Kommt das Ende der 6-Tage-Woche?

6-Tage-Woche
Reginaldo Lopes (links), Abgeordneter der brasilianischen Arbeiterpartei PT, setzt sich für eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit ein. Foto: Ricardo Stuckert/Lula Oficial/Flickr (CC BY-SA 4.0)

(São Paulo, 19. Februar 2026, apublica).- Nachdem der Karneval zu Ende gegangen ist, sollte auf den Straßen wieder Ruhe eingekehrt sein. Dafür dürften mit den Debatten über das Ende der 6-Tage-Arbeitswoche jetzt Aufregung und Lärm in der Abgeordnetenkammer herrschen. Der Vorschlag für eine Verfassungsänderung (PEC), der von der Kommission für Verfassung und Justiz (CCJ) behandelt wird, ist eine Zusammenführung von zwei anderen Verfassungs­änderungs­anträgen: von der Abgeordneten Erika Hilton (von der linken PSOL (Partido Socialismo e Liberdade) und von Reginaldo Lopes, dem Abgeordneten der regierenden sozialdemokratischen Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores).

Bei beiden Vorschlägen geht es um eine Reduzierung der Arbeitszeit von 44 auf 36 Stunden pro Woche. Sie sehen vor, dass die Beschäftigten die wöchentliche Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich und unter Beibehaltung der im Gesetz verankerten Arbeitsrechte verringern. Der Vorschlag von Erika Hilton sieht jedoch eine 4-Tage-Woche vor (vier aufeinanderfolgende Arbeitstage und 3 Ruhetage), während Reginaldo Lopes eine 5-Tage-Woche vorschlägt.

Der Abgeordnete der Arbeiterpartei, der Berichterstatter der Steuerreform war, setzt sich nun hinter den Kulissen auch für eine geringere Reduzierung auf 40 Wochenstunden ein. Dies hat zu einer Annäherung an Repräsentant*innen der Wirtschaft beigetragen und auch die Beziehungen zu Mitte-Rechts-Parlaments­mitgliedern vertieft, mit denen er sich regelmäßig trifft.

Laut Quellen, die Agência Pública in der Zeit vor dem Karneval informierten, sind Vertreter*innen von Industrie und Handel gegen die Verfassungsänderung, aber angesichts fehlender Alternativen ziehen sie es vor, sich dem Vorschlag aus der Arbeiterpartei anzuschließen, um bei den Verhandlungen flexibler zu sein.

Unternehmergruppen üben Druck auf Verhandlungen im Abgeordnetenhaus aus

Der Dachverband der brasilianischen Industrie CNI (Confederação Nacional da Indústria), suchte angesichts der Eile des Parlaments, den Entwurf für eine Verfassungsänderung noch vor den im Oktober stattfindenden Wahlen zu verabschieden, verstärkt Gespräche mit dem Nationalkongress. Die Reduzierung der Arbeitszeit wurde Wahlkampfthema bei Präsident Lulas Kampagne zur Wiederwahl – besonders, nachdem das Thema sowohl online als auch auf der Straße breite öffentliche Unterstützung bekam.

Warum ist das wichtig?

– Eine Umfrage vom Februar dieses Jahres zeigt, dass 73 Prozent der brasilianischen Bevölkerung für ein Ende der 6-Tage-Arbeitswoche sind.
– Industrienahe Verbände weisen darauf hin, dass eine 36-Stunden-Woche die Ausgaben für formell Beschäftigte in der Gesamtwirtschaft um 20,7 Prozent steigern würden.Vielleicht bekommt Brasilien bald eine 40-Stunden-Woche.

Am 3. Februar trafen sich Unternehmer*innen in Brasília zu einem Seminar zur legislativen Agenda der Industrie für 2026. Zu der Veranstaltung waren Parlamentsmitglieder wie die Senatorin Tereza Cristina (Progressistas, PP), die Abgeordnete Luísa Canziani (Partido Social Democrático, PSD) und der Abgeordnete Reginaldo Lopes (PT), der einer der Redner war, eingeladen.

„Man lud mich ein, und als die Fragerunde eröffnet wurde, ging es nur um die 6-Tage-Woche. Und ich machte klar, dass sie eine Vorreiterrolle haben, dass das Land Industrie brauche, und dass sie sich für die 5-Tage-Woche einsetzen sollten“, betonte Lopes. Der Abgeordnete fügte hinzu, dass er, um die Wogen zu glätten, unter anderem beabsichtige, Kurse für Kleinunternehmer*innen vorzuschlagen, damit diese sich an die möglichen neuen Arbeitsregeln anpassen können.

Gesprächsbereitschaft auch bei den Rechten

Es gibt sogar Gespräche mit Mitgliedern der extremen Rechten, zum Beispiel mit der Abgeordneten Júlia Zanatta (Partido Liberal, PL). Zanatta erklärte, dass sie sich noch genauer mit dem Text befassen werde, aber zeigte sich offen, dass Thema zu diskutieren, falls der endgültige Antrag tatsächlich die Einführung einer 40-Stunden-Woche vorsehe. „Dem aktuellen Vorschlag (einer Reduzierung auf 36 Stunden) werde ich nicht zustimmen“, sagte sie.

Am 11. Februar erklärte der Präsident des Abgeordnetenhauses, Hugo Motta (Republicanos), er habe die Hoffnung, dass die Abstimmung über den Verfassungsänderungsantrag bis Mai erfolgen werde – wegen des Tages der Arbeit am 1. Mai ein symbolischer Monat. Einen Tag vor den Karnevalsferien bestätigten die wenigen Abgeordneten, die noch nicht verreist waren, um die Feiertage zu nutzen, dass der Text noch in der ersten Hälfte dieses Jahres endgültig verabschiedet werde. Mehrere von ihnen waren sich jedoch hinter den Kulissen einig, dass die Wirtschaftslobby mit dem Fortschritt dieser Verhandlungen verstärkt Präsenz im Parlament zeigen werde.

Obwohl der Präsident des Abgeordnetenhauses den Textvorschlag unterstützt, wird die Wirtschaft die Gesetzesänderung nicht ohne weiteres akzeptieren. In einer über 30-seitigen Broschüre verteidigt der CNI die Beibehaltung der 6-Tage-Woche und eine Öffnung für Verhandlungen zwischen Beschäftigten und Unternehmen ohne eine vorgegebene feste Regelung.

Wirtschaft befürchtet hohe Kosten und geringe Wettbewerbsfähigkeit

„Was die Wirtschaft betrifft, würde die vorgeschlagene Verfassungsänderung für Brasilien sehr hohe Kosten mit sich bringen, in einer Größenordnung von mehreren Hundert Milliarden Reais, und zu Arbeitslosigkeit und einer geringeren Wettbewerbsfähigkeit des Landes führen. So würden nach einer Schätzung des CNI die Ausgaben für formell Beschäftigte in der brasilianischen Wirtschaft um 20,7 Prozent steigen“, heißt es in einem Abschnitt des Dokuments.

Dieses Argument dürfte eine Grundlage für den Diskurs der Opposition liefern. Im Gegensatz zu den Anträgen der Regierungsbasis schlagen Abgeordnete aus dem Mitte-Rechts-Lager eine Alternative vor: einen „Vorschlag zur Verfassungsänderung zur Freiheit der Arbeitszeit“, eingereicht von Maurício Marcon (Podemos). Der Vorschlag sieht eine Flexibilisierung der Arbeitsbeziehungen vor, indem sie den Beschäftigten die Möglichkeit gibt, die Anzahl der Arbeitsstunden direkt mit den Unternehmen auszuhandeln.

„Es ist unmöglich, dass die Menschen weniger arbeiten und mehr verdienen, ohne dass dies irgendeine Konsequenz hat. In der realen Welt, wenn man nach Brasilien schaut, unterliegt die Hälfte der Arbeitskräfte dem Konsolidierten Arbeitsrecht CLT und hat einen formellen Arbeitsvertrag und die andere Hälfte nicht. Nehmen wir an, wir verbieten die 6-Tage-Arbeitswoche. Was wird jemand machen, der sechs Tage pro Woche arbeiten möchte? Er wird in den informellen Sektor wechseln“, meint der Abgeordnete Gilson Marques (NOVO), womit er den Vorschlag der Opposition unterstützt.

Übersetzung: Christa Röpstorff

https://apublica.org/wp-content/uploads/2019/08/selonovo.png

CC BY-SA 4.0 Kommt das Ende der 6-Tage-Woche? von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nachrichtenpool Lateinamerika
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.