Offener Brief von Cabildo Berlin

Der 21 Jahre alte Student, Gustavo Gatica, war am 7. November bei einer der großen Demonstrationen in Santiago und fotografierte die Proteste. Währenddessen wurde er von der Polizei angeschossen. Schrotkugeln trafen beide Augen. Dadurch ist er auf einem Auge erblindet. Für das andere versuchen Ärzte derzeit, ein Minimum an Sehkraft zu retten.

Der Fall Gustavo Gaticas wiegt schwer. Seit Mitte Oktober die Proteste in Chile begannen, haben jedoch etwa 200 Menschen mindestens ein Auge verloren. Polizisten schießen häufig auf Menschen, oft auf die obere Körperhälfte. Die kleinen Gummigeschosse mit einem Stahlkern prallen irgendwo ab und können jeden oder jede treffen.

Der „Cabildo Berlin“ ist ein basisdemokratischer Zusammenschluss einer Gruppe von Chilen*innen und Mapuche. Er richtet sich mit diesem Brief an Gustavo Gatica und auch an die Öffentlichkeit:

 

(Berlin, 11. November 2019/ „Cabildo Berlin“)

Offener Brief an Gustavo Gatica Villarroel und seine Familie

Lieber Genosse und Familie,

wir schreiben Dir als „Cabildo Berlin“, als basisdemokratischer Zusammenschluss einer Gruppe von Chilen*innen und Mapuche, die dieses lange schmale Land Chile aus unterschiedlichen Gründen verlassen haben und nun in Berlin leben. Von hier aus verfolgen und unterstützen wir all das, was in Chile passiert und was damit anfing, dass Jugendliche riefen: “¡Evadir, no pagar, otra forma de luchar!“ („Umgehen, nicht bezahlen! Eine andere Art zu kämpfen!“). Sie haben uns alle damit angesteckt! In unseren Herzen stimmen wir in diesen Vers ein. Und wir rufen ihn laut zum Takt der Pfiffe und der Töpfe, auf die wir schlagen, wenn wir uns in Berlin vor dem chilenischen Konsulat oder am Brandenburger Tor treffen.

Seit dem 18. Oktober begleiten wir die Protestbewegung aus der Ferne. Mit unseren Aktionen verurteilen wir gegenüber den deutschen Behörden die von der Regierung Sebastián Piñera begangenen Menschenrechtsverletzungen. In ganz Chile und dem Wallmapu (Territorium der indigenen Mapuche) geht die Regierung mit Methoden des Terrors gegen die Bevölkerung vor. Der Mut der Mehrheit der Gesellschaft, die aus ihrer alltäglichen Routine ausbricht, auf die Straße geht und ein Leben in Würde fordert, soll ausgebremst werden.

Im Laufe dieser Tage sehen wir fassungslos, wie die Zahlen der Verletzten, Ermordeten und Gefolterten steigen: Ein Ausdruck systematischer und repressiver Methoden seitens des chilenischen Staates gegen die mit ihren Stimmen und Kochtöpfen bewaffnete Zivilbevölkerung!
Und dennoch haben sich die Menschen nicht einschüchtern lassen; Millionen schreien weiterhin Tag für Tag ihre Unzufriedenheit hinaus und fordern eine grundlegende Umgestaltung jenes Gesellschaftssystems, das auf Ausplünderung der Natur und unseres Lebens beruht.

Als du am 9. November ins Krankenhaus gebracht wurdest, haben wir besorgt auf Nachrichten gewartet: Wir waren erschüttert, ,als wir dann erfuhren, dass du durch den ‘kriminellen Arm‘ Sebastián Piñeras beide Augen verloren hast. Wir können nicht tatenlos bleiben.
Deshalb erinnern wir von hier aus an deinen Namen, Genosse Gustaco Gatica, und werden die Verbrechen, die in Chile begangen werden, auf dieser Seite des Planeten so lange verurteilen, bis die internationale Gemeinschaft und die deutschen Behörden sich gegen diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit aussprechen.

Für den bitteren Moment, den Du, Deine Familie und Deine Liebsten jetzt durchleben, reicht all das nicht aus. Dennoch wollen wir unsere Arme über den Atlantik ausstrecken, in geschwisterlicher, solidarischer, engagierter Umarmung. Als „Cabildo Berlin“ erheben wir aus der Ferne auch weiterhin unsere Stimme, damit all die Verbrechen dieser Tage nicht straflos bleiben.
Wir grüßen Dich mit einem leicht angepassten Zitat von Mario Benedetti: „Sie wissen, Genosse, dass Sie auf uns zählen können, nicht nur auf einen, auf zwei oder zehn von uns, sondern auf uns ALLE.“

Cabildo Berlin, 11. November 2019

dieser Brief auf Spanisch / esta carta en Español

 

CC BY-SA 4.0 Offener Brief von Cabildo Berlin von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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