Müttersterblichkeit während COVID-19 gestiegen

Foto: cimacnoticias

(Mexiko-Stadt, 20. Juli 2020, cimacnoticias).-  Mexiko ist das einzige Land in Lateinamerika, in dem die Müttersterblichkeit infolge der Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus gestiegen ist. Die Schließung von medizinischen Erstkontaktstellen und Gemeindekrankenhäusern hat dort eine rechtzeitige Versorgung bei Komplikationen in der Schwangerschaft in vielen Fällen unmöglich gemacht.

Die Beobachtungsstelle für Müttersterblichkeit und das Komitee zur Förderung sicherer Mutterschaft informierten darüber, dass es im Juli dieses Jahres 417 Todesfälle unter Müttern im Land gegeben hat. 73 davon seien auf COVID-19 und 23 auf die wahrscheinliche Anwesenheit des Virus zurückzuführen. Laut den Daten der Generaldirektion für Epidemiologie des Gesundheitsministeriums bedeutet das, dass 23 Prozent der Todesfälle direkt mit der Pandemie in Verbindung stehen.

Hilda Argüello Avendaño, Ärztin und technische Sekretärin der Beobachtungsstelle, sagte in einem Interview, dass wissenschaftliche Beweise zwar zeigen, dass das Virus die Todesfälle bei Frauen während der Schwangerschaft, bei der Geburt und nach der Geburt nicht unbedingt erhöht, das Land aber dennoch einen Anstieg der mit COVID-19 verbundenen Todesfälle bei Müttern verzeichnet.

Schon vor der Pandemie hohe Sterblichkeit bei Schwangeren

Laut dem Institut war die Sterblichkeit von schwangeren Frauen bereits vor der Pandemie ein Problem im öffentlichen Gesundheitswesen. Dies habe verschiedene Gründe, zum Beispiel fehlten Medikamente oder die Patientinnen mussten erst zwei oder mehr medizinische Zentren aufsuchen, bis sie endlich eine Einrichtung fanden, in der sie ihr Kind zur Welt bringen konnten. Zudem gab es Notfälle während der Geburt, etwa aufgrund von Bluthochdruck.

Zu dieser Entwicklung kam es, weil die Krankenhäuser sich nicht an das seit 2009 geltende allgemeine Zusammenarbeitsabkommen bei Notfällen während der Geburt halten. Dieses sieht vor, dass alle schwangeren Frauen eine medizinische Versorgung in Anspruch nehmen können. Während der Pandemie kamen nun noch die neuen Vorkehrungen der Krankenhäuser hinzu, viele wollten lediglich COVID-19-Fälle behandeln.

Empfehlungen des Gesundheitsministeriums werden nicht befolgt

Die Hauptursachen für die Müttersterblichkeit waren bis Juli 2020 COVID-19 mit 73 bestätigten Todesfällen (17,5 Prozent), Geburtsblutungen mit 72 Todesfällen (17,3 Prozent), Hypertonie, Ödeme und Proteinurie in der Schwangerschaft, bei der Geburt und im Wochenbett mit 71 Todesfällen (17,0 Prozent) und Abtreibung mit 24 Todesfällen (5,8 Prozent). Die Müttersterblichkeit nahm während der Pandemie zu, obwohl das Gesundheitsministerium im April die ​„Richtlinien zur Prävention und Eindämmung von COVID-19 bei der Schwangerschaft, Geburt, im Wochenbett und bei Neugeborenen“ veröffentlicht hatte. Fachärzt*innen hielten diese Entwicklung für einen großartigen Schritt. Die Publikation enthielt jedoch lediglich Empfehlungen, die in der Praxis nicht befolgt wurden.

Die Ärztin Dr. Argüello Avendaño erklärt die offiziellen Zahlen der Generaldirektion für Epidemiologie. Die mit COVID-19 verbundenen Todesfälle bei Müttern übersteigen die Todesfälle, die etwa durch Blutungen und Bluthochdruckerkrankungen verursacht wurden. COVID-19 gilt jetzt als die erste Ursache für Müttersterblichkeit im Land.

Zugleich erklärte Dr. Hilda Argüello in einer virtuellen Pressekonferenz am 16. Juli, dass bis zur 28. epidemiologischen Woche die Müttersterblichkeit auf nationaler Ebene im Vergleich zum gleichen Vorjahreszeitraum 2019 um 19,1 Prozent höher liegt. 2019 wurden 359 Müttersterblichkeitsfälle erfasst, so sagt es die Wochenstatistik für Müttersterblichkeit, welche die Generaldirektion für Epidemiologie erstellt.

COVID-19-Müttersterblichkeit in Chiapas besonders hoch

Die Daten zeigen, dass die Bundesstaaten Chiapas, México, Jalisco, Chihuahua, Mexiko-Stadt, Puebla, Veracruz und Michoacán die Liste der Müttersterblichkeit im Land anführen. 207 der 417 Müttersterblichkeitsfälle, die in den epidemiologischen Wochen 1 bis 28 des Jahres 2020 registriert wurden, wurden in diesen Bundesstaaten verzeichnet.

In Chiapas, einem der Staaten, die seit Jahren an der Spitze der Müttersterblichkeit stehen, wurden in diesem Zeitraum 35 Fälle verzeichnet. Der Bundesstaat steht bei der Fallrate an zweiter Stelle und wird nur noch vom Bundesstaat México übertroffen, wo 55 Todesfälle registriert wurden. Obwohl noch keine Informationen darüber vorliegen, wie viele von ihnen auf COVID-19 zurückzuführen sind, ist bekannt, dass 9 dieser Fälle, also 25 Prozent, Frauen betrafen, die keinen Zugang zu medizinischer Versorgung fanden. Die Bundesstaaten mit den meisten Müttersterblichkeitsfällen bis Juli 2020 waren der Staat Mexiko (55 Fälle), Chiapas (35 Fälle), Jalisco (26 Fälle), Mexiko-Stadt und Puebla (je 24 Fälle) und Chihuahua (22 Fälle).

Dr. Argüelles warnte auch, dass diese Fälle wahrscheinlich mit einer unbestimmten Anzahl von Todesfällen von Müttern und Neugeborenen einhergehen, die nicht in den offiziellen Daten erfasst werden. Denn es gibt Frauen, die nicht in einem Krankenhaus oder Gesundheitszentrum versorgt werden und daher Schwangerschaftskomplikationen außerhalb dieser Einrichtungen bekommen.

Die Pandemie sorgt für die unzureichende medizinische Versorgung mancher Bevölkerungsgruppen

In Chiapas, erklärte sie, hätten die Gemeinden Maßnahmen des Gesundheitswesens wie zusätzliche Sanitäranlagen abgelehnt, die Bevölkerung habe sogar dem staatlichen Gesundheitssekretariat die Schuld für die Verbreitung des Virus gegeben, das die COVID-19-Krankheit verursacht.

Angesichts der Angriffe auf medizinisches Personal wurden Krankenhäuser im Bundesstaat geschlossen, um durch die Anspannung und das Misstrauen ausgelöste Konflikte zu vermeiden. Expert*innen meinen, daraus resultiere nun eine unzureichende Versorgung von manchen Bevölkerungsgruppen, etwa schwangeren Frauen.

Wie das Institut berichtet, hat das Gesundheitssystem in den letzten 20 Jahren die Geburtshilfe im Krankenhaus ausgebaut, deshalb wurde die ambulante Versorgung reduziert, so kam es zu einer Überbelegung in den Krankenhäuser, wo Notgeburten behandelt werden. Die Pandemie hat jetzt die negativen Konsequenzen dieser Politik offenbart.

Dr. Marcos Arana vom Komitee zur Förderung sicherer Mutterschaft in Chiapas berichtete darüber, dass die Frauen in diesem Bundesstaat ernsthafte Schwierigkeiten haben, auf ihre Gesundheit zu achten. Die Ressourcen haben sich jetzt auf COVID-19-Fälle konzentriert, Krankenhäuser wären geschlossen worden oder hätten ihre Versorgung umgestellt, Ärzt*innen und Pflegepersonal wurden reduziert. Aufgrund der Ansteckungsgefahr haben viele von ihnen aufgehört zu arbeiten

Gesundheitsexpert*innen rufen zum Dialog auf und fordern ausreichende medizinische Versorgung

Laut dem Komitee und der Beobachtungsstelle kann man in Staaten wie Chiapas sehen, dass Hebammen eine Option für die Betreuung von Schwangerschaft, Geburt und Neugeborenen sind, doch diese arbeiten ohne Anerkennung und ohne institutionelle Unterstützung oder Schutz vor einer Ansteckung mit dem Virus. Viele von ihnen sind schon älter oder haben Vorerkrankungen.

Nach Meinung der Gesundheitsexpert*innen muss die medizinische Versorgung auch beinhalten, dass der Dialog zwischen den Gemeinden und den Gesundheitsbehörden wieder aufgenommen wird. So müssen Strategien zur Wiederherstellung des Vertrauens entwickelt werden. Die Funktionsfähigkeit der Versorgungseinheiten auf erster Ebene und die der Gemeindekrankenhäuser muss aufrechterhalten werden und eine Liste der Zentren, in denen Schwangerschaft und Entbindung betreut werden, muss veröffentlicht werden. Zudem muss ein Rettungsdienst bereitgestellt werden, der einen Transport in die Einrichtungen auf zweiter Ebene gewährleistet, wenn es zu Notgeburten kommt.

 

CC BY-SA 4.0 Müttersterblichkeit während COVID-19 gestiegen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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