Breaking Borders to Build Bridges – 20 Jahre Women in Exile

 

Foto: Antje Vieth

(Berlin, 29. August 2022, poonal).- Selbstorganisierung geflüchteter Frauen: Sie flohen alleine oder mit ihren Kindern vor Krieg, Zerstörung durch Kolonialismus, Klimakatastrophen, Bedrohung oder Hunger, um dann hier in deutschen Lagern entwürdigt und bedroht zu werden. Bedroht von Rassismus, Abschiebung, Misshandlungen in einem System, das vor allem darauf ausgelegt ist, die Frauen zu isolieren und dazu zu bringen, freiwillig wieder zu gehen. Dagegen wehren sich die Frauen und organisieren sich selbst. Angefangen mit dem Engagement einzelner Frauen wie Elizabeth Ngari oder Florence Sissako entstand die Initiative Women in Exile. Ihr Protest wurde von Jahr zu Jahr größer und lauter. Nun wird die Brandenburger Initiative in diesem Jahr 20 Jahre alt. Zu diesem Geburtstag kamen Frauen aus Afrika, Lateinamerika und den USA. Mit einer Pressekonferenz eröffnen die Frauen die internationale Konferenz mit dem Titel Breaking Borders to Build Bridges.

Ein Frauenraum für persönliche Erfahrungen und politische Forderungen

Seit zwanzig Jahren kämpft Women in Exile für die Rechte geflüchteter Frauen, organisiert sich gegen Abschiebungen und die Situation in den Flüchtlingsunterkünften. Mit großen Bustouren oder einer spektakulären Floßtour 2014 durch ganz Deutschland machen die Frauen auf ihre Situation aufmerksam. Seit Jahren ist eine von vielen wichtigen Forderungen die Anerkennung frauenspezifischer Fluchtgründe: „Nach 20 Jahren gibt es noch viel zu tun für uns Aktivist*innen, die dafür kämpfen, dass wir kommen können, dass wir gehen können, dass wir bleiben können, global gesehen. Wir kämpfen für die Anerkennung dieser diversen Fluchtgründe“, erzählt Janette, Aktivistin der Initiative. Mitbegründerin Florence Sissako lebt inzwischen seit über zehn Jahren  in den USA, jetzt ist sie zu Besuch, um an der Konferenz teilzunehmen: „Ich bin vor vielen Jahren als Asylsuchende nach Deutschland gekommen. Wie alle Asylbewerberinnen in Deutschland habe ich in einem Heim gelebt mit Residenzpflicht, Arbeitsverbot, den Abschiebungen vom Lager und Gutscheinen. Also haben wir damals beschlossen, dass wir als Menschen so nicht leben wollen. Wir haben begonnen, die Grenzen zu brechen und die Gesetze zu brechen, und wir wollten von unseren Gefühlen und unseren persönlichen Erfahrungen hin zum Politischen kommen. So haben wir vor 20 Jahren einen Frauenraum geschaffen für geflüchtete Frauen, die bis heute das Thema der Konferenz voranbringen – nämlich die Grenzen zu brechen, das System zu bekämpfen und Brücken zu bauen. Das Ziel der Konferenz ist es, uns global zu vernetzen, denn die Probleme sind global, die Klimazerstörung, Migration, die Verarmung unserer Gemeinschaften. Und das trifft Frauen stärker, unsere Migrationsgeschichten sind ähnlich, die Zielländer verhindern unser Ankommen mit allen Mitteln, es gibt das Verdursten in der Wüste an der Grenze Mexiko-USA, hier ertrinken die Menschen im Mittelmeer, dann gibt es die Lager, das Zugangs-Verbot zu Arbeit und die Ausgrenzung. Wir sind stolz, dass wir uns trotzdem alle hier als Aktivist*innen versammeln, und wir haben viele internationale Gäste.“

Solidarische Kämpfe und spirituelle Stärkung

Neben Florence und Jeanette von Women in Exile sitzen auf dem Podium: Carolina Lopez vom LGBTI Projekt Casa de la Mariposa in Arizona/USA, Elizabeth Nassy vom kenianischen Frauenprojekt IMPACT, die vor allem gegen die Folgen des Klimawandels kämpfen, Chahim A`jam Vásquez, die als Heilerin in einem Gesundheitsprojekt in Guatemala arbeitet, Moderatorin Llanquiray Painemal sowie eine ganze Reihe von Übersetzer*innen, da die Veranstaltung in sechs Sprachen übersetzt wird. Carolina Lopez ist Transfrau und flüchtete damals über die mexikanische Grenze in die USA, wo sie drei Jahre unter schwersten Bedingungen inhaftiert blieb. Danach beschloss sie, sich zu organisieren um anderen Trans und LGBTI-Geflüchteten zu helfen. Die Gruppe Mariposas sin fronteras arbeitet in Arizona/USA und unterstützt Trans-Gemeinschaften innerhalb und außerhalb der geschlossenen Lager. „Für mich als Frau, die drei Jahre in einem geschlossenen Lager überlebt hat, ist es wichtig, meine Stimme zu erheben“, sagt Carolina Lopez.

Chahim A`jam Vásquez kommt aus Guatemala. Sie ist indigene Heilerin und möchte vor allem einen Raum der Heilung schaffen für Frauen, die wegen politischer Gewalt fliehen mussten und erschöpft sind. „Über die Realität zu sprechen bedeutet mehr als über ein Thema zu reden oder eine politische Analyse zu machen, denn wenn wir so reden, entsteht eine Leere, um über die Realität der Frauen zu sprechen. Es geht darum, wie wir fühlen in unserer Mobilität, wie wir fühlen als Frauen, die im Exil leben, wie fühlt sich das Exil an? Als Heilerin heile ich gerade jetzt in diesem Moment an diesem Ort, wo ich mich gerade jetzt befinde“, sagt Chahim A`jam Vásquez.

Elizabeth Nasy Silakan sieht sich als Partner*in von Women in Exile, ihre Organisation IMPACT macht vor allem Bildungsarbeit, Schüler*innenaustausch, Klimaschutzintervention in marginalisierten Gemeinschaften im Norden Kenias. Ein wichtiges Ziel ist es, Fluchtgründe zu minimieren, sagt sie: „Unsere Vision ist eine gerechte Gesellschaft für alle, dies teilen wir mit Women in Exile, und wir teilen auch manche Kämpfe. Vielleicht sind unsere auch ähnlich schwer oder sogar schwerer, die Klimakrise trifft die Frauen, die in den marginalisierten Gemeinschaften leben, zweimal so stark. Wir wollen sie da empowern in dieser Situation.“ IMPACT arbeitet vor allem mit nomadischen Hirtinnen, und die brauchen natürlich viel Regen für ihre Herden. Sie leben in patriarchalen und postkolonialen Realitäten, die reproduktive Gerechtigkeit und Bildung für sie verhindert. IMPACT sieht vor allem die Kraft in der Bildung und darin, ein Netzwerk zu bauen, das sich für globale Gerechtigkeit stark macht.

Gemeinsam vor dem Humboldt-Forum Berlin

Das Netzwerk sollte auch in dem dreitägigen Workshop-Programm entstehen. Zum Abschluss der Konferenz am 7. August 2022 versammelten sich die Teilnehmer*innen vor dem Berliner Humboldt-Forum. Denn: Einige der hier ausgestellten Kulturgüter wurden in der Kolonialzeit entwendet und werden heute von lokalen Gemeinschaften zurückgefordert. Diese Forderung unterstützen nicht nur Women in Exile. In Berlin werden die Stimmen dazu lauter. Bunt, lautstark, mit Gesang, Sprechchören, und Forderungen, die an die Wand des Humboldt-Forum geheftet und verlesen wurde, schlossen die Aktivist*innen die Konferenz ab und wurden auf den Straßen Berlins sichtbar.

Europe and America have taken and stolen our land, murdered our people und supressed our cultures, and we are not standing by it anymore. We are protesting to have lives with dignity and lives with selfdetermination without the opression of white supremacy.

Wollte ihr mehr über die Kämpfe von Women in Exile erfahren? Anlässlich des Jubiläums erschien das Buch mit dem Titel: Breaking Borders to Build Bridges, das die Initiative selber herausgegeben hat. Erschienen im Buchverlag edition assemblage.

Und zum Audio-Beitrag geht es hier:

CC BY-SA 4.0 Breaking Borders to Build Bridges – 20 Jahre Women in Exile von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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