Argentinien
Fokus: Erinnerung und Gerechtigkeit / Memoria y Justicia

Opfer der argentinischen Militärdiktatur immer noch in Gefahr


Konferenz der Großmütter vom Maiplatz
Foto: Abuelas de Plaza de Mayo

(Montevideo, 13. März 2018, la diaria).- Die argentinische Organisation Großmütter des Maiplatzes hat am 12. März 2018 eine Konferenz veranstaltet. Dort äußerten sie ihren Unmut über die Möglichkeit, dass 96 Personen, die wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit während der argentinischen Militärdiktatur verurteilt wurden, ihre Strafe nicht im Gefängnis absitzen müssen. Anfang März veröffentlichte die Presse eine Liste mit Verurteilten, die für einen Hausarrest in Frage kommen. Das Dokument wurde von der Nationalen Gefängnisbehörde erstellt und empfiehlt den Gerichten, bei den 96 Genannten die Möglichkeit eines Hausarrestes zu untersuchen. Offizielles Ziel ist die Überbelegung in den Gefängnissen zu reduzieren.

Ex-Militär bedroht wiedergefundener Enkel

Die Liste sorgte für einige Ablehnung bei Menschenrechtsorganisationen. Guillermo Pérez Roisinblit -Enkel der zweiten Vorsitzenden der Großmütter des Maiplatzes, Rosa Roisinblit- erfuhr erst im Jahr 2000 seine eigentliche Identität. Er wurde im ehemaligen Folterzentrum ESMA geboren, seine Eltern ermordet. Nun taucht in der Liste auch sein Entführer, der Ex-Militär der Luftwaffe Francisco Gómez auf. Gómez wurde 2017 zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

Roisinblint startete einen Aufruf in den Medien, dass Gómez nicht unter Hausarrest gestellt werden dürfe und dass Gómez ihn mit dem Tode bedroht habe. Am 10. März twitterte er, dass Gómez ihm bei seiner letzten Begegnung gesagt hatte: „Eines Tages komme ich raus und an diesem Tag werde ich dir, deiner Schwester und deinen Großmüttern eine Kugel in den Kopf jagen.“ Roisinblint schrieb in den Sozialen Medien: „Ich möchte nicht, dass er rauskommt, ich bin mir sicher, dass er sein Versprechen in die Tat umsetzen wird, ich weiß, wie gewalttätig er ist.“ Außerdem erklärte er in einen Interview mit Radio La Red, dass er sich an die Justiz wenden wolle: „Das Opfergesetz verpflichtet die Justiz vor der gerichtlichen Entscheidung die Opfer anzuhören. Diese Recht möchte ich in Anspruch nehmen.“

Rückschritte bei Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit

Während der Konferenz sagte seine Großmutter Rosa, dass „derjenige, der ein Verbrechen begangen hat, seine Strafe absitzen muss“ unabhängig vom Alter. Die Vorsitzende Estela de Carlotto verwies auf die Notwendigkeit des Protests, um „unsere Enkel und Enkelinnen und uns zu schützen.“

Im Anschluss an die Konferenz gaben sie ein Schreiben aus, das die Möglichkeit eines Hausarrestes für die (ehemaligen) Unterdrücker verurteilte: „Das Gefühl der Unsicherheit, unter denen wiedergefundene Enkel und Enkelinnen leiden, wiederholt sich jedes Mal, wenn ihre Entführer und die Mörder ihrer Eltern, in den Genuss kommen, in ihre Häuser zurückkehren zu dürfen.“ Weiterhin steht geschrieben, dass die Initiative der Nationalen Gefängnisbehörde nichts „mit dem Versuch zu tun hat, das Problem der Überbelegung in den Griff zu bekommen“, sondern vielmehr „die von der Regierung ausgehenden Rückschritte im Bereich Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit“ widerspiegele.

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