Brasilien

Brasiliens Nordosten streitet um Wasserprojekt


von Christian Russau

Gemauerte Zisternen sollen jetzt ersetzt werden / Kurt Damm, amerika21(12. Januar 2012, amerika21.de).- Der brasilianische Integrationsminister gerät wegen einem neuen Programm für den Bau von einer Million Regenwasserzisternen im Nordosten des Landes immer schärfer in die Kritik. Die Zeitung „Correio Braziliense“ hatte Fernando Bezerra vorgeworfen, den Großteil der Bundesmittel für das Zisternenprogramm für seinen Heimatwahlkreis Petrolina zu verwenden.

Demnach sollten dort mehr als ein Drittel von den aktuell geplanten 60.000 Zisternen errichtet werden. Zudem wird ihm vorgeworfen, im vergangenen Jahr 95 Prozent seiner Haushaltsmittel allein für seinen Heimatbundesstaat Pernambuco ausgegeben zu haben. Bezerra ist Mitglied der mitregierenden Brasilianischen Sozialistischen Partei PSB (Partido Socialista Brasileira).

Informationen der Zeitung „Jornal do Brasil“ zufolge freue sich Bezerra über die Vorwürfe gegen ihn. Er erhoffe sich demnach davon Werbung für die anstehenden Wahlen in seinem Heimatwahlkreis. Anfang der Woche bekräftigte die Regierung unter Präsidentin Dilma Rousseff ihre anhaltende Unterstützung für Bezerra, der in seiner Karriere bereits für vier verschiedene, auch als rechtskonservativ bekannte Parteien politische Ämter ausübte. Sollte Bezerra allerdings zurücktreten, wäre er der achte Minister der laufenden Legislaturperiode, der das Kabinett verließe. Allein sechs davon verließen die Regierung wegen Korruptionsvorwürfen.

Landpastorale bezeichnet Entscheidung als „Desaster“

Das von der brasilianischen Bundesregierung neu lancierte Zisternenprogramm steht auch in scharfer Kritik zivilgesellschaftlicher Basisgruppen des brasilianischen Nordostens. Denn diese über 1.000 Gruppen, die im Netzwerk „Artikulation des Semi-Árido“ (ASA) zusammengeschlossenen sind, haben mit den bisherigen Bundesmitteln im trockenen Nordosten in den vergangenen Jahren knapp 400.000 Zisternen gebaut. Sie versorgten somit zwei Millionen Menschen mit Trinkwasser. Dabei griffen sie ausschließlich auf lokale Handwerker*innen zurück, die die Maurerarbeiten der Zisternen ausführten. Die Anwohner*innen arbeiteten in Eigenleistung mit und die Basisgruppen führten begleitend soziale Bildungsarbeit durch. Ende vergangenen Jahres hatte die Regierung Rousseff jedoch entschieden, dass zur Erreichung des Millionenziels die Zisternen aus Plastik der effektivere Weg seien, die zentral verteilt werden.

Für Roberto Malvezzi von der Landpastorale CPT ist diese Regierungsentscheidung ein „Desaster“. Die Regierung ersetze „nicht nur eine Technologie durch eine andere“. Sie schaffe damit auch den gesamten Bildungs- und Erziehungsprozess ab, der das Programm umgeben habe, sagte Malvezzi gegenüber der Agentur Ecoagência. Im Dezember hatten über 10.000 Menschen in Petrolina gegen die Plastikzisternen und für das alte Zisternenprojekt demonstriert. Malvezzi wandte sich in einem ironischem Essay gegen das ungewollte „Weihnachtsgeschenk der Präsidentin Dilma“: „Das Volk der halb-trockenen Region wird niemals vergessen, dass es an Weihnachten 2011 von der Präsidentin Dilma als Geschenk eine Plastikzisterne bekommen hat.“

Präsidentin Rousseff setzt auf Behörden statt NGOs

Der brasilianische Nordosten ist eine halb-trockene (semi-aride) Region, in der vier Monate Regenzeit auf acht Monate Trockenheit folgen. Für die Kritiker*innen offenbart Brasiliens Präsidentin mit der Politik der Plastikzisterne einmal mehr ihr Unverständnis für die Region. Während die kleinbäuerliche Landwirtschaft im Nordosten mit der Dürre lebt und lokal angepasste Maßnahmen im Rahmen ihres Convivência-Konzeptes des ‘Zusammenlebens mit der halbtrockenen Region’ bevorzugt, setzt Rousseff auf zentral gesteuerte Großprojekte wie die umstrittene Umleitung des Rio São Francisco.

Für manche deutet Rousseffs Schwenk aber auch auf den ihr nachgesagten Argwohn gegenüber der Zivilgesellschaft und Nichtregierungsorganisationen hin. So soll die Organisation und Verteilung der Zisternen nun nicht mehr über die lokalen Basisgruppen, sondern ausschließlich über die Behörden der Munizipien und Bundesstaaten erfolgen. Angesichts der Korruptionsfälle in der staatlichen Verwaltung sehen die Basisgruppen in dem Schwenk zusätzlich die Gefahr einer Ausweitung von Vettern- und Günstlingswirtschaft.

CC BY-SA 4.0 Brasiliens Nordosten streitet um Wasserprojekt von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

Odebrecht-Skandal: Fünf Bauunternehmer in Präventivhaft (Lima, 12. Dezember 2017, noticias aliadas-poonal).- Am 4. Dezember sind fünf Bauunternehmer in Peru wegen Korruptionsvorwürfen für 18 Monate in Präventivhaft genommen worden. Angeordnet hatte dies der für Korruptionsfälle zuständige Richter Richard Concepción. Grund sind Schmiergeldzahlungen im Zusammenhang mit dem Bau der Überlandverbindung Via Interocéanica Sur (2005-2010), einer Fernverkehrsstraße, die die Südküste Perus mit der brasilianischen Grenze verbindet. Die mi...
Honduras: Ausnahmezustand nach Wahlbetrug Salvador Nasralla, ein Fernsehmoderator und politischer Außenseiter schien am vergangengen Montag als Sieger aus den Präsidentschaftswahlen in Honduras hervorzugehen. Das wäre in der Tat eine politische Sensation gewesen, denn in Honduras regieren historisch abwechselnd die Nationale und die Liberale Partei. Nasralla kandidierte aber für ein Bündnis von Oppositionsparteien, dass sich vor allem den Kampf gegen die Korruption und gegen die Tendenzen zur Diktatur in Honduras auf...
Marina Silva gibt nicht auf. Sie will Präsidentin von Brasilien werden Von Andreas Behn, Rio de Janeiro (Rio de Janeiro, 05. Dezember 2017, taz).- Marina Silva wird wieder kandidieren. Zum dritten Mal in Folge bringt sie das Parteienspektrum Brasiliens durcheinander. Denn die streitbare Ökologin ist für viele Linke wählbar, die von der 14 Jahre regierenden Arbeiterpartei PT enttäuscht sind. Zugleich aber gilt die strenggläubige evangelikale Christin auch vielen Rechten als Option, um bei den Wahlen im Oktober 2018 einen erneuten Sieg der ...
Mord an einem Ombudsmann Von Luis Hernández Navarro (Mexiko-Stadt, 28. November 2017, la Jornada).- Die Beerdigung von Silvestre de la Toba war noch im Gange, als dessen sichtlich gekränkter Cousin jenen Journalist*innen, die den Gouverneur von Baja California Sur, Carlos Mendoza Davis interviewten, zurief: „Schafft ihn weg, schafft ihn weg. Dahin, wo kein Familienangehöriger ist, wo es keinen Schmerz gibt. Interviewt ihn auf der Straße, da, wo der Gouverneur sein muss.“ Der tote Silvestre war...
Vorsitzender von staatlicher Menschenrechtskommission erschossen – Gewalt eskaliert weiter (Mexiko-Stadt, 25. November 2017, poonal).- In Mexiko ist erstmals ein staatlicher Ombudsman ermordet worden. Mehrere bisher unbekannte Täter*innen schnitten am 20. November dem Fahrzeug, in dem Silvestre de la Toba Camacho mit seiner Familie fuhr, mit ihrem Auto den Weg ab und erschossen in der Landeshauptstadt La Paz den Präsidenten der Staatlichen Menschenrechtskommission des Bundesstaates Baja California Sur. „Beispielloser Vorgang“ Neben de la Toba Camacho kam auch...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.