
(Mexiko-Stadt, 06. Dezember 2025, Amerika21).- Nach jahrelangen Protesten hat das mexikanische Arbeitsministerium dem Parlament eine Gesetzesinitiative zur schrittweisen Verkürzung der Arbeitszeit von heute 48 auf 40 Stunden pro Woche vorgelegt. Die Initiative soll laut Präsidentin Claudia Sheinbaum am 1. Mai 2026 in Kraft treten. Sie sieht vor, dass in den Jahren 2027 bis 2030 die Wochenarbeitszeit um jeweils zwei Stunden reduziert wird. Darüber hinaus sind maximal zwölf „freiwillige“ Überstunden erlaubt, die an höchstens drei Tagen pro Woche erfolgen können. Das Arbeitsministerium kündigte auch eine Erhöhung des Mindestlohns um 13 Prozent an. Durch die Anhebung verdienen die Mexikaner*innen dann mindestens 315,04 Pesos, was einem Tageslohn von umgerechnet 14,80 Euro entspricht.
Arbeitsminister Marath Baruch Bolaños López erklärte in Anwesenheit von Vertretern von Arbeitgeberverbänden, man habe sich „im Dialog zwischen Gewerkschaften, Vertreter*innen nicht gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer*innen und der Wirtschaft“ auf diese schrittweise Verkürzung geeinigt. Unter der Vorgängerregierung von Andrés Manuel López Obrador (2018-2024) lehnten Unternehmer*innen und unternehmernahe „gelbe“ Gewerkschaften eine sofortige Reduktion der Wochenarbeitszeit ab.
Eduardo Alanís, der Sprecher der „Nationalen Front für die 40-Stunden-Woche“, die seit 2023 regelmäßig Proteste organisiert, kritisierte die von der Regierung vorgeschlagene schrittweise Umsetzung. „Pflege ist nicht schrittweise, das Leben ist nicht schrittweise, Gesundheit ist nicht schrittweise. Daher glauben wir, dass die Reduzierung sofort geschehen muss“, erklärte Alanís. Die Bewegung, die von jungen, aktivistischen Arbeiter*innen getragen wird, kritisiert zudem, dass die neue Initiative zur Verkürzung der Arbeitszeit keine zwei Ruhetage festschreibt, „was die Tür offen lässt, dass alles beim Alten bleibt“. Ihr Kampf sei ein Klassenkampf, für die Unternehmer:innen sei es sehr schwer, dies zu akzeptieren, so Alanís. Die Bewegung will weiter Druck ausüben und hofft, so den Gesetzesvorschlag noch verbessern zu können.
Seit mehr als einem Jahrhundert ist die Arbeitszeit von acht Stunden pro Tag während sechs Tagen unverändert geblieben. Mexikanische Arbeitnehmer*innen gehören zu denjenigen, die im internationalen Vergleich eine der längsten Arbeitszeiten haben, was sich nicht unbedingt in mehr Produktivität umschlägt. Sie leiden auch nach wie vor unter grundlegenden Einschränkungen der Arbeitsrechte, wie dem Recht auf freie gewerkschaftliche Organisierung. Sogenannte „gelbe Gewerkschaften“ wie die CTM, die der ehemaligen Staatspartei PRI angehört, oder die CATEM, welche von der regierenden Partei Morena kontrolliert wird, garantieren den Unternehmer*innen günstige Arbeitnehmer*innen und den Regierenden Loyalität. Unabhängige, freie Gewerkschaften haben einen schweren Stand gegen die oft auch mit mafiösen Gruppen verbandelten Gewerkschaftsriesen.
Noch 2023 war Pedro Haces Barba, der Gründer von CATEM, ein entschiedener Gegner einer Verkürzung der Arbeitswoche. Die Arbeitnehmer*innen wollten „mehr verdienen“ und nicht „mehr Freizeit haben“, sagte Haces. Zudem würde eine Verkürzung der Arbeitszeit zu Inflation führen, meinte der Gewerkschaftsboss und Morena-Politiker, unisono mit den Unternehmer*innen.
Auch die prekarisierten Anstellungsverhältnisse über externe Agenturen, das sogenannte Outsourcing, sind eine gängige Praxis auf dem mexikanischen Arbeitsmarkt. Vom Outsourcing profitieren große Firmen und auch der Staatsapparat, um sich arbeitsrechtlicher Verpflichtungen zu entledigen. Unter der Vorgängerregierung von López Obrador konnte diese Auslagerung der Arbeitskräfte zwar signifikant eingeschränkt werden, aber beseitigt ist sie noch nicht: Von den zuvor fünf Millionen Personen in Outsourcing-Verträgen arbeiten heute noch rund zwei Millionen Arbeitnehmer*innen unter den Bedingungen der externen Agenturen.
Zudem ist in Mexiko die Informalität auf dem Arbeitsmarkt immer noch sehr hoch und betrifft gemäß aktuellen Daten des Statistikinstituts INEGI mehr als 33 Millionen Arbeitnehmer*innen, was etwa 55 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung entspricht. Mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer*innen im Land haben somit weder Sozialversicherungen noch geregelte Arbeitszeiten.
Mexiko plant die 40-Stunden-Woche bis 2030 von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.
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