Warum die Medien das neoliberale System verteidigen

Grafik: Medio a Medio

(Santiago de Chile, 25. Februar 2020, Medio a Medio).- Die chilenischen Nachrichtenmedien haben jegliche journalistische Ethik über Bord geworfen, die ohnehin schon vor dem 18. Oktober 2019 spärlich vertreten war: Um jeglichen gesellschaftlichen Protest zu „kriminalisieren“, den die Elite ihren Interessen gegenüber für feindlich betrachtet; um ein „normales“ Land abzubilden und um einer Reihe von Personen und Institutionen, die das Schlimmste von Chile repräsentieren, eine Bühne zu bieten. Dies bestätigt die politische Maxime, dass Neutralität in Wirklichkeit nicht existiert. Sowohl das Fernsehen, das Radio, als auch Printmedien verteidigen seit Mitte November die Interessen ihrer Eigentümer*innen, die zur Machtelite gehört, welche in Chile die Befehle gibt.

Einige Fragen und Antworten.

1. Warum kommt der Partei UDI, die wegen Korruption umstritten ist, die die Pinochet-Diktatur verteidigt und für Werte steht, die die breite Mehrheit im Land zurückweist, ein so gigantischer Raum in der medialen Berichterstattung zu?

Jede Meinung dieser Partei und ihrer Funktionär*innen wird im Fernsehen, im Radio und in den Printmedien breit thematisiert. Später werden sie im Kontrast zu ihren symbolischen „Gegner*innen“ der ehemaligen Nueva Mayoria oder innerhalb des Regierungsbündnisses Chile Vamos dargestellt. Natürlich steht hinter der medialen Überrepräsentation eine Redaktionspolitik, die jegliches Gespür für die gesellschaftliche Realität im Land verfälscht. Die UDI vertritt die Macht des Geldes, der Korruption, der Lobby. Ganz nebenbei sind ihre Mitglieder Verbündete der Eigentümer*innen der Massenmedien. Wer das Geld gibt, bestimmt die Musik, wie meine Großmutter sagen würde.

2. Wieso wird einem Meinungsforschungsunternehmen wie CADEM von den Medien so viel Glaubwürdigkeit zugesprochen?

Es ist allgemein bekannt, nicht nur durch akademische Kritik, das CADEM ein regierungsfreundliches Unternehmen ist. Mehrfach mit öffentlichen Mitteln finanziert, etwa durch Verbindung zum Regierungspalast La Moneda oder vor allem mit dem Präsidenten Sebastián Piñera. Alle wissen, dass es manipuliert wird, trotzdem wird CADEM als glaubwürdig präsentiert. Der zweite Stock der Moneda mit Larroulet (Chefberater des Präsidenten, UDI) zieht in dem Unternehmen die Fäden.

3. Wieso tauchen immer noch Vertreter*innen der Rechten, des ehemaligen Linksbündnisses Nueva Mayoría und des aktuellen linken Bündnisses Frente Amplio im Fernsehen, Radio und in der Printberichterstattung auf?

Sie halten das Land in einer gesellschaftspolitischen Krise gigantischen Ausmaßes und werden trotzdem als würdige Vertreter*innen der Gesellschaft dargestellt. Die sogenannte Partei der Ordnung funktioniert weiterhin oder versucht es, als wäre das Land das gleiche wie vor dem 18. Oktober. Sie tragen Scheingefechte unter sich aus, live und in Farbe, mit gespielten Ohrfeigen, die die meisten nicht interessieren und die bei den meisten Ablehnung hervorruft. Diese Formel hat ihnen die letzten 30 Jahre Erfolg eingebracht, es ist eine erfolgreiche Formel der Vergangenheit. Es fällt ihnen schwer, einzusehen, dass das jetzt nicht mehr funktioniert.

4. Warum versuchen Medien wie El Mercurio, La Tercera oder Radio Bío Bío den Eindruck zu erwecken, jeder Protest würde allgemein verurteilt?

Natürlich ist diese Zurückweisung die der Vertreter*innen der politischen Parteien, die zur „Partei der Ordnung“ gehören. Die Ereignisse werden so dargestellt, als wäre die ganze Bevölkerung für die aktuelle ungerechte Gesellschaftsordnung. Jede kritische Stimme aus der Bevölkerung wird von der politischen Leitlinie der Redaktionen verschwiegen, verfälscht, geleugnet oder auf unbedeutender Ebene präsentiert. Sie versuchen, den medialen Eindruck zu erwecken, dass die Revolte verurteilt wird.

5. Wieso werden Personen in der Berichterstattung über die Armen, über die einfache Bevölkerung, in Interviews oder Reportagen, zum Beispiel über die Jugendlichen in der ersten Reihe der Proteste, als „Wilde“ oder als minderwertige Menschen bezeichnet?

Das Ziel ist, mit der Mentalität und den Ängsten der Mittelschicht zu spielen und Panik zu machen. Das könnte die Existenz der „Gelbwesten“ oder die Unterstützung der Militärs und Polizist*innen für die „Vernichtung“ erleichtern, wie es der Regionalchef der Carabineros nach den Protesten beim Festival in Viña del Mar passend sagte, dass „wir aber später nicht über die Situation der Menschenrechte sprechen werden.“

Gut, wir könnten noch mehr Fragen stellen und Antworten geben, aber das würde sehr ausschweifen.

Konkret ist zu sagen, dass die Machtelite im November einen weichen Putsch durchgeführt hat, um die Revolte aufzuhalten. Daher stammt die „Einigung für den Frieden“ und die militärisch-polizeiliche Vorbereitung. Gemeinsam mit den polizeilichen und militärischen Maßnahmen hat die Machtelite, also diejenigen, die in Chile wirklich den Ton angeben, die Disziplinierung der Medien angeordnet, um angeblich im Namen der Chilen*innen zu handeln.

Diese momentan angemessene Medienmatrix wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Eduardo Matte Pérez begründet, dem Urgroßvater von Eliodoro Matte Larraín (chilenischer Billionär und Präsident des Papierunternehmens CMPC). „Die Eigentümer von Chile sind wir, die Eigentümer des Kapitals und des Bodens; alles andere ist beeinflussbare und verkäufliche Masse, die weder durch Meinung noch durch Prestige etwas wert ist.“

Zum Glück ist diese „beeinflussbare und verkäufliche Masse“ aufgewacht („Chile despertó“).

CC BY-SA 4.0 Warum die Medien das neoliberale System verteidigen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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