Guatemala

Massaker in Gemeinde von MinengegnerInnen


guatemala policia masacre nacahuil. Foto: codpi/la cronica(Quito, 09. September 2013, alai/codpi).- Am späten Abend des 7. September fuhren schwer bewaffnete Personen mit einem Auto durch die Maya Kakchikel Gemeinde San José Nacahuil und erschossen von ihrem Fahrzeug aus elf Personen und verletzten weitere 15 schwer, darunter auch Kinder. Das Dorf, nur etwa 20 km von Guatemala-Stadt entfernt, beteiligt sich aktiv am Widerstand gegen den Bergbau in der Region. Wie die Gemeindeverantwortlichen mitteilten, habe sich das Massaker im Kontext einer Einschüchterungskampagne gegen die Dorfbewohner*innen ereignet, an der die Polizei (PNC) maßgeblich beteiligt war.

Die Gemeinde hat ihre eigenen Behörden und kümmert sich seit acht Jahren in Eigenverantwortung um die Sicherheit in ihrem Bereich; seitdem gibt es keine Polizeipräsenz im Ort. Die Bewohner*innen setzen sich sehr aktiv für die Verteidigung ihres Lebensraums und Territoriums ein, die von Bergbauunternehmen bedroht werden. So beteiligt sich die Gemeinde am gewaltfreien Widerstand von La Puya gegen die Goldmine El Tambor.

Der Widerstand von La Puya

Ein Bild aus besseren Tagen: Die Die Bewohner*innen der Bezirke San José del Golfo und San Pedro Ayampuc, wo der Ort des Massakers liegt, haben sich seit 2010 zu einer Bewegung sozialen Widerstands gegen Gefahren, die für sie vor allem von Großprojekten ausgehen, zusammengeschlossen und stützen sich dabei auf gesetzliche Bestimmungen. Im Jahr 2011 begann der Bau des Bergwerks El Tambor des US-amerikanischen Unternehmens Kappes Kassiday & Asocciates KCA und des guatemaltekischen Unternehmens Exploraciones Mineras de Guatemala S.A. (EXMINGUA). Der Weiterbau wurde durch den gewaltfreien Widerstand der Bewohner*innen der beiden Bezirke zum Stillstand gebracht.

Seit März vergangenen Jahres ist das friedliche Protestcamp in La Puya, am Mineneingang, das wichtigste Instrument, mit dem sich die Widerstandsbewegung gegen die Umweltzerstörung in ihrer Gegend wehrt. Das Protestcamp begann, nachdem ein Nachbar einem LKW der Bergbaufirma die Durchfahrt verweigert hatte; andere Menschen schlossen sich dem Protest an.

La Puya wurde durch das seit über eineinhalb Jahren bestehende Protestcamp, an dem sich Menschen aus mehreren Dörfern der Umgebung beteiligen, zu einem emblematischen Beispiel für gewaltfreien Widerstand gegen Großunternehmen und ihre Wirtschaftsweise, die für viele Orte in Guatemala eine große Gefahr darstellen und mit der sie nicht einverstanden sind. Das Dorf San José Nacahuil hat sich von Anfang an an den Protesten beteiligt und vor kurzem die Durchfahrt von Fahrzeugen eines Elektrizitätsunternehmens verhindert.

Einschüchterung und Reaktion

Die friedliche Widerstandsbewegung von La Puya hat am 31. August auf Einschüchterungen aufmerksam gemacht, der die Aktivist*innen ausgesetzt waren und die u.a. von ortsfremden Polizeipatrouillen ausgingen.

Gemeindevertreter*innen wandten sich an die staatliche Menschenrechtsombudsstelle PDH (Procuraduría de los Derechos Humanos) und brachten beim Sekretär des Polizeidirektors eine Beschwerde ein, doch niemand konnte erklären, warum Polizeiautos aus anderen Gegenden in La Puya auftauchten.

In einer Pressemitteilung zu diesen Vorfällen heißt es, dass „Aktionen wie diese dienen als Vorspiel für Unterdrückungsmaßnahmen gegen den Widerstand“. Die Polizei nutze ihre Ressourcen nicht für die Sicherheit der Bevölkerung, sondern zur Einschüchterung von Gemeinden, die nur ihre legitimen Rechte ausübten.

Das Massaker von 7. September

Am Samstag den 7. September hatten in San José Nacahuil schulische Aktivitäten und ein Fest stattgefunden. Laut einer Mitteilung der Gemeinde und verschiedener sozialer Organisationen erschien abends um 22:45 Uhr eine Polizeistreife im Ort und „durchsuchte Geschäfte mit Produkten des täglichen Bedarfs und alkoholischen Getränken. Sie fragten nach den Namen der Ladenbesitzer und verlangten mit ihnen zu sprechen. Die Leute mussten sich an die Wand stellen und wurden einzeln durchsucht.“ Das war ungewöhnlich, da die Gemeinde seit 2005 für ihre Sicherheit selbst verantwortlich ist und die Polizei seitdem keinen Zutritt mehr hat.

Wenig später kam eine Gruppe Bewaffneter mit einem Auto (Marke unbekannt) in den Ort und feuerte von diesem Fahrzeug aus auf der Hauptstraße und in anderen Gassen des Ortes wild um sich, und hatte es dabei hauptsächlich auf die Geschäfte abgesehen, die kurz zuvor von der Polizei durchsucht worden waren. Die Bilanz des Massakers sind mindestens elf Tote und fünfzehn Schwerverletzte, zwei davon Kinder.

Erste Medienberichte nach der Tat sprachen von einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen kriminellen Banden. Dies wurde von Vertreter*innen der Gemeinde Nacahuil jedoch scharf zurückgewiesen. Sie werfen den Medien und dem Innenministerium Manipulation vor und fürchten, dass die Tat in ihrem Dorf als Vorwand dienen könnte, das Gebiet zu militarisieren. Sie wiesen zudem darauf hin, dass die Kriminalität in der Gegend seit der Selbstverwaltung gesunken sei.

Die Tat geschah wenige Wochen vor dem ersten Jahrestag des Massakers von Totonicapán (4. Oktober 2012), bei dem das Militär bei einer Kundgebung gegen Bergbau und Großprojekte acht indigene Demonstranten ermordete. Beide Taten wurden im Kontext einer Kriminalisierung der sozialen Bewegungen und der Militarisierung indigener Gebiete begangen. Im Rahmen dieses Prozesses wurde zweimal der Ausnahmezustand erklärt, um die Interessen transnationaler Unternehmen zu verteidigen.

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