Kuba

Leonardo Padura: „Um so schreiben zu können, wie ich es tue, muss man sehr eng mit der kubanischen Gesellschaft verwoben sein.“


von Gerardo Saravia und Patricia Wiesse

Kuba Leonardo Padura. Foto: Flickr/Novela NegrayPoliciaca (CC BY 2.0)(Lima, 28. April 2015, Revista Ideele).- Er wirkt erschöpft. Außerdem hat er sich vom peruanischen Essen eine Magenverstimmung zugezogen. Dennoch antwortet der bedeutendste kubanische Schriftsteller der letzten Jahrzehnte freundlich und geduldig auf die gestellten Fragen. Trotz seines Ruhmes ist er bodenständig geblieben. Warum er entschlossen sei, Kuba nicht zu verlassen? Wegen seiner Mutter, seiner Hunde, seines Innenhofs und seines Avocadobaums.

 

Du bist viel unterwegs. In den letzten Jahren bist du sehr bekannt geworden.

Ja, ich muss immer öfter Einladungen ausschlagen, weil sie sich überschneiden oder weil ich sonstwie verhindert bin. Ich hätte nicht hierher kommen dürfen, aber ich kannte Lima nicht und sie haben mich überredet. Wir haben in Kuba ein Riesenprojekt laufen, das ich jetzt zurückgelassen habe.

Du meinst die Serie, die gerade in Vorbereitung ist?

Ja, wir haben die Drehbücher in aller Eile fertig geschrieben. Nächste Woche beginnen die Lesungen mit den Schauspieler, und da müssen meine Frau und ich dabei sein. Sie ist die wichtigste Drehbuchautorin. Es ist das erste von vier Kapiteln, die jeweils eineinhalb Stunden dauern.

Ist das neu, dass in Kuba Serien produziert werden? Denn eigentlich werden doch immer sehr viele Telenovelas geschaut.

Ja, und deren Ursprung ist die Radionovela, die eine kubanische Erfindung ist. Diese Serie ist eine deutsch-spanische Koproduktion mit einem spanischen Regisseur. Die Darsteller sind überwiegend Kubaner.

Kann man außer dem staatlichen Fernsehen auch noch andere Produktionen sehen?

Es gibt fünf staatliche Sender, die landesweit ausstrahlen, und dann gibt es noch Regionalsender. Es werden kubanische und internationale Produktionen gesendet. Horario estelar zeigt zum Beispiel die brasilianischen Telenovelas. Es werden Filme aus allen Teilen der Welt gezeigt. Live-Übertragungen von Fußballspielen haben wir auch. Die Spiele der spanischen Mannschaften sehe ich mir immer live an. Das geht natürlich nur mit entsprechenden Hochleistungsantennen, die bis in den Süden Floridas reichen und die dortigen Kanäle anzapfen können. Und hier gibt es Leute, die solche Antennen haben. Kabelfernsehen nennen wir das hier auf Kuba.

So heißt das bei uns auch.

Nein, nicht das Kabelfernsehen, das Sie meinen. Hier läuft das so: Die Person, die die Antenne hat, schließt ein Kabel mit Verzweigungen an und verkauft den Kabelempfang weiter. Die Person, die das Signal in ihrem Gerät empfängt, organisiert die Ausstrahlung und entscheidet nach ihren eigenen Wünschen oder in Abstimmung mit den Kunden, was geguckt wird.

Hat dir das Schreiben geholfen, die Krise der 1990er Jahre zu überwinden?

Was meine Arbeit angeht, bin ich sehr pflichtbewusst und sehr fleißig. Ich mache eigentlich immer was. In den 80ern war ich hauptsächlich Journalist. Aber dann entschied ich, damit aufzuhören, denn mir blieb überhaupt keine Zeit mehr für die Literatur, und das war es doch, was mich hauptsächlich interessierte. In den 1990ern fing ich an, für ein Kulturmagazin zu arbeiten. Da hatte ich dann mehr Zeit und fing an, den ersten Roman der Serie Mario Conde zu schreiben. Das waren auch die ersten Jahre der Krise auf Kuba. Das Schreiben half mir, diese Zeit, die das Leben auf Kuba sehr viel schwieriger und komplizierter machte, zu überstehen. Zwischen 1990 und 1995 habe ich drei Romane geschrieben, ein Buch mit Kurzgeschichten und ein 600-seitiges Buch über das Werk Alejo Carpentiers. Außerdem habe ich Kurzgeschichten-Anthologien erstellt und Drehbücher fürs Kino geschrieben. Seitdem ist die Arbeit nicht weniger geworden. Schreiben ist für mich ein Lebenselixier.

Und wie kriegst du es hin, dass die Zeit für all das reicht?

In den letzten Jahren ist es durch die Promotionsarbeit für die Bücher etwas schwieriger geworden. Man legt zunehmend Wert darauf, dass die Autoren ihre Bücher selbst vorstellen, und es finden immer mehr Buchmessen überall auf der Welt statt. Meine Bücher wurden in 20 verschiedene Sprachen übersetzt, das heißt, man lädt mich in 20 verschiedene Länder ein. Da ist es nicht einfach, auszuwählen wohin man fährt.

Bist du keinerlei Beschränkungen unterlegen, was die Vorstellung deiner Bücher angeht?

Nein, tatsächlich nicht. Alle meine Bücher sind in Kuba erschienen. Ich reise schon seit vielen Jahren, mit meiner Frau zusammen seit 15 Jahren. Ich schreibe mit der größtmöglichen Unbefangenheit und Ehrlichkeit. Ich glaube, ich sage in meinen Büchern immer genau das, was ich sagen muss.

Du hast mal gesagt, du hast eine Methode entdeckt, Geschichtsforschung zu betreiben und diese in Fiktion umzuwandeln.

Ich glaube nicht, dass es wirklich eine Methode ist. Wenn ich über ein Thema schreibe, wo Geschichtsforschung nötig wäre, fange ich immer erst an, den Roman zu schreiben, versuche, ein Gespür für die Atmosphäre zu bekommen, und davon ausgehend beginne ich mit meinen Nachforschungen. Mit meinem aktuellen Roman habe ich es genauso gemacht. Ich schrieb 60 Seiten, habe einige Sachen zurückgestellt und fange jetzt mit den Nachforschungen an. Ich war in Spanien, arbeitete viel in der Nationalbibliothek, kaufte viele Bücher, und die lese ich gerade und streiche interessante Stellen an. Und mit der gesamten Information im Hintergrund fange ich dann noch mal von vorne an. Diese ersten 60 Seiten sind quasi eine Garantie dafür, dass es da eine Geschichte gibt, die man erzählen kann.

Lesen ist sehr wichtig für einen Autor. Nochmal: Woher nimmst du die Zeit dafür?

Ich betreibe seit 15 Jahren Geschichtsforschung für meine Romane. Ich schrieb La novela de mi vida (deutsch: Die Palme und der Stern, Anm. D. Übers.), der 2001 veröffentlicht wurde, anschließend La Neblina del ayer (Der Nebel von gestern), El hombre que amaba a los perros (Der Mann, der Hunde liebte), Herejes (Ketzer). Da bleibt mir viel weniger Zeit zum Lesen. Und wenn ich schreibe, brauche ich Literatur, die mir das Ambiente vermittelt, die Stimmung, den Stil, das Gefühl. Mir bleibt sehr wenig Zeit, um neue Literatur zu lesen, das stimmt mich irgendwie beklommen gegenüber meinen Mitmenschen. Einige Bücher konnte ich nicht lesen, weil in Kuba niemand ein Exemplar hatte. Ich begann Opus Nigrum (Die schwarze Flamme) von Marguerite Yourcenar zu lesen, konnte es aber nicht beenden, weil ich etwas anderes lesen musste.

Du hast gesagt, du liest einige Bücher mehrmals, wie z.B. „Conversación en La Catedral“ (Gespräch in der ›Kathedrale‹ von Mario Vargas Llosa). Was gibt es noch für Bücher, die Dir viel bedeuten?

Es sind tatsächlich viele Bücher, auf die ich immer wieder zurückgreife und die mir beim Schreiben geholfen haben. Ich werde Ihnen einige nennen, aber die Liste ist tatsächlich lang. Conversación en La Catedral lese ich immer, bevor ich mit einem neuen Roman anfange, Asesinato en el Comité Central (Carvalho und der Mord im Zentralkomitee) und El pianista (Der Pianist) von Manuel Vásquez Montalbán. Ich lese die Tetralogie El Conejo (Hasenherz) von John Updike, irgendwas von Salinger. Letztens habe ich Cien años de soledad (Hundert Jahre Einsamkeit) und El Siglo de las luces (Explosion in der Kathedrale) von Carpentier noch einmal gelesen. El largo adiós (Der lange Abschied) von Raymond Chandler. Das lese ich gerade zum zehnten Mal, denn es hat mit dem Roman zu tun an dem ich gerade schreibe.

Unter deinen unentbehrlichen Lieblingsschriftstellern sind auch einige lateinamerikanische Autoren. Es gibt Schriftsteller, die es für notwendig halten, Elternmord zu begehen, wenn man etwas Neues erschaffen möchte.

Ja, aber in konzeptioneller, in stilistischer Hinsicht. Die Schriftsteller, die ich genannt habe, haben versucht, bahnbrechende Romane wie Conversación en La Catedral, El siglo de las luces, Pedro Páramo und Rayuela zu schreiben. Sie waren weniger im urbanen Kontext angesiedelt und dadurch weniger von der Unsicherheit des modernen Lebens geprägt, wie wir sie in den letzten 25 Jahren erlebt haben. Beim Schreiben der letzten Romane schwingt in gewisser Weise ein Art Elternmord mit, aber es ist auch, zumindest in meinem Fall, ein Akt der Selbstbehauptung. Am treffendsten ist meiner Meinung nach das, was Hemingway dazu sagt: „Man muss sich mit den Toten rumschlagen.” Damit ist nicht gemeint, dass du sie auf dem Gewissen hast. Sie sind da, und du musst mit ihnen herumrangeln, um irgendeinen Vorteil aus ihnen zu schlagen, und das ist ein harter Kampf.

Hat diese Unsicherheit des modernen Lebens mit dem digitalen Umbruch zu tun?

Da ist zuerst einmal der Berliner Mauerfall. Seit diesem Augenblick hat sich die Welt aus geschichtlichen Gründen verändert. Zweitens: Der digitale Umbruch beeinflusst das Verhältnis des Menschen zu praktisch allen Aktivitäten des täglichen Lebens, sein Privatleben eingeschlossen. Zum Beispiel gibt es Menschen, die einander durch eine tiefe Facebook-Freundschaft nahe stehen, ohne einander jemals begegnet zu sein.

Gibst du deine ersten Roman-Entwürfe zum Lesen an andere weiter?

Ja, an Menschen, denen ich sehr vertraue. Ich bin immer dankbar für eine kritische Meinung. Die Leute tun mir einen großen Gefallen, wenn sie mir sagen: “Ja, ganz gut, aber…”, “die Person Soundso funktioniert so nicht, da stimmt der Rhythmus nicht, hier ist es zu langatmig, pass auf mit den Adjektiven, du benutzt zu viele.“ Das hilft mir, um weiter am Text zu feilen. Ich setze mich nicht unter Druck. Die letzte Romanversion ist dann fertig, wenn ich das Gefühl habe, nichts mehr verbessern zu können. Diese Version entsteht, nachdem meine exzellenten Herausgeber vom Verlagshaus Tusquets in Spanien durchgeguckt haben, sie finden immer wieder Sachen, wie sie jedem passieren können.

Du hast gesagt, in deinen Krimis gebe es nicht so viele Tote, weil das Gewaltpotential in der kubanischen Gesellschaft nicht so hoch sei.

Zum Glück, ja. Es gibt eine alltägliche Gewalt, die normalerweise rein verbal ausagiert wird. Ähnlich wie in Spanien. Viele Leute, die von außen kommen, sagen, die Kubaner seien den ganzen Tag dabei, sich zu streiten. Dabei ist das nur unsere Art zu reden. Manchmal arten unsere Streitigkeiten auch in handfeste Prügeleien aus. Aber die Leute gehen nicht mit Messern oder Pistolen aufeinander los. Soweit ich weiß, gibt es hier kein organisiertes Verbrechen.

Und wie ist das mit extremer Armut?

In den Städten im Landesinneren und in Havanna gibt es Bezirke, in denen die Menschen unter viel prekäreren Bedingungen leben als was man sonst so sieht. Diese Bezirke sind praktisch unsichtbar, und die Menschen sind es auch. Ein junger Filmemacher, Alejandro Ramírez, hat einen Dokumentarfilm gedreht, der das sehr gut rüberbringt. Er heißt „Canción de barrio“ und basiert auf einem Rundgang, den Silvio Rodríguez durch die Stadtviertel von Havanna gemacht hat. Da sieht man die prekären Lebensbedingungen der Menschen sehr deutlich. Und dort kommt es auch schon mal eher zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Du hast den Roman zu deinem bevorzugten Genre gewählt und nicht die Kurzgeschichte.

Die Geschichten, die ich mir ausdenke, sind so komplex, dass sie den Raum brauchen, den ein Roman bietet. Mein letzter Kurzgeschichtenband kam bei den Lesern und bei den Kritikern sehr gut an – zu meiner Überraschung. Ich bekam auch gleich Lust, wieder mehr Geschichten zu schreiben, aber das ist mehr so ein abstraktes Gefühl, denn die Handlungen, die mir einfallen, sind einfach zu kompliziert.

Was die künstlerischen Freiheiten angeht: Hat es nicht im kubanischen Film mehr Möglichkeiten für Gesellschaftskritik gegeben?

Die Filme von Tomás Gutiérrez beispielsweise waren ja von Anfang an sehr kritisch. Aber Iván, die Person aus „El hombre que amaba a los perros”, wird „abgestraft”, weil er aufhört, Lobeshymnen auf die Revolution zu schreiben. In den 70ern passierte das überall: in der Dramaturgie, der Malerei, bei den Schriftstellern, den Filmemachern… überall. In den 70ern war Kuba die Hölle. Einen Teil der kubanischen Realität sehen und „die kubanische Realität sehen“, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. In Kuba ist gerade ein Buch mit dem Titel El año 71, Anatomía de una crisis (1971. Anatomie einer Krise) herausgekommen. Der Autor beschreibt die Konflikte, die in jenem Jahr aufbrachen und die dazu führten, dass viele Künstler und Intellektuelle wie Padilla, Lezama Lima, Piñera wegen ideologischer und religiöser Aspekte oder wegen ihrer sexuellen Orientierung an den Rand gedrängt wurden. Was Iván passiert ist, hätte einem Filmregisseur genauso passieren können.

Ab den 90er Jahren hielt dann eine stärkere Vielfalt Einzug in die kubanische Kulturindustrie, da diese krisenbedingt ihr Kulturproduktionsmonopol einbüßte. Schriftsteller konnten von nun an ihre Werke auch außerhalb von Kuba veröffentlichen. Mit dem Fortschreiten der digitalen Welt wurde die Umsetzung audiovisueller Produktionen weitaus weniger aufwendig als bisher.

Heißt das, es gibt nun mehr Möglichkeiten, einige Aspekte der kubanischen Gesellschaft zu kritisieren?

Ich würde nicht sagen, dass es um Kritik geht. Ich denke, es geht darum, die Realität aus einer viel geringeren Distanz zu betrachten. Einige junge Leute haben das getan. Auch Fernando Pérez, der bedeutendste kubanische Filmregisseur. In seinen letzten Filmen hat er ein ausgesprochen kritisches Bild der kubanischen Wirklichkeit gezeichnet.

War „Erdbeer und Schokolade“ der Moment des Umbruchs?

Ja, hier wurde der Prozess sichtbar. Denn die Regie führte Tomás Gutiérrez Alea, einer der bedeutendsten Regisseure des 20. Jahrhunderts, und der Film war ein kommerzieller Erfolg, der von der breiten Masse der Kinogänger ebenso geschätzt wurde wie vom Nischenpublikum.

Du hast gesagt, dass du dich immer in Konflikte stürzt. Sind einige deiner Ansichten der Regierung ein Dorn im Auge?

Nein, ich stürze mich nicht in ernste Konflikte. Ich führe in Kuba ein recht ruhiges Leben, ich reise, wann immer ich will, und meine Bücher werden veröffentlicht. Aber immer häufiger werde ich aus Kuba direkt angegriffen. Gerade findet hier eine sehr komplizierte Entwicklung mit kleineren Machtkämpfen statt, da nämlich ein Umbruch im Gang ist, der schon anfing, bevor die Beziehungen zwischen Kuba und den USA zum viel besprochenen Thema wurden. Das begann mit kleinen wirtschaftlichen und sozialen Lockerungen, die Raúl Castro initiiert hatte. Die kubanische Gesellschaft war erst sehr homogen und geschlossen und öffnet sich nun immer mehr. Es bilden sich soziale Schichten: Es gibt nun Leute mit sehr viel Geld und andere mit wenig. Es gelten nun andere wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen.

Gibt es in der Parteispitze Personen, die in der Vergangenheit stehen geblieben sind?

Es gibt da eine Gruppe von Leuten, die Wert darauf legt, dass alles so bleibt, wie es schon vor 30 Jahren war: die Art, über die Wirklichkeit zu reden, zu denken und zu diskutieren. Da ich in Kuba sowie außerhalb dieselben Positionen vertrete, musste ich mir in den letzten zwei Jahren sehr viele Vorwürfe anhören. Das wiederum hat mich in der Überzeugung gestärkt, dass ich tue, was ich tun muss, denn wenn ich nicht diese Reaktionen hervorriefe, würde das bedeuten, dass ich mich immer nur mit irgendwelchen gefälligen Statements zu Wort melde. Hin und wieder beziehe ich mich auf die starke Auswanderungstendenz unter jungen Kubanern und betone in diesem Kontext, dass unser Land damit sehr wertvolles Humankapital einbüßt, und damit ernte ich öfters Unmut. Sie wollen nicht hören, dass ich sage, dass meine Generation frustriert ist. Ich könnte jede Menge Kollegen und Freunde nennen, die entweder ausgewandert oder dem Alkohol verfallen sind.

In wieweit ist das stalinistische Erbe noch heute in der kubanischen Gesellschaft spürbar?

Die sozialistische Ökonomie geht auf Stalin zurück. Sie trägt nicht die Handschrift Lenins, der vor seinem Tod noch versucht hatte, eine neue Wirtschaftspolitik in der Sowjetunion zu etablieren. Es ist ein Erbe, das wir angetreten haben und das nun anfängt, einige Zugeständnisse zu machen. In den nicht-produktiven Sektoren gibt es mittlerweile etwas an Privatbesitz, aber nicht in der Landwirtschaft. Noch immer besteht eine staatlich gelenkte Ökonomie. Endlich hat man beschlossen, dass der Staat Autos an Menschen verkauft, die gern eins erwerben wollten. Aber ein neues Auto – zum Beispiel ein fabrikneuer Peugeot, null Kilometer, aus dem letzten Jahr, kostet mehr als eine Viertelmillion Dollar. In einem Land, in dem ein Arzt durchschnittlich 60, 70 Dollar im Monat verdient, wird ein mickriges chinesisches Fabrikat für 30.000 Dollar verkauft.

Diese Entwicklung birgt die Gefahr, dass sich Kuba in einen “asiatischen Tiger“ oder in eine Art Klein-China verwandelt, wo das Einparteien-System mittels einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung gestützt wird.

Es gibt viele Risiken, doch man muss kreativ mit ihnen umgehen. Es kann doch nicht sein, dass ein Land mit so gutem Klima und solch hervorragenden Böden 80 Prozent der Lebensmittel, die es verbraucht, einführen muss. Das heißt, es gibt eine Wirtschaftsordnung, die nicht funktioniert, die nicht über ausreichende Kapazitäten für die Produktion verfügt und die folglich nicht effizient arbeitet. Und das habe nicht ich gesagt sondern Raúl Castro bei seiner letzten Rede vor der Nationalversammlung. Das Fazit lautete also: Das Gute, das, was funktioniert, bewahren und das Schlechte hinter sich lassen.

Kann man auf Kuba Vermögen erben? Hast du dein Haus in Mantilla von deinen Eltern geerbt?

Ja, man kann Häuser, Autos und Grundstücke vererben.

War es deine persönliche Entscheidung, in Kuba zu bleiben?

Mir war klar, dass man sehr eng mit der kubanischen Wirklichkeit verwoben sein muss, um so zu schreiben, wie ich es tue. Ich brauche es, die Menschen in ihrer kubanischen Mundart reden zu hören. Nicht zuletzt deshalb, weil ich mich dieser Wirklichkeit sehr stark verbunden fühle. Außerdem habe ich meine Familie auf Kuba, meine Mutter, mein Haus, meine Hunde, meinen Innenhof, meinen Avocadobaum.

Du liebst Hunde, so wie Trotski?

Oh ja. Meine beiden Hunde starben an Altersschwäche. Wenn man soviel reist, ist es schwierig, einen Hund zu haben bzw. mit ihm zu leben, so wie ich es mag. Ich hätte gern wieder einen.

Wieviel lesen die Menschen in Kuba?

Soviel sie können.

Werden die Bücher bezuschusst?

Ja, schon, aber es werden nicht viele aufgelegt und auch nicht viele Exemplare hergestellt. Bücher werden nicht importiert. Das Verhältnis des kubanischen Lesers zu den Büchern hat durch die wirtschaftlichen Bedingungen Schaden genommen, da seine Konsumbedürfnisse nicht befriedigt werden. Das bedeutet, dass Leser verloren gehen. Die Leute wollen eine bestimmte Literatur lesen und bekommen sie nicht. Und dann kostet zum Beispiel auf Kuba ein Buch, das in Spanien erschienen ist, um die 20 Euro, stellt euch das mal vor, das entspricht einem Monatslohn.

Können die Kubaner deine Bücher lesen?

Meine Bücher erscheinen zwar in Kuba, aber die Auflage ist zu gering, als dass sie für die bestehende Nachfrage ausreicht. Meine Leserschaft ist größer als mein Einfluss auf die Auflage. Daraus entsteht ein eigentümliches Verhältnis zu den Lesern. Manche Leute haben zum Beispiel die Hälfte deiner Bücher gelesen und fragen dich dann, wo sie den Rest bekommen können. Da ist für mich eine der schmerzlichsten Fragen, die man mir in Kuba stellen kann, denn es gibt nur die eine Antwort: “Man bekommt sie im Haus des Buchs in Madrid”.

Gibt es öffentlichen Bibliotheken oder Läden, wo man Bücher leihen kann?

In Peru kaufst du zum Beispiel ein Buch, das liest deine Frau, vielleicht noch dein Vater und das wars. In Kuba hat ein Buch eine viel längere Lebensdauer. Da wird ein Exemplar von 20 oder 25 Menschen gelesen. Ich bin zum Beispiel sowas wie eine mobile Bibliothek. Immer wenn ich von einer Reise zurückkomme, fragen mich zehn Freunde, welches Buch ich mitgebracht habe. Erst lese ich es, dann meine Frau, und dann geht es weiter in der Schlange. Meiner Mutter schenke ich immer zwei Exemplare von jedem meiner Bücher. Mit ihren 87 Jahren ist sie eine alte Frau, die gern und viel redet, aber auch sehr gern liest. Ich sage ihr immer, ein Exemplar ist zum Verleihen, das andere nicht. Die Leser können Herausgeber sein oder Schriftsteller oder auch Müllmänner, denn das Bildungsniveau ist sehr hoch. Ein Freund von mir organisiert die Müllabfuhr der Stadt, und er ist ein unerträglicher Leser. Wenn er kommt, sage ich immer: „Nimm dir, was du möchtest.“

Und gibt er dir die Bücher zurück?

Ja, er gibt sie mir immer zurück, der Sack, so kann ich mich nie mit ihm streiten.

Dieser Artikel ist Teil unseres diesjährigen Themenschwerpunkts:

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