El Salvador Mittelamerika

„Die indigenen Völker stehen nicht auf der Agenda der Regierungen Mittelamerikas“


von Tomás Andréu

El Salvador / Wandbild Familie onourownpath.com, CC BY NC SA 2.0, flickr(Lima, 24. Juni 2015, noticias aliadas).- Interview mit dem indigenen Aktivisten Jesús Amadeo Martínez vom Volk der Lenca. Der salvadorianische Anwalt ist Präsident des Indigenen Rates für Mittelamerika CICA (Consejo Indígena de Centroamérica) und Vertreter des salvadorianischen Indigenenrates CCNIS (Consejo Coordinador Nacional Indígena Salvadoreño). Der 54-Jährige erfuhr erst 1992 von seinen indigenen Wurzeln, nach Abschluss der Friedensverträge, die den seit 1980 tobenden Bürgerkrieg in El Salvador beendeten.

Welchen Einfluss hat der CICA in den Ländern Mittelamerikas bezüglich der Rechte der Indigenen?

Jesús Amadeo Martínez: Ein wichtiger Punkt ist die Anwendung internationalen Rechts: dies betrifft die Erklärung der Vereinten Nationen zu den Rechten der indigenen Völker und das Übereinkommen 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) über eingeborene und in Stämmen lebende Völker. Wir arbeiten außerdem am Thema Klimawandel. Wir wollen auch Beiträge leisten innerhalb des Konsultativrates des Systems für die Integration Mittelamerikas CC-SICA (Consejo Consultivo del Sistema de Integración Centroamericana), aus der Perspektive der indigenen Kosmovision. Und natürlich beschäftigt uns das Thema Nahrungsmittel-Sicherheit. Wir unterbreiten der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) Vorschläge.

Und wie sieht Ihre Bilanz aus, was die Situation der Indigenen in Mittelamerika betrifft?

Jesús Amadeo Martínez: In jedem Land Mittelamerikas hat der Kampf der Indigenen seine Besonderheiten. So kämpfen zum Beispiel die Miskito-Brüder in Nicaragua für die Autonomie über ihr Land an der Atlantikküste. Eine Ausnahme stellt El Salvador dar, denn hier haben wir Indigenen kein Land. Die Problematik, mit der es alle indigenen Völker in Mittelamerika zu tun haben, ist die Rohstoffausbeutung durch Bergbau- und Erdölunternehmen. Neu hinzugekommen ist die Herausforderung durch den Bau des Kanals, der durch Nicaragua vom Atlantik bis zum Pazifik gebaut wird. Ein anderes großes Problem in Mittelamerika stellt die Rechtssicherheit bezüglich des Landes dar. In diesem Kampf sind indigene Brüder von uns verschwunden und ermordet worden. Andere wiederum wurden verhaftet, nur weil sie ihre Rechte einforderten.

Was tut sich auf Regierungsebene für Mittelamerikas Indigene?

Jesús Amadeo Martínez: Das Ganze ist ein harter Kampf. Wenn wirtschaftliche Interessen im Spiel sind, gibt es keine Regierung, die dir hilft. Die mittelamerikanischen Regierungen fürchten sich vor den Kämpfen für indigene Autonomie. Mitunter tun sich Räume auf, doch wenn dies der Fall ist, geschieht es auf internationalen Druck hin, unter Hinweis auf die Rechte der indigenen Völker. Die indigenen Völker befinden sich grundsätzlich nicht auf der Agenda der mittelamerikanischen Regierungen. Letztere interessieren sich mehr dafür, wie sich auf indigenem Land Geschäfte machen lassen, als für die indigenen Rechte. Daher kriminalisieren sie unseren Kampf. Keine Regierung in Mittelamerika kommt ihren Verpflichtungen nach, die sie den Vereinten Nationen gegenüber eingegangen ist.

Welche Länder Mittelamerikas haben den Indigenen gegenüber am stärksten eine Schuld zu begleichen?

Jesús Amadeo Martínez: Besonders El Salvador trägt eine historische Schuld. Im Jahr 2014 wurden die indigenen Völker des Landes anerkannt, wofür ein langer Kampf nötig war. Es fehlt allerdings am politischen Willen, diese Anerkennung in praktische Politik umzusetzen. Hierfür wäre ein Gesetz erforderlich, das die Rechte der Indigenen schützt. Und zugleich ein internationaler Rahmen. El Salvadors Regierung wollte das Übereinkommen 169 der Internationalen Arbeitsorganisation unterzeichnen, tat es dann aber nicht. Und wir Indigenen glauben auch nicht, dass dies in der zweiten Regierungszeit der Befreiungsfront FMLN (Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional) geschehen wird.

Die größte Furcht in El Salvador besteht darin, dass das Übereinkommen 169 Entschädigungen für Schäden vorsieht, die indigene Völker erlitten haben. Konkret bedeutet dies die Rückgabe angestammten indigenen Landes. Das ist der Regierung El Salvadors zu heikel. Unsere anfänglichen Hoffnungen, dass die Dinge sich endlich ändern, haben sich zerschlagen. Der Fünfjahresplan der Regierung nennt keinerlei Ziele bezüglich indigener Rechte. Wir kämpfen schon seit 2003. Es dauerte zehn Jahre, um als Indigene überhaupt in der salvadorianischen Verfassung erwähnt zu werden. Das ist immerhin ein Anfang, ein Vorteil für uns.

Wir haben somit einen rechtlichen Rahmen für indigene Bildung, Gesundheit und Spiritualität. Wer weiß, ob ich selbst die Früchte unserer Anstrengungen noch sehen werde. Das internationale Recht ist längst weiter als das, was die Regierung umzusetzen vorhat. Während es international voran geht, entwickelt El Salvador sich rechtlich zurück. Früher kamen die indigenen Völker im politischen Kurs immerhin vor, inzwischen nicht mehr. Wir sind verschwunden.

Uns missfällt, dass wir aus einer paternalistischen Sicht heraus behandelt, als etwas Folkloristisches angesehen werden. Für die Regierung ist ein Indigener jemand, der barfuß durch die Gegend läuft und in einem Haus wohnt, das kurz davor ist, einzustürzen. Arm, analphabetisch, schmutzig. Und dass ein Indigener einer Berufstätigkeit nachgeht, ist für sie unvorstellbar.

Wie fällt Ihr selbstkritischer Blick auf die indigenen Bewegungen in Lateinamerika aus?

Jesús Amadeo Martínez: Wir versuchen unsere indigene Identität durch eine gemeinsame Positionierung zu stärken. Es gibt immer Probleme, so wie es sie auch in einer Familie gibt. Übereinkünfte sind schwierig zu erzielen, aber wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir Positionen brauchen, die uns stärker machen. Und diesbezüglich sind wir weit vorangekommen.

Warum, glauben Sie, stehen Regierende in Lateinamerika nicht zu ihren indigenen Wurzeln, obwohl ihre Gesichtszüge sie als Indigene ausweisen?

Jesús Amadeo Martínez: Heute wollen doch alle Indigene sein, es ist eine Mode und hat mit Bewusstsein nichts zu tun. Sie erzählen dir was vom „Buen Vivir“, es handelt sich für sie dabei aber um kein indigenes Leitbild, sondern einfach um einen Regierungsslogan. El Salvadors Präsident Sánchez Cerén bezeichnet sich auch als indigen. Aber das reicht nicht, er muss es auch durch seine Politik beweisen. Wenn ich ein öffentliches Amt ausübe und mich als Indigener ausgebe, dann muss ich schließlich meine Brüder unterstützen.

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