Die Sängerin und Songschreiberin Elza Soares ist tot

Deus é Mulher – Rio de Janeiro – 28.08.2018
Foto: Mídia NINJA
CC BY-NC-SA 2.0

(Rio de Janeiro, 21. Januar 2022, la diaria).- Elza Soares hat am Donnerstag im Alter von 91 Jahren diese Welt verlassen. Sie starb in ihrer Heimatstadt Rio de Janeiro. „Ich weiß nicht, ob ich mich als Star betrachte. Ich sehe mich als Söldner, als Arbeiterin der Musik“, hatte die Künstlerin 2012 in der TV-Sendung Matador de passarinho im Gespräch mit dem brasilianischen Dichter und Sänger Rogério Skylab erklärt. „Wenn Gott dir eine Stimme gibt, musst du alles singen“. Im Laufe ihrer Karriere produzierte sie mehr als 30 Alben. „Königin des Samba“, „Stimme des Jahrtausends“ und „die Frau vom Ende der Welt“ sind nur einige ihrer Beinamen. Ihre musikalische Bandbreite reichte von Samba, Bossa Nova und brasilianischem Pop und Rock über Jazz und Funk bis hin zu Hip Hop.

Samba vom Planet Hunger

Soarez‘ Karriere begann im Jahr 1953. Elza war 23 Jahre alt und wog 38 Kilo, als sie beschloss, beim Radiosender Tupi in der Venezuela Avenue vorzusingen. Ihrer Familie erzählte sie, sie wolle den Patenonkel eines ihrer Söhne besuchen, der im Carioca-Viertel von Santa Teresa lebte. Als sie in ihrem „scheußlichen“ Rock voller Stecknadeln, den sie ihrer Mutter gestohlen hatte, beim Sender ankam, fingen die Menschen an zu lachen. „Wenn ich rauchen will, rauche ich / wenn ich trinken will, trinke ich / niemanden kümmert es / dass ich früher im Dreck gelebt habe/ heute umgibt der Dreck die, die mich verleumden“. Sie intonierte die  Worte des 1952 von Paulo Marques und Alice Chaves komponierten Samba „Lama“ mit solcher Inbrunst, dass der Nachhall ihrer Stimme sie selbst zu Tränen rührte. Das Lachen der Anwesenden verstummte und wich dem Applaus. „Von welchem Planeten kommst du?“ sollte der berühmte Komponist Ary Barroso sie später fragen. „Vom Planeten Hunger“, lautete ihre Antwort.

„Wir waren arm und schwarz, und wir träumten viel“

Schon als Kind entdeckte Elza ihre Stimme und ihre Fähigkeit, unverwechselbare Klänge zu produzieren. „Ich hatte etwas ganz Besonderes entdeckt“, erinnert sie sich. „Was ist das für ein Geräusch? Du wirst dir noch die Stimmbänder ruinieren“, lautete der Kommentar ihres Vaters. Es sei eine Art Knurren gewesen, ein stimmlicher Effekt, der im Jazz Growl genannt wird und vor allem durch Louis Armstrong bekannt wurde. Bei einem Treffen der beiden sollte Armstrong sie deshalb Jahre später „my daughter“ nennen. Soarez, die kein Englisch verstand, dachte, er habe „my doutor“ (mein Arzt) gesagt und ließ ihm mitteilen, dass sie keine Ärztin sei. „Wir waren schwarz und arm, und wir träumten viel. Mein Traum war, dieses Leben hinter mir zu lassen, und ich war immer auf der Suche nach Gott. Immer habe ich zu Gott gebetet, er möge mich erleuchten und mir meinen Weg zeigen. „Vater, bitte mach, dass ich kein Wasser mehr tragen und nicht mehr barfuß gehen muss. Vater, was muss ich tun, damit sich niemand mehr über mich lustig macht wegen meiner Haare und meiner Hautfarbe?“ Ich habe nie aufgehört zu träumen, mir zu sagen, dass ich gut bin, ja sogar, dass ich großartig bin. Ich war als Mädchen voller Hoffnung auf eine bessere Welt“, sagte sie 2018 in einem Interview mit Le Monde Diplomatique Brasil.

Witwe mit 16

Elza kam als Tochter einer Wäscherin und eines „gescheiterten Politikers, der in einem Steinbruch arbeitete“, zur Welt. Schon früh wurde ihr klar, dass sie nicht das gleiche von Armut und Entbehrungen geprägte Leben ihrer Eltern führen wollte. „Ich mag es, hübsch auszusehen. Ich fand es schon immer toll, nackt vor dem Spiegel zu stehen und mich wundervoll zu finden. Ich war sehr eitel. Ich sah die Beine der erwachsenen Frauen in meinem Viertel und bekam Angst, zu viel Gewicht den Berg hinaufzutragen und dann womöglich genauso auszusehen“, erinnert sie sich. Ihr Vater fand ihre Diva-Allüren „irgendwie grauenvoll“, und beschloss, sie mit 13 Jahren zu verheiraten, ohne Wenn und Aber. Eines Tages ging sie in den Steinbruch, fand eine Gottesanbeterin und hielt sie sich ans Ohr. Das leichte Surren dieses Insekts hatte sie schon immer gemocht. In diesem Moment kam ein Mann auf sie zu, sprach sie an und sie begannen zu streiten. Ihr Vater hatte die Szene beobachtet, und noch in derselben Nacht holte er sie aus dem Bett und sagte ihr, das sei der Mann, den sie heiraten würde. „Immerhin habe ich nun ein paar wunderbare Kinder“, so Elza. Nur drei Jahre später starb der Mann. Die 16-jährge Witwe blieb mit den Kindern allein zurück. „Wir sind wie Geschwister aufgewachsen: Wenn sie weinten, weinte ich auch. Wir haben uns gezankt. Wenn sie ein Eis wollten, wollte ich auch eins.“ Ihre Mutter zog alle zusammen groß, und Elza, selbst noch ein Kind, träumte davon, reich zu werden.

Anstrengende Ehe mit Fußballlegende Garrincha

Ihre musikalische Entwicklung beschreibt sie als „seltsam“, „mystisch“ und „in Phasen unterteilt“ und erzählt: „In mir lebte eine ganze Reihe von Persönlichkeiten“. Einige Ereignisse markierten im Laufe ihrer Karriere eine Zäsur: Zunächst der Tod ihres Vaters, der sich ihr auf übernatürliche Weise ankündigte, als sie gerade die Bühne des Astral-Theaters in Buenos Aires verlassen hatte. Es ging ihr nicht gut, in Tränen aufgelöst kam sie in ihrem Hotelzimmer an und schlief ein. Das Geräusch des Aufzugs weckte sie. Die Tür wurde geöffnet und jemand sagte: „Komm zurück, deine Mutter und deine Kinder brauchen dich.“ Es war die Stimme ihres Vaters. Er berührte ihren Hals und fuhr fort: „Ich bin gekommen, um dich zu segnen und dir zu sagen, dass du sehr reich sein wirst“. Der zweite Einschnitt war ihre Ehe mit dem berühmten Fußballspieler Manuel dos Santos, genannt Mané Garrincha. „In dieser Zeit verlor ich komplett die Kontrolle, und das betraf sowohl meinen Kopf als auch meinen Körper“. Ihre Beziehung zu Mané sei die leidenschaftlichste Liebe ihres Lebens gewesen. Die brasilianische Fußballlegende war seit frühester Jugend Alkoholiker. Soarez dachte, ein gemeinsames Kind könne ihn dazu bewegen, mit dem Trinken aufzuhören. Während der Schwangerschaft blieb Garrincha nüchtern, trainierte und nahm ab. Elsa schwor, sie werde sich den Kopf rasieren, wenn er durchhalte, und löste ihr Versprechen ein. Doch als das Kind geboren wurde, erlitt er einen Rückfall. Garrincha starb am 20. Januar 1983 an den Folgen seines langjährigen Alkoholkonsums. Am selben Tag 39 Jahre später stirbt Elza. Soarez verlor insgesamt vier ihrer Kinder, zuletzt ihren Sohn Gilson, der im Alter von 59 Jahren an einer Harnwegsinfektion starb. Zwei starben noch im Säuglingsalter an Unterernährung, das einzige Kind, das aus der Ehe mit Garrincha hervorging, kam im Alter von zehn Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Soarez litt an Depressionen und hatte Selbstmordgedanken, doch es gelang ihr, sich neu zu erfinden.

Frieden für schwule Communities, Frauen und Schwarze Menschen

2016 gewann Soarez den Latin Grammy in der Kategorie „Bestes brasilianisches Popalbum“ für Mulher do fim do mundo (Frau vom Ende der Welt). In dem gleichnamigen Song heißt es: „Pirat und Superman singen im Duett/ Ein gelber Fisch küsst meine Hand / auf dem Boden, lose, ein paar Engelsflügel / Im Konfettiregen trenne ich mich von meinen Schmerz / In der Allee, die ich verlassen habe / Die schwarze Haut und meine Stimme / In der Allee, die ich verlassen habe / Mein Reden, mein Standpunkt / Mein Zuhause, meine Einsamkeit / Ich stürzte mich aus dem dritten Stock / Mit zerbrochenem Gesicht entledigte ich mich dessen, was mir noch blieb von diesem Leben“. Auf ihrem vorletzten Album Deus é mulher (Gott ist eine Frau), erschienen 2018, thematisierte die Songwriterin ihren religiösen Glauben und ihre politischen Positionen und äußert deutliche Kritik an der aktuellen Situation, in der sich das Land befindet. „Es geht nicht um Kampf, es geht darum, was wir brauchen, es geht darum, Hilfe zu suchen, um Hilfe zu bitten. Mein Gott! Ich bete nicht nur für mich, ich bete für uns, für diese Millionen von Menschen. Für uns Lebewesen. Ich bitte Gott um Frieden für meine schwule Community, für uns Frauen, für uns Schwarze Menschen. Lieber Gott, das ist es, was ich will“, so Soarez im Interview mit Le Monde Diplomatique Brasilien. „Sichere Grundlagen und weniger Almosen. Gott will kein Geld. Wir durchleben gerade eine Hass-dominierte Phase.“ Während der letzten brasilianischen Diktatur mussten Soares und Garrincha nach Italien fliehen. Ihr Haus wurde vom Militär mit Maschinengewehren beschossen. „Aber das ist vorbei, und nun bin ich hier, und ich hoffe, dass ich mein geliebtes Land und mein geliebtes Volk nie wieder verlassen muss.“  „Was wünschst du dir von deinem Land?“, fragte sie der Journalist. „Mehr Freiheit für die Menschen. Man hat nichts davon, dass zu Hause der Tisch gedeckt ist, wenn man gleichzeitig weiß, dass da draußen alle hungrig sind.“

Candomblé und Kritik

Als Anhängerin des afrobrasilianischen Candomblé verteidigte die Sängerin ihre Religion gegen die Verunglimpfung durch die neupfingstlichen Kirchen in Brasilien. Für ihre Gemeinde war Elza die Tochter der Göttin Iansã, einer kriegerischen Orixá, Hüterin der Winde und Stürme, die mit der Welt der Toten verbunden ist. Ein Stück auf dem Album Deus é mulher ist Exú gewidmet, der Orixá, die Wege öffnet und Kreuzungen auflöst. Exús Farben sind rot und schwarz, und sie wird mit Hörnern und Dreizack dargestellt. Deshalb wird sie normalerweise mit dem Teufel in Verbindung gebracht, obwohl es in diesen Religionen kein Wesen gibt, das das Böse verkörpert. In dem Stück heißt es: „Exú liebt dich, und sie hat Hunger / Das Schulessen wurde wieder umgeleitet / In einem säkularen Land / haben wir das Bild des Cäsar auf dem Ausweis und ein „Gott sei gepriesen“ / ziert die Geldscheine der Banken / Wäre Jesus Christus in unserer ach so aufgeklärten Zeit gestorben / es gäbe einen elektrischen Stuhl in jedem Haus statt eines Kreuzes / „.

CC BY-SA 4.0 Die Sängerin und Songschreiberin Elza Soares ist tot von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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