Candombe – die Lunte des Lebens nicht verglimmen lassen

Montevideo, Februar 2011
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(Montevideo, 6. März 2022, npla).- Februar in Montevideo. Karnevalszeit. Aus der Karneval-Kultur in Uruguay ist der Candombe nicht wegzudenken. 2009 von der UNESCO zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt,  verbindet Candombe Gesang, Tanz und Percussion.

Candombe: Kommunikation mit den Gottheiten und der Natur

Der ursprüngliche Candombe wurde von den Menschen afrikanischer Herkunft praktiziert, die sich in der Kolonialzeit an den Ufern des Río de la Plata angesiedelt hatten. Es waren Menschen, die zwangsweise aus ihren Ländern gebracht und versklavt worden waren. Der Candombe verband Gesang, Tänze und musikalische Elemente mit der Kommunikation mit der Natur, den Gottheiten und den Geistern. Schriftliche Erwähnung fand diese besondere kulturelle Ausdrucksform erstmals im Jahr 1834 in Montevideo. Verschiedene soziale Gruppen und Familienzusammenhänge in den Straßen Montevideos bewahrten und beschützten das kulturelle und spirituelle Ausdrucksmittel und prägten die heute verwendeten Bezeichnungen der unterschiedlichen Stilrichtungen. Daher spricht man nun vom Toque Ansina aus dem Viertel Palermo, vom Cuareim, der aus dem Viertels Sur stammt, und vom Toque Gaboto aus dem Bezirk Cordón.

Drei Trommeln in Bewegung

Der Candombe, insbesondere die Llamada, wird mit drei verschiedenen Trommeln gespielt: dem Tambor Chico, dem Tambor Repique und dem Tambor Piano. José Pedro Gularte Pilar „Perico“, Trommler, Hafenarbeiter im Ruhestand, Schiedsrichter beim Fußball und lebendiger Teil der Geschichte des Stadtviertels von Palermo, stammt aus „Ansina“, einer der Wiegen der Trommeln von Montevideo. Der Name Gularte ist eng mit dem Candombe verbunden. Pericos Tante Martha Gularte, die wichtigste Candombe-Interpretin der 50er und 60er Jahre, ist bis heute unvergessen. Wie lässt sich der unverwechselbare Klang des Candombe in Worte fassen? „Den Tambor Piano spielt man sehr sanft, und immer die gleiche Melodie, etwa so: ducutungu, ducutu“, beginnt Perico. „Der Tambor Chico unterstützt die Metrik: kalakang, kalakang, immer in der gleichen Geschwindigkeit, und der Repique ist ein spielendes Kind, er bereichert den Klang mit unzähligen Variationen, aber immer in dem Rhythmus des Tambor Piano und gemäß der Metrik, die der Tambor Chico vorgibt.“ Eine Besonderheit des Candombe ist, dass die Trommeln sich vorwärtsbewegen, erzählt Perico. Das heißt, der Candombe wird nicht nur auf der Bühne aufgeführt, sondern in der Bewegung, auf der Straße. Die Mitglieder einer Candombe-Gruppe tragen  ihre Trommeln um den Hals, spielen und rufen das Publikum auf, sich anzuschließen und mitzufeiern.

Uruguayische Kultur in der Diaspora

„Der Candombe wurde schon immer auf verschiedene Arten gespielt, und er hat eine fantastische Entwicklung genommen. Wir haben das große Glück, dass heute unsere Brüder und Schwestern, die Uruguay verlassen haben, um woanders ihr Glück zu suchen, den Candombe in die verschiedenen Länder mitgenommen haben. Daher kennt man ihn heute in Schweden, in den USA, in Spanien und sogar in Japan. Und was den Candombe auch sehr stark gemacht hat, war, dass viele Landsleute hierher kamen, um ihre Trommeln zu finden, denn wie es in schon in diesem Lied heißt: „Wenn ich eine Trommel spüre, weiß ich nicht, was mit mir geschieht“. So ist das dann. Du vermisst den Ramírez-Strand, das Stadion, die Avenida 18 de Julio, die so schmal ist im Vergleich zu den Städten mit ihren breiten und beleuchteten Alleen.“ Damit spricht Perico gleich mehrere sensible Themen an. Zum einen die Migration, die Diaspora, die immer auch Entwurzelung bedeutet. Zugleich bezieht er sich auf seinen Cousin Jorge Damian Barcia Gularte (Jorginho), von dem die Melodie stammt, die er singt. Der Sohn seiner Tante Martha war ein außergewöhnlicher Musiker. Eines Abends wurde Jorginho der vor einer Diskothek in Montevideo so schwer verprügelt wurde; dass er sich von den schweren Folgen nie mehr erholte. Er starb 2013. Die Umstände des Angriffs wurden nie aufgeklärt. Migration und Entwurzelung. Welche Bedeutung hat die Bewahrung der Kultur, der Wurzeln, wenn man nicht in seinem Heimatland, in seiner vertrauten Umgebung ist? Und welche Rolle spielt darin die Trommel? „Die Trommel hat etwas Verführerisches. Sie ist ein Instrument mit einer Seele, auch wenn sie nichts macht. Die Trommel ruft dich. Sie ist wie ein Wächter deines Geistes, und sie zu spielen macht dich glücklich.“

Kultureller Widerstand, Frieden, Freiheit und nie wieder Krieg

Die Covid19-Pandemie hat die Gewohnheiten aller Menschen durcheinander gebracht. Die alten Menschen, die das Andenken, die Kultur, die Geschichten und den Austausch lebendig halten, haben nun große Schwierigkeiten, mit dem Rest der Bevölkerung zusammenzukommen. Ob aus Altersgründen, aus gesundheitlichen Gründen oder wegen einer medizinischen Behandlung, sie verlassen ihr Zuhause nicht so, wie sie es gern würden. Also übernehmen nun die neuen Generationen: Enkelkinder, Neffen und Nichten springen ein und sorgen dafür, dass die Lunte des Lebens nicht verglimmt. Sie nutzen die soziale Netzwerke, machen Tonaufnahmen, schneiden Dokumentarfilme und interviewen per Streaming ihre Tanten, Mütter, Väter, Cousins, Cousinen, Freundinnen und Freunde.  Da gibt es zum Beispiel das argentinische Dokumentarfilmkollektiv MascaróCine mit dem Film Soy tambor; oder die Combo candombero mit Paola Correa via Zoom. Mit Interview und Gesang. Dies sind nur zwei von vielen Möglichkeiten, wie wir die digitalen Kommunikationsmittel nutzen können, um Erinnerung zu vermitteln, um Isolation und Einsamkeit entgegenzuwirken und um die Kultur am Leben zu erhalten. Beim diesjährigen Karneval würdigte die Gruppe La Jacinta bei ihrer Aufführung den Meister des Candombe, Perico Gularte: Gemeinsam träumen und kämpfen, auch in Zeiten der Pandemie und der neuen Normalität, verbunden durch das Vermächtnis des uruguayischen Candombe. Kultureller Widerstand, Frieden, Freiheit und nie wieder Krieg. Wir wollten von Perico wissen, welche Bedeutung die Trommel in seinem Leben innehat. „Leben, Leben, viel Leid beim Lernen, ich glaube, das habe ich schon oft gesagt. […] Es ist so schön, sich zurückzubesinnen, die Trommel zu spielen und zu merken, dass noch Energie übrig ist, um ein paar Schritte zu gehen, einfach nur drei oder vier Häuserblocks, und unseren Candombe zu spielen.“

Einen Audiobeitrag mit viel Musik und einem Interview mit Perico Gularte findest du hier.

CC BY-SA 4.0 Candombe – die Lunte des Lebens nicht verglimmen lassen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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