Britisches Museum entfernt südamerikanische Schrumpfköpfe aus Sammlung

Schrumpfköpfe in einem Kuriositätenladen in Seattle. Foto: Wikipedia/I, Jmabel (CC BY-SA 3.0)

(Berlin, 11. Oktober 2020, poonal).- Das zur Universität Oxford zählende Pitt Rivers Museum verfügt auch über eine anthropologische Sammlung, die zu den wichtigsten weltweit zählt. Diese enthielt Schrumpfköpfe, die von indigenen Völkern in Ecuador und Peru hergestellt wurden. Von der Größe einer Orange, galten die auf Spanisch Tsantsas genannten Schrumpfköpfe als Kriegstrophäen von Feinden, die im Kampf gefallen waren. Europäische Forscher brachten Exemplare von ihren Reisen aus Südamerika zurück. Das Museum hat diese nun entfernt und begründet den Schritt mit einem „Prozess der Dekolonisierung“, wie die BBC berichtet. Insgesamt 120 menschliche Überreste, die Tsantsas ein Teil davon, sind der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich.

Stereotypen aus der Zeit des Kolonialismus wirken fort

Die Museumsdirektorin Laura Van Broekhoven erklärt, warum die bisherige Attraktion aus der Sammlung genommen wurde: Stereotypen von Wildheit und Primitivismus seien verstärkt worden, was ein tieferes Verständnis der indigenen Kulturen verhindere. Filme und Bücher haben in der westlichen Kultur ein Bild der indigenen Völker des Amazonasgebietes gezeichnet, das bis in die Gegenwart fortwirkt: jenes der unzivilisierten Barbaren, die vor nichts zurückschrecken. Der Westen legitimierte mit seiner vermeintlichen Überlegenheit den Kolonialismus.

Europa weidet sich an den Grausamkeiten anderer Kulturen

Hergestellt wurden die Schrumpfköpfe von den Shuar, die im Amazonasbecken Ecuadors und Perus leben. Gegenüber bbc.com verweist die Museumdirektorin auf die Grausamkeiten, die in Englands Geschichte begangen wurden, wie die Verbrennung von Frauen bei lebendigem Leib. Ausgestellt würden aber immer nur die Gräueltaten anderer Kulturen, nicht die eigenen.

Forscher fühlten sich im 19. Jahrhundert von den „exotischen“ Tsantsas angezogen und zahlten für deren Erwerb hohe Preise. Der Wert entsprach dem einer Pistole, dem begehrtesten Tauschobjekt jener Zeit. Folge: Die starke Nachfrage führte zu noch mehr Kriegen zwischen Stämmen und ließ die Macht der Shuar in der Region steigen. In Europa blühte der Handel mit Tsantsas, die begehrte Sammelobjekte waren. Es wurden Fälschungen angefertigt, unter Verwendung der Schädel von Affen und Faultieren. Nicht einmal vor dem Raub aus Leichenhallen schreckten die Trittbrettfahrer zurück, so Laura Van Broekhoven.

Schrumpfköpfe heute bei eBay erhältlich

Ursprünglich habe es sich um eine zeremonielle Praxis der Shuar gehandelt, die für diese eine tiefe Bedeutung habe. Nur aus den wildesten Kriegern des Feindes wurden Tsantsas angefertigt. Erst in den 1960er Jahren setzte Ecuadors Regierung dem Handel ein Ende. Nun ist eine Rückführung der Objekte aus dem Pitt Rivers Museum nach Südamerika im Gespräch. Doch auch im Jahr 2020 sind Schrumpfköpfe übrigens noch erhältlich – bei eBay.

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