Abtreibungsverbot ist ein Todesurteil für Frauen


von Andrea Dip

Braslien Jefferson Drezett. Foto: Adital(Fortaleza, 20. September 2013, adital).- Der Gynäkologe und Geburtshelfer Jefferson Drezett ist seit über 10 Jahren Koordinator einer Initiative, die in Brasilien Möglichkeiten zur straffreien Abtreibung vermittelt. Drezett erklärt, warum das Thema Abtreibung für ihn ein Problem der allgemeinen Gesundheit darstellt.

Warum betrachten Sie Schwangerschaftsabbrüche als ein generelles gesundheitliches Problem?

Damit wir etwas als ein generelles gesundheitliches Problem einstufen, müssen mindestens zwei Dinge gegeben sein: Erstens: Es muss eine gewisse Häufung von Fällen vorliegen, die Bestürzung hervorruft; ungewöhnliche Ereignisse, die nur vereinzelt auftreten, scheiden also aus. Zweitens: Es müssen Auswirkungen auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung gegeben sein. Im Fall der Abtreibungsfrage treffen beide Kriterien zu. Jüngsten Schätzungen zufolge werden weltweit jedes Jahr etwa 220 Millionen Frauen schwanger. Bei etwa 30 bis 35 Prozent der Fälle handelt es sich dabei um nicht geplante Schwangerschaften. Das heißt, etwa 45 Millionen dieser Schwangerschaften wurden nicht geplant, und viele sind sogar ungewollt. Sehr häufig ergibt sich daraus die Entscheidung zu einer Abtreibung.

Wir gehen weltweit von etwa 20 Millionen unsachgemäß durchgeführten Schwangerschaftsabbrüchen pro Jahr aus. „Unsachgemäß durchgeführter Schwangerschaftsabbruch“ ist keine willkürliche Bezeichnung, sondern ein von der Weltgesundheitsorganisation WHO eingeführter Begriff für einen Eingriff, der ohne die erforderliche Kenntnis, Erfahrung und Geschicklichkeit und/oder unter unzureichenden hygienischen Bedingungen ausgeführt wird. Unsachgemäße Abbrüche führen häufig zum Tod der Schwangeren. Nach offiziellen Angaben der WHO sterben jedes Jahr etwa 70.000 Frauen an den Folgen unsachgemäß ausgeführter Schwangerschaftsabbrüche, das sind nicht gerade wenige.

Kommen diese Todesfälle in den Ländern vor, in denen Abtreibungen gesetzlich verboten sind?

Das ist genau der Knackpunkt: Diese 70.000 Todesfälle sind nicht nach demokratischem Prinzip gleichmäßig über die ganze Welt verteilt: 95 Prozent der unsachgemäßen Schwangerschaftsabbrüche werden in Entwicklungsländern vorgenommen, und siehe da: Die meisten dieser Länder haben restriktive Abtreibungsgesetze.

Und das betrifft jetzt erstmal nur die Todesfälle. Wenn wir alle Frauen hinzuzählen, die bleibende gesundheitliche Schäden zurückbehalten nach dem Motto: „Sie ist zwar nicht dabei gestorben, aber fast“, dann ist die Zahl erheblich höher. Wir reden hier von einer Situation, wo dringend etwas passieren muss, einem allgemeinen gesundheitlichen Problem eben. Natürlich kann man etwas tun, damit die Zahl der ungewollten Schwangerschaften abnimmt: in die Bildung investieren, den Zugang zu Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen verbessern, mehr Informationen zu Familienplanung anbieten. Aber selbst wenn alle Frauen im gebärfähigen Alter Zugang zu Verhütungsmitteln hätten und diese auch korrekt benutzen würden, käme es jedoch immer noch zu acht bis zehn Millionen ungewollten Schwangerschaften, so schätzt die WHO, weil auch die Verhütungsmittel keinen hundertprozentigen Schutz darstellen.

Bei einer ungewollten Schwangerschaft kann man nicht automatisch von mangelndem Verantwortungsgefühl ausgehen oder unterstellen, dass keine Verhütungsmittel benutzt wurden. Aus einer solchen Haltung spricht reine Ignoranz. Erstens, weil den Frauen der Zugang zu Informationen zum Thema Familienplanung fehlt, das ist nun mal eine Tatsache. Und auch wenn wir davon ausgehen, dass die Frauen die Verhütungsmittel mit ihren leichten Sicherheitsmängeln richtig anwenden, kann die Zahl der ungewollten Schwangerschaften bis auf 26 Millionen ansteigen. Diese Methoden sind für die Frauen essentiell, jedoch schützt ein Verhütungsmittel allein nicht gegen eine ungewollte oder gar erzwungene Schwangerschaft. Das variiert je nach Land; hier spielen Bildungsniveau, Gesundheitsversorgung und Sexualerziehung eine wichtige Rolle. Haben wir es hier also mit einem allgemeingesundheitlichen Problem zu tun? Auf jeden Fall.

Wie sehen die Zahlen in Brasilien aus?

Da unsachgemäße Abbrüche im Verborgenen stattfinden, können wir hier nur von Schätzungen ausgehen. Aber wir versuchen, die Zahl der Abtreibungen wissenschaftlich hochzurechnen. Jedes Jahr werden in Brasilien etwa 250.000 Frauen in die Krankenhäuser eingeliefert, weil bei einer unsachgemäßen Abtreibung Komplikationen auftraten. Auf der gynäkologischen Station stellen diese Komplikationen die zweithäufigste Ursache für einen Krankenhausaufenthalt dar. Ausgehend von der Zahl der Komplikationen schätzen wir, wie viele Abbrüche insgesamt in etwa durchgeführt wurden. So wird in den meisten Ländern vorgegangen, und auch in der Forschung macht man das so. Für Brasilien bedeutet das zwischen 800.000 und einer Million Schwangerschaftsabbrüche pro Jahr. Wir gehen also davon aus, dass sich jährlich rund eine Million Frauen in Brasilien einem heimlichen Eingriff unterziehen.

Dabei ist es wichtig, zwischen „unsachgemäß“ und „heimlich“ zu unterscheiden. Was einen Eingriff unsachgemäß macht, ist nicht die Tatsache, dass er heimlich ist, sondern „unsachgemäß“ steht für mangelnde Kenntnis bzw. Erfahrung oder für unzureichende hygienische Bedingungen. Das Risiko, bei einem unsachgemäßen Eingriff zu sterben, liegt 1000-mal höher als die Gefahr, einen sicheren Abbruch nicht zu überleben. Welche praktischen Auswirkungen hat das gesetzliche Abtreibungsverbot in Brasilien? Das hängt davon ab, ob die betroffene Frau das Geld hat, eine Abtreibung unter sicheren Bedingungen zu zahlen, oder ob sie arm ist und sich nach den ihr zugänglichen Möglichkeiten eines unsachgemäßen Eingriffs umsieht. Daraus entsteht eine gesellschaftliche Ungleichheit, die an Perversion grenzt: Frauen, die genug Geld haben, können den Abbruch in einer Abtreibungsklinik durchführen lassen. Diese Kliniken sind zwar auch nicht legal, aber der Abbruch selbst ist medizinisch sicher. Die Kosten können bei gut 2.000 US-Dollar liegen, für einen unsachgemäß durchgeführten Eingriff zahlt man nur etwa 50 Reales (ca. 20 Euro, Anm. d. Ü.). Die Kriminalisierung der Abtreibung, der Rückgriff auf heimliche und unsachgemäß durchgeführte Abbrüche trifft also vor allem arme Frauen, während Frauen mit Geld auch heimlich abtreiben müssen, ohne jedoch das gleiche gesundheitliche Risiko einzugehen.

50 Reales ist also der Preis für einen Eingriff unter der Hand?

Tabletten zum Einnehmen sind kein so unsicheres Mittel wie man immer denkt. Die riskanteste Methode ist die Manipulation des Uterus mit Stricknadeln, Sonden, Giften und ätzenden Substanzen. Diese so zu dosieren, dass der Fötus stirbt, die Mutter jedoch am Leben bleibt, ist nicht gerade einfach.

In São Paulo sind die Zahlen übrigens viel niedriger als im Norden oder Nordosten des Landes, wo viel mehr spontane Abtreibungen im gebärfähigen Alter verzeichnet werden. Angaben des Gesundheitsministeriums zufolge stirbt in Brasilien alle zwei Tage eine Frau an den Folgen einer Abtreibung. Es kann natürlich sein, dass gar nicht alle Todesfälle richtig registriert sind. Offiziell geht es aber um 180 Frauen pro Jahr, und das scheint für viele Leute in diesem Land ein akzeptabler Zustand zu sein. Das sehen wir ganz anders. Dass junge Frauen unter solchen Umständen ihr Leben verlieren, ist eine absolut untragbare Situation.

Das Thema Abtreibung wird international als allgemeines gesundheitliches Problem betrachtet, dieser Sichtweise schließen sich die Internationale Vereinigung für Gynäkologie und Geburtskunde FIGO, die brasilianische Vereinigung der Gynäkologen und Geburtshelfer, die Brasilianische Gesellschaft für menschliche Fortpflanzung und die Initiative Forschung zum Schwangerschaftsabbruch GEA (Grupo de Estudios del Aborto) an. Das Gesundheitsministerium jedoch versperrt sich dieser Betrachtung aus politischen Gründen, und daraus ergibt sich die derzeitige Tragödie.

Was das Gesundheitsministerium derzeit an den Tag legt, ist also sozusagen eine „Nicht-Haltung“?

Es ist schlichtweg die Weigerung, Position zu beziehen. Das ist ganz offensichtlich, ich spreche hier keine halb versteckten Machenschaften an. Für die Regierung von Dilma Rousseff ist Abtreibung ein Tabuthema. Die Exekutive meidet es total. Und wenn sie doch mal irgendwas unternimmt, was auch nur leicht in die Richtung einer möglichen Veränderung geht, steht sofort die evangelische Kirche auf dem Plan und sagt: „Ihr habt uns versprochen, das Abtreibungsverbot nicht anzutasten“. Und was soll das jetzt wieder, die Frauen im politischen Machtkampf zu verfeuern? Ich weiß nicht…

Die „Pille danach“ wird von Anhänger*innen der Kirche als Abtreibungspräparat betrachtet…

Wie man so über die „Pille danach“ urteilen kann, ist mir schleierhaft. Die Argumentation der Gegner*innen ist einfach nur peinlich und so absurd dazu, das grenzt schon an Dummheit. Es gibt keinen wissenschaftlich haltbaren Beweis dafür, dass die Wirkung der „Pille danach“ in irgendeiner Form einer Abtreibung ähnelt.

Und die öffentliche Gesundheitsversorgung ist zum großen Teil in der Hand der religiösen Institutionen…

Ja. Aber die Gesundheitsversorgung wird mit öffentlichen Geldern finanziert. Ein „Heiliges Haus“ hat nicht das Recht, die Ausgabe der Pille danach oder eine Eileiterdurchtrennung zu verweigern. Auf öffentliche Gelder wollen sie nicht verzichten, aber in einem laizistischen Land im Namen einer religiösen oder ideologischen Doktrin Frauenrechte beschneiden – das wollen sie schon. Es gibt aber auch noch andere interessante Fakten. Im Rahmen einer Untersuchung aus dem Jahr 2006 wurden die Gemeindesekretariate der Gesundheitsversorgung in fast 800 Landkreisen verschiedener Größen, ein Teil mit mehr als 100.000 Einwohner*innen, ein anderer mit weniger als 1.000 Einwohner*innen über die Möglichkeiten des legalen Schwangerschaftsabbruchs befragt. Auf die Frage, wie es mit der Versorgung von Opfern sexueller Gewalt aussehe, antworteten fast 90 Prozent der großen Landkreise, dass in solchen Fällen die Möglichkeit der legalen Abtreibung bestehe und dass entsprechende Räumlichkeiten und das nötige Fachpersonal vor Ort seien.

Die Umfrage befasste sich mit diversen Teilaspekten, und so war eine Frage, ob etwas zu Aids-Prävention unternommen werde und ob die „Pille danach“ erhältlich sei. Es stellte sich heraus, dass fast die Hälfte der Landkreise, die behauptete, ausgestattet zu sein, keine Notfallkonzepte zur Hand hatte und auf die Frage, warum nicht, kam als Antwort, dass die entsprechenden Medikamente fehlten. Das Gesundheitsministerium hatte alles Nötige zur Verfügung gestellt, es ist jedoch Sache der Landkreise, die Medikamente zu kaufen oder die Lieferung zu veranlassen. Mehr als der Hälfte der Frauen, die sich nach einer Vergewaltigung Hilfe suchend an die Einrichtungen wandten, wurden die Medikamente zur Notfallverhütung nicht verabreicht.

Das heißt, Gewalt gegen Frauen ist ein absurder, unerträglicher und durch nichts zu rechtfertigender Teil unserer Kultur, und wenn Frauen in Not sich an unsere Gesundheitseinrichtungen wenden, sind wir nicht in der Lage, eine durch Gewalt erzeugte Schwangerschaft abzuwenden, und wenn die Schwangerschaft eingetreten ist, sind wir sogar noch hilfloser, denn das Recht verbietet selbst in einem solchen Fall, die Schwangerschaft zu unterbrechen.

Und hier kommt der zweite interessante Teil: Wenn man bei den Gesundheitsämtern nachfragt, ob es im Rahmen ihrer Leistungen Möglichkeiten eines legalen Schwangerschaftsabbruchs gibt, antworten 30 Prozent von vornherein mit Nein. Dabei ist es Pflicht, das anzubieten! Sechs Prozent wollen sich überhaupt nicht zum Thema äußern. Lediglich in 1,9 Prozent der Einrichtungen wurde ein solcher Eingriff überhaupt durchgeführt. Das ist natürlich besonders krass, wenn eine Leistung eigentlich angeboten werden müsste, aber faktisch nicht angeboten wird. Zwar gehört das zu den Leistungen der Gesundheitsämter, aber wenn dann eine Frau kommt und auf Hilfe angewiesen ist, verweigern sie sie ihr. Das ist eine unverzeihliche Pflichtvernachlässigung.

Was meinst du, wie viele Gynäkologinnen und Gynäkologen vertreten die Linie des Projekts Nascituro [zum Schutz des ungeborenen Lebens], das eine Abtreibung unter gar keinen Umständen gutheißt?

0.2 Prozent. 60 Prozent der Gynäkolog*innen sind für eine Lockerung der Bestimmungen oder sogar für eine vollständige Aufhebung des Abtreibungsverbots. Ich glaube, von diesen sind 80 Prozent der Ansicht, Abtreibung sollte nicht länger als Verbrechen gelten.

Nichts ist endgültig. Was passiert denn eigentlich im Moment?

Es gibt ja immer noch etwas, das sich „Weigerung aus Gewissensgründen“ nennt. Es ist Teil der Berufsethik und der brasilianischen Gesetzgebung. Niemand ist dazu verpflichtet, entgegen dem eigenen Gewissen einfach nur dem Gesetz zu folgen. Ein Gynäkologe ist nicht verpflichtet, eine Behandlung durchzuführen, die er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann. Diese Freiheit des Gewissens, nicht entgegen den eigenen persönlichen Prinzipien zuwiderzuhandeln, kann nicht kollektiv gehandhabt und auf ganze Institutionen angewandt werden. Eine Institution kann keine Gewissensentscheidung geltend machen. Ein „Heiliges Haus“ kann keine Gewissensentscheidung geltend machen. Der Professor einer Universität hätte eigentlich nicht das Recht, seine persönliche Gewissensentscheidung seinen Student*innen aufzupfropfen. Aber das passiert. Es wäre die Verantwortung der Institution, mit Mediziner*innen zu arbeiten, die nicht in Schwierigkeiten mit ihrem Gewissen geraten.

Und das alles geht auf die Agitationen religiöser Gruppen zurück?

Ich denke, das macht viel aus, aber es ist nicht nur das. In welchem Land herrscht schon Einstimmigkeit beim Thema Abtreibung? Die kann es gar nicht geben, denn es gibt da den Fötus. Mein Glaube entspricht nicht dem einer anderen Person. Es ist auch nicht so, als würde ich mich von Föten abgestoßen fühlen. Ich bin Geburtshelfer, ich bringe Kinder zur Welt und schütze in diesem Rahmen auch ihr Leben. Aber ich vertrete eine andere Sichtweise als vielleicht ein anderer. Keiner von uns beiden möchte von seiner Überzeugung abweichen, aber warum soll sich seine dann durchsetzen? Die Frauen treiben trotzdem ab. Wie viele der Million Föten, die wir innerhalb eines Jahres verlieren, können durch das Gesetz gerettet werden? Na? Nicht ein einziger. Und dazu haben noch Hunderte von Frauen ihr Leben verloren.

Es heißt immer, wenn Abtreibung erst einmal legal ist, dann läuft hier alles aus dem Ruder, dann werde massakriert ohne Ende. Aber noch nirgendwo auf der Welt gab es eine solche Entwicklung. Nie hat es nach der Beendigung der Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen diese immerzu angedrohte Abtreibungsschwemme gegeben. Nepal ist eines der Länder, in denen Abtreibung erst seit kurzem legal ist. Innerhalb von vier Jahren sind dort die gesundheitlichen Komplikationen, die im Zusammenhang mit Schwangerschaftsabbrüchen auftraten, rapide zurückgegangen. Und die Zahl der Abbrüche ist auch nicht gestiegen. Die wenigsten Abtreibungen finden in Holland statt, ausgerechnet in dem Land, das für seine unkomplizierte Abtreibungsregelung so berühmt ist.

Ein gesetzliches Verbot trägt überhaupt gar nichts zur Reduzierung der Schwangerschaftsabbrüche bei. Es sorgt nur dafür, dass Abtreibungen im Verborgenen ausgeführt werden, und verursacht diese schrecklichen Tragödien, von denen wir gerade sprechen. Eine repressive Gesetzgebung ist eigentlich nur als Todesurteil für ungewollt schwangere Frauen richtig wirkungsvoll, denn es zwingt die Betroffenen in die Illegalität, und wer kein Geld hat, stirbt. 70.000 tote Frauen sprechen für sich. Ein Teil der Bevölkerung Brasiliens gibt sich einfach schon mit der Idee zufrieden, eine repressive Rechtsprechung werde das Problem schon lösen. Dann verlieren wir eben weiterhin eine Million Föten und auch in Zukunft sterben tausende Frauen an den Folgen der Abtreibung.

So funktioniert es eben mit den Frauen ohne Geld, die niemand kennt, oder?

Das Uni-Projekt Unicamp (Universidad de Campinas im Bundesstaat Sao Paulo) führte im Jahr 2006 eine Umfrage mit zahlreichen Gynäkolog*innen durch, um festzustellen, wie viele von ihnen sich für den straffreien Schwangerschaftsabbruch aussprechen würden. 15 oder 16 Prozent waren dafür. Eine weitere Frage war, ob diese Ärzt*innen denn in ihren Privatkliniken schon einmal von einer bekannten Patientin aufgesucht worden waren, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen wollte. Wenn man alle Ärzt*innen zusammenzählt, die eine Abtreibung selbst durchgeführt oder die Patientin an einen Kollegen weitervermittelt hatten, kommt man auf 30 Prozent. Eine weitere Frage war, ob denn schon einmal jemand aus der eigenen Familie ungewollt schwanger geworden war und sich um eine Abtreibung bemüht hatte. Der Anteil der Mediziner*innen, die bereit waren zu helfen, die letzte geschilderte Situation mit einbezogen, stieg auf etwa 50 Prozent.

Die letzte Frage lautete: War Ihre Partnerin bzw. waren Sie selbst schon einmal ungewollt schwanger?“ Knapp 2.000 Ärztinnen und Ärzte bejahten. Und was haben die Betroffenen in diesem Fall unternommen? Nun, etwa 90 Prozent entscheiden sich für einen Schwangerschaftsabbruch. Ich möchte das nicht als falschen Moralismus verstanden wissen. Wenn ich die Hintergründe kenne, kann ich selbst entschlossener handeln, und ich verstehe die Hintergründe besser, wenn es sich um meine eigene Tochter handelt. Und es macht einen Riesenunterschied, ob man eine Situation aus erster oder aus zweiter Hand kennt. Ich bin seit 30 Jahren als Gynäkologe tätig, und ich habe nicht eine Frau erlebt, die auf Verhütungsmittel verzichtet hat, weil sie so gern einmal abtreiben wollte. Die es drauf angelegt hätte, sich von irgendeiner Knalltüte schwängern zu lassen, um dann auf dem Höhepunkt der Verzweiflung begeistert die Möglichkeit der Abtreibung zu wählen. Kein Mensch wünscht sich eine Abtreibung. Die Frauen, die sich für eine Abtreibung entscheiden, tun das aus einer verzweifelten Lage heraus. Warum betrachtet man das als Verbrechen? Welchen Sinn soll das haben?

Und dann ist es ja auch nur die Frau, die kriminalisiert wird. Der Kindsvater macht ja nach Möglichkeit einen großen Bogen um die Situation.

Nur die Frau wird verantwortlich gemacht. Der Mann kommt darin gar nicht vor, so als entstünden Schwangerschaften aus heiterem Himmel. Wenn Schwangerschaft irgendwie ein Problem von Männern wäre, dann hätte man für dieses ganze Drama schon längst eine Lösung gefunden. Wieder einmal wird der Frau die gesamte Verantwortung für den Fortpflanzungsprozess angehängt. Die meisten Männer begreifen schon das gesamte Thema der Empfängnisverhütung als Frauensache. Und wenn die Frau dann ungewollt schwanger wird, machen sie sich aus dem Staub. Viele Frauen würden vielleicht auch gar nicht abtreiben, wenn ihre Partner sie nicht im Stich lassen würden. Nicht dass das die Lösung wäre. Aber viele Frauen treiben ab, weil sie keine Partner haben, weil sie niemanden haben, der sie unterstützt und weil sie wissen, welches Ausmaß an Unterdrückung sie erwartet. Von der Gesellschaft kann eine Frau in einer solchen Lage keinerlei Unterstützung erwarten. Ich sage nicht, dass Unterstützung die Lösung für alle ungewollten Schwangerschaften ist, aber viele Frauen fühlen sich durch ein Umfeld, das ihnen durch und durch ablehnend gegenübersteht, geradezu zum Schwangerschaftsabbruch getrieben.

Und es geht zu keinem Zeitpunkt darum, was eine Frau in dieser Situation eigentlich braucht.

In den Statuten der Nascituro-Bewegung wird von Frauen geredet, als wären sie Gegenstände. Eigentlich könnten sie das Wort „Frau“ auch gleich durch „Brutkasten“ ersetzen. Oder durch „Sperma-Auffanggefäß“. Wenn es nach den Reproduktionsrechten ginge, wäre Brasilien das hinterwäldlerischste, konservativste und beschränkteste Land der Erde.

Die Ombudsstelle für Bürgerrechte in São Paulo hat letztens die Verteidigung einer Frau übernommen, die blutend in der Notaufnahme eines Krankenhauses erschienen und darauf von der diensthabenden Ärztin angezeigt worden war. Die Ärztin müsste sich eigentlich selbst vor Gericht verantworten, sie hätte eigentlich ihre Schweigepflicht als Ärztin einhalten müssen. Ich bin kein Polizist und kein Richter sondern Arzt, und als solcher bin ich bestimmten ethischen Prinzipien verpflichtet. Wenn mir im Zuge meiner beruflichen Tätigkeit Dinge anvertraut werden, habe ich diese vertraulich zu behandeln, ausgenommen bestimmte Situationen, wenn z.B. der Arzt vom Patienten verklagt wird. Aber selbst dann hat er den Richter auf die Vertraulichkeit der Informationen hinzuweisen. Oder wenn es um Gewalt gegen Kinder oder Jugendliche geht, bin ich verpflichtet, die Behörden einzuschalten, wenn ich etwas davon mitbekomme, und ich muss auch dann Meldung machen, wenn die Familie damit nicht einverstanden ist. Bei solchen Vorfällen wird jede Verpflichtung zu Stillschweigen irrelevant. Hier ist der Artikel 66 des Strafgesetzbuches absolut eindeutig: Ein Arzt hat sich über die ärztliche Schweigepflicht hinwegzusetzen, sofern sie dazu beiträgt, Gewalt gegen eine andere Person zu vertuschen.

Es gibt auch diejenigen, die finden, Abtreibungen sollten ohne Narkose durchgeführt werden, damit die Frauen etwas daraus lernen. Was steht dahinter? Die Öffentlichkeit scheut sich, das Thema Abtreibung als ein Problem der allgemeinen Gesundheit zu betrachten. Es geht nicht allein um die Diskussion über den Aspekt der Straffreiheit. Es geht um einen menschenwürdigen Umgang, der die Rechte der Betroffenen wahrt, und darum, in der Öffentlichkeit ein anderes Bild zum Schwangerschaftsabbruch zu vermitteln. Am Ende wird das Thema Abtreibung immer als Trumpfkarte eingesetzt. Das Leben und die Rechte der Frauen und ihre Selbstbestimmung sind am Ende nichts weiter als Spielgeld. Du unterstützt mich, und dafür nehmen wir dann gemeinsam den Frauen ihre Rechte weg. Ohne auch nur einen Anflug von schlechtem Gewissen zu verspüren.

Wir zementieren mit unseren Gesetzen die Unfreiheit und kümmern uns nicht weiter darum, wie viele Frauen im nächsten Jahr sterben. Ich würde mir wünschen, dass es überhaupt gar nicht dazu kommt, dass eine Frau ungewollt schwanger wird, so dass sie niemals eine Abtreibung in Erwägung ziehen muss, und dass Schwangerschaftsabbrüche dadurch etwas sehr Seltenes und Außergewöhnliches würden, aber nichts, das man als etwas Kriminelles betrachtet. Und dass ein Schwangerschaftsabbruch kein gesundheitsgefährdender Eingriff mehr wäre. Dass Abtreibungen ganz selten vorkommen, und wenn, dann immer unter gesicherten und geschützten Bedingungen.

CC BY-SA 4.0 Abtreibungsverbot ist ein Todesurteil für Frauen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


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