Hat Expräsident Ermordung Tausender UP-Mitglieder befürwortet?

Fast jeden Tag wurde ein Parteimitglied ermordet: Die linke Unión Patriótica bei einer Beerdigung. Foto: Verdadabierta.com

(Bogotá, 10. Januar 2021, contagio radio/poonal).- Der kolumbianische Expräsident Virgilio Barco (1986-1990) und die damalige Militärführung sollen ab 1986 eine entscheidende Rolle bei der massenhaften Ermordung von Mitgliedern der linken Partei UP gespielt haben. Das zumindest behauptet der Investigativjournalist Alberto Donadio, der am 10. Januar das Ergebnis seiner Recherchen auf dem Portal losdanieles.com veröffentlicht hat.

Die 1985 gegründete linke Partei UP (Unión Patriótica) ging aus dem politischen Arm der FARC-Guerilla hervor, der mit der Vorgängerregierung Barcos einen Friedensvertrag geschlossen hatte. Der Partei gehörten aber auch Vertreter*innen der Zivilgesellschaft sowie der liberalen, konservativen und der kommunistischen Partei Kolumbiens an. Ab 1986 begann eine beispiellose Mordwelle, der insgesamt über 4.000 Parteimitglieder zum Opfer fielen, darunter zwei Präsidentschaftskandidaten.

Zwei entscheidende Sitzungen

Eine Rolle in den Recherchen Donadios spielt der israelische Agent Rafi Eitan. Der 2019 verstorbene Eitan führte 1960 die Mossad-Operation zur Verhaftung des Nazi-Verbrechers Adolf Eichmann an. 1981 wurde der Antiterror-Berater Chef des israelischen Nachrichtendienstes Lakam, trat aber 1985 nach einem Spionageskandal zurück.

Laut Donadio war Eitan mit Virgilio Barco bekannt, der 1986 Präsident Kolumbiens wurde. Nach dem 7. August 1986 soll es ein Treffen in kleiner Runde im Präsidentenpalast gegeben haben, bei dem auch Barco und sein Generalsekretär Germán Montoya anwesend gewesen sein sollen. Präsident Barco habe angeregt, „seinen Freund“ Eitan zu beauftragen, eine Strategie zur Vernichtung der Guerilla zu entwickeln. Eitans Gehalt und Spesen sollten über die staatliche Erdölgesellschaft Ecopetrol abgewickelt werden.

Über die Ergebnisse des Auftrags an Eitan soll Barco bei einem zweiten Treffen informiert haben, bei dem zusätzlich ein hoher Befehlshaber der kolumbianischen Armee anwesend gewesen sein soll. Demnach habe Eitan es im Kampf gegen den Terror für wichtig erachtet, die Partei Unión Patriótica zu vernichten. Er habe zudem angeboten, sich selbst darum zu kümmern. Barco habe keinerlei moralische Bedenken geäußert. Allerdings bekam Eitan den Auftrag nicht, da sich der anwesende Militärbefehlshaber geweigert habe mit dem Argument, dass dies Aufgabe der kolumbianischen Armee sei, nicht eines ausländischen Kommandos.

Täglich ein Parteimitglied ermordet

Fest steht, dass bald darauf eine Mordwelle gegen Mitglieder der UP begann, die inzwischen offiziell als „politischer Genozid“ qualifiziert wird. Insgesamt wurden nach Angaben des staatlichen Zentrums für Erinnerung CNMH (Centro Nacional de Memoria Histórica) zwischen 1984 und 2002 4.153 Mitglieder der UP ermordet, entführt oder verschwinden gelassen. Nach Angaben Donadios waren die Streitkräfte direkt an der massenhaften Tötung der Aktivist*innen der UP beteiligt. Wie der Journalist schreibt, habe der damalige Friedensbeauftragte Carlos Ossa Escobar im Oktober 1987 in einer Regierungssitzung beklagt, dass jeden Tag Mitglieder der UP ermordet würden. „In dem Tempo werden sie nie vernichtet“, soll der damalige Verteidigungsminister Rafael Samudio Molina sinngemäß geantwortet haben.

Forderung nach Aufklärung

Seit der Veröffentlichung des Artikels haben sich mehrere Menschen zu Wort gemeldet, unter anderem der linke Senator Iván Cepeda, Sohn des ermordeten UP-Kongressabgeordneten Manuel Cepeda. Er verlangte eine Untersuchung und eine Befragung der damaligen Militärführung.

Ähnlich äußerte sich Aída Avella, Kongressabgeordnete der UP und Überlebende der Mordwelle. Sie erklärte, es sei seit langem bekannt, dass die massenhaften Morde an UP-Mitgliedern unter Beteiligung der Regierung und der Armee verübt worden seien. Auch die Unión Patriótica selbst hat in einer Pressemitteilung gefordert, die staatliche Verantwortung an diesem „Genozid“ aufzuklären.

Exminister Rafael Pardo bezeichnete die Anschuldigungen gegen Barco hingegen als „Schande„. Exgeneral Jaime Ruiz bezeichnete den Bericht Donadios als Komplott gegen die kolumbianische Armee.

Hoffnungen auf die Wahrheit ruhen nun auf der Sondergerichtsbarkeit für den Frieden JEP (Jurisdicción Especial para la Paz) und der Wahrheitskommission. Diesen Instanzen kommt nun die Aufgabe zu, dieses düstere Kapitel der politischen Gewalt in Kolumbien aufzuklären.

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