Bolivien

Nach der Niederlage von Evo Morales


Von José Carlos Díaz Zanelli

Hommage an Evo Morales vom Circus Amok, New York. Foto: Wikipedia/David Shankbone (CC BY 2.5)

Hommage an Evo Morales vom Circus Amok, New York. Foto: Wikipedia/David Shankbone (CC BY 2.5)

(Quito, 29. Februar 2016, servindi).- Bei der am 21. Februar dieses Jahres abgehaltenen Volksbefragung über eine Verfassungsänderung, die eine erneute Kandidatur des bolivianischen Präsidenten Evo Morales möglich und damit den Weg für seine Wiederwahl frei machen sollte, stimmten nach Auszählung der Stimmen 51,3 Prozent gegen und 48,7 Prozent für eine Änderung. Damit hat Morales nach elf Jahren Regierungszeit einen ersten herben Rückschlag im Hinblick auf die kommenden Präsidentschaftswahlen 2019 erlitten. Anscheinend haben in der Mehrzahl Indigene und Arbeiter*innen mit “Nein” gestimmt, die bisher immer die treuesten Anhänger*innen der Regierung waren. Die Regierung und allen voran Evo Morales stehen nach dem Sieg des “Nein” nun vor einer schwierigen Situation.

Zum einen ist der aktuelle Vizepräsident Álvaro García Línera momentan der einzige mögliche Nachfolger für das frei werdende Amt auf Seiten der Regierungspartei MAS. Zum anderen die Regierung Morales’ ist diejenige mit dem höchsten Anteil indigener Repräsentant*innen in ganz Lateinamerika. Diese Situation könnte sich nach der Wahl in vier Jahren wieder ändern.

Während einer Veranstaltung in der bolivianischen Provinz nahe Potosí beklagte sich Evo Morales dahingehend: “Ich kann bis jetzt nicht verstehen, dass einige Indigene, einige Werktätige mit der Rechten, mit Neoliberalen zusammen (sind) und gemeinsam mit “Nein” stimmten. Die indigenen Völker und Werktätigen, wir waren seit jeher Antikolonialisten und Antiimperialisten.”

Ein politisch geteiltes Land

Das Hauptproblem Evo Morales´ während der Wahlkampagne zum Referendum läge bei seiner Partei MAS (Movimiento al Socialismo), so der bolivianische Soziologe und politische Analyst Jorge Komadina. Die MAS habe neben dem bisherigen Regierungsgespann Morales/Linera keine neuen Führungspersonen präsentieren können, was schließlich zu einer Polariserung der Wählerschaft und damit einer Spaltung des gesamten Landes geführt habe, so Komadina.

Álex Contreras, ehemaliger Sprecher und Aktivist der MAS, riet seiner alten Partei, diese politische Niederlage “mit Mut” anzuerkennen.

“Die Gringos kommen zurück”

Ganz anders klang der Regierungssprecher und bolivianische Vizepräsident García Linera. Dieser konstatierte, man habe Morales die politische Unterstützung entzogen und prophezeite: “Die Gringos werden zurückkommen, die Landesverräter und die Mörder, und den Kindern wird man alles wegnehmen und es wird kein Ziel mehr geben.”
García Linera gilt momentan als einziger politischer Nachfolger, der Morales für die MAS beerben könnte. Und das trotz seiner Vorliebe für apokalyptische Metaphorik wie folgender: “Es gibt ein großes Wehklagen, die Sonne wird sich verdunkeln, der Mond sich verstecken und alles wird in großer Traurigkeit enden.”

Zukunft des plurinationalen Projekts ist ungewiss

Auch wenn die Zukunft des politischen Projektes eines plurinationalen Staates ungewiß ist, die politische Szenerie Boliviens bleibt vorerst unverändert. Denn auch wenn Morales aus dem Referendum als Verlierer hervorgegangen ist, haben immerhin 49 Prozent der Bevölkerung zu seinen Gunsten gewählt. Und 51 Prozent der wahlberechtigten Bürger*innen Boliviens stimmten zwar im Referendum mit “Nein”, doch ist neben dem politischen Projekt Evo Morales keine wirkliche Alternative sichtbar, wie der ehemalige Regierungsberater Katu Arkonada zugab.
Für die MAS stellt sich nach der Ablehnung des Referendums durch die Wählerschaft also die Aufgabe, neue politische Persönlichkeiten zu etablieren, um das Projekt des plurinationalen Staates auch nach den Wahlen 2019 fortführen zu können.

CC BY-SA 4.0 Nach der Niederlage von Evo Morales von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

Trotz Protesten sitzt Morales fest im Sattel Von Thomas GuthmannTrotz Protesten (hier: Bergarbeiter in La Paz 2009) geht es vielen Bolivianer*innen besser als zuvor. Präsident Morales kann daher auf hohe Zustimmung zählen. Foto: Flickr/Szymon Kochański (CC BY-NC-ND 2.0) (El Alto, 31. Oktober 2016, npl/lateinamerika nachrichten).- Ende Oktober reiste Boliviens Präsident nach Venezuela. Morales wollte seinen Amtskollegen Nicolas Maduro moralisch und rhetorisch unterstützen. Dieser sieht sich momentan mit einer sta...
„Durch die Proteste sind wir sichtbar geworden“ – Menschen mit Behinderung fordern Rente der Würde Von Thomas GuthmannProteste von Menschen mit Behinderung in La Paz. Fotos: Thomas Guthmann (La Paz, 13. September 2016, npl).- Fünf Monate lang protestierten Menschen mit Behinderung für ihre Rechte in La Paz. Gekommen sind sie mit einem Protestmarsch von Cochabamba in die Hauptstadt. Jetzt mussten sie ihren Protest aufgeben. Ihre zentrale Forderung, eine Rente der Würde zu erhalten, konnten sie nicht gegen die Regierung durchsetzen. Alex Vazquez ist ein stämmiger Ma...
El Salvador eröffnet Botschaft in Bolivien Der salvadorianische Präsident Salvador Sánchez Cerén. Foto: Wikipedia(La Paz, 4. September 2016, prensa latina).- El Salvador hat am Mittwoch, 7. September 2016, seine Botschaft in Bolivien eröffnet. Der Präsident des zentralamerikanischen Landes, Salvador Sánchez Cerén, hatte dies am 4. September 2016 in La Paz mitgeteilt. Angaben des Staatschefs zufolge erlaube die Eröffnung der diplomatischen Vertretung einen Ausbau der Zusammenarbeit und des Handels mit Bolivien. ...
Recht zur Geschlechtsidentität und CSD in Bolivien Dragqueen Rubi Salvatierra / Foto: Thomas GuthmannIm Bolivien wurde kürzlich das Recht zur Geschlechtsidentität gesetzlich verankert. Seit Mai kann jede selbst bestimmen, welchem Geschlecht er angehört. Auf dem CSD in El Alto und in La Paz wurde das neue Gesetz von der LGTBI-Bewegung und ihren Verbündeten gefeiert. Ihr nächstes Projekt: die gleichgeschlechtliche Ehe. Doch es gibt auch Widerstand gegen die neuen Rechte und Freiheiten für Schwule, Lesben und Trans*personen...
Die Folgen des Bergbaus sind nicht zu verantworten Von Diego Andreucci und Helga Grunberg CazónLandsat-Aufnahme des Poopó-Sees vom 15. Januar 2016. Foto: Wikipedia/NASA Earth Observatory images by Jesse Allen(Quito, 12. Mai 2016, alai).- Der Bergbau hat schwerwiegende soziale und ökologische Auswirkungen. In Bolivien können die Menschen vor Ort ein Lied davon singen. Was hatte die neue Verfassung aus dem Jahr 2009 nicht alles versprochen: Rechte für die Indigenen und für die lokalen Gemeinschaften, Umweltschutz und d...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.