur Arbeitsweise Schönstatts: Die interne Struktur der Bewegung, die auf Gehorsam und Manipulation basiert, verlangt Geheimhaltung bei der Behandlung jeder Strafanzeige.

In der Praxis haben die katholischen Behörden in allen bisherigen Fällen den internen Untersuchungen den Vorzug gegeben und dabei das kanonische Recht über das chilenische Recht gestellt – eine Straftat, die durch die Beteiligung staatlicher Behörden oder Beamter erschwert wird. Es bleibt abzuwarten, ob die Verwaltung unter Kast diesen Kurs fortsetzt und ihn in offizielle Politik umsetzt, wodurch sexuelle Gewalt gegen Kinder weiterhin möglich wäre und die mit der Kirche verbundenen Täter durch deren paralleles Rechtssystem geschützt würden. Das würde bedeuten, sich außerhalb des chilenischen Rechts zu stellen und die vom Staat ratifizierten internationalen Verträge zu verletzen. Es würde also nichts getan, um die Schönstatt-Mitglieder aufzuhalten.

Karadima

Die Übergriffe des Priesters Fernando Karadima kamen 2010 ans Licht. José Antonio Kast hielt in den ersten Jahren des Skandals an Karadimas Verteidigung fest. Im Jahr 2011 bekräftigte er sogar vor Gericht seine Aussagen zur Unschuld des Priesters, obwohl sein eigener Bruder, Hans Kast, der erste Geistliche war, der den Missbrauch offiziell anzeigte. Mit dem Fortschreiten der gerichtlichen und kirchenrechtlichen Ermittlungen hörte Kast auf, die absolute Unschuld Karadimas zu verteidigen, und stufte dessen Verhalten als Grooming (Verführung von Jugendlichen durch Erwachsene) ein. In den letzten Jahren und während seines Präsidentschaftswahlkampfs 2025 hat sich Kast für eine allgemeine Verurteilung von sexuellem Missbrauch durch Geistliche entschieden, jedoch ohne öffentliche Selbstkritik oder ausdrückliche Rücknahme seiner Unterstützung für Karadima. Sein Diskurs zum Thema lautet, dass es sich bei den Übergriffen um „kriminelles Verhalten einzelner Mitglieder“ handle und nicht um ein systemisches Versagen der religiösen Institutionen, denen er angehört. Statt sich komplett zu distanzieren, besteht Kasts Wandlung darin, dass er die Verbrechen nun nicht mehr aktiv verteidigt, sondern strategisch schweigt und die Straftaten mit allgemeinen Worten verurteilt, und das auch erst, nachdem die Vorwürfe gerichtlich bestätigt wurden.

Eneas Espinoza G. hat einen Bachelor-Abschluss in Sozialkommunikation. Er ist Gründer des Netzwerks der Überlebenden von sexualisierter Gewalt in Chile.

CC BY-SA 4.0 Kast und die Schönstattbewegung von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

2 Kommentare zu “Kast und die Schönstattbewegung”

  1. Was in dem Artikel komplett fehlt ist die Frage, ob die Ideen und Positionen von Kast überhaupt mit den Grundprinzipien der katholischen Kirche und der Schönstatt-Bewegung übereinstimmen. Tun sie nämlich nicht.

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