Hebammen in Alto Baudó fordern Geburtshaus

Hebammen
La Partera – die Hebamme
Foto: Luis Alveart via flickr
CC BY-NC-ND 2.0

(Alto Baudó, 18. September 2026, colombia informa).- Asoredipar ist ein Netzwerk von traditionellen Hebammen. In einer Region, in der die meisten Kinder mit Hilfe der Hebammen zur Welt kommen, ist ihre Arbeit besonders wichtig. In der Gemeinde Alto Baudó sind 70 Hebammen in dem Netzwerk organisiert. Oft werden sie in allen gesundheitlichen Fragen konsultiert, da die Gesundheitsversorgung insgesamt lückenhaft organisiert ist. Colombia Informa sprachen mit „Begleiterinnen des Lebenswunders“ im Dorf San Francisco de Cugucho über ihren Arbeitsalltag, über Wertschätzung und Bezahlung und die Idee, ein Geburtshaus aufzubauen.

CI: Welche Auswirkungen hatten die jüngsten Naturkatastrophen auf Ihre Arbeit?

Hebammen: Bei Überschwemmungen sind alle Häuser betroffen, besonders, wenn der Fluss über die Ufer tritt. Wir ziehen dann weiter nach oben, in die Schule oder in die höher gelegenen Häuser. Ende August hatten wir einen Sturm, ich war mit Unterlagen zur Hebammenarbeit unterwegs, und alles wurde nass, viele unserer Arbeitsmaterialien; das Blutdruckmessgerät ist kaputtgegangen.

CI: Wie viele Hebammen gibt es in San Francisco de Cugucho?

Hebammen: Wir sind zwölf.

CI: Ihr habt vorhin erzählt, dass der Platz, auf dem die Kinder spielen, bei jedem Regen unter Wasser steht.

Hebammen: Wenn der Fluss über die Ufer tritt, überflutet er den Platz, ja. Entweder der Boden versumpft oder der Fluss spült die Erde weg. Auch da, wo wir unser Wasser holen, ist dann alles voller Schlamm. Das heißt, es wird schwierig, an Wasser zu kommen.

CI: Wurde Ihnen jemals eine Wasserversorgungsleitung versprochen?

Hebammen: Ja, schon, aber bisher ist nichts daraus geworden, weil das eigentlich Sache des Bürgermeisters ist. Im Wahlkampf werden solche Dinge versprochen, aber danach tut niemand mehr was für uns.

CI: Und die Provinzregierung?

Hebammen: Nichts. Die hat nirgendwo etwas unternommen. Schauen Sie sich ruhig um. Hier gibt’s nirgendwo eine Wasserzapfstelle.

CI: Hat Ihnen irgendeine Regierung versprochen, Trinkwasser zu liefern?

Hebammen: Versprochen schon, aber sie halten aber nicht, was sie versprechen. Deshalb gibt es keine Wasserversorgung.

CI: Mit welchen gesundheitlichen Problemen haben Sie zu kämpfen?

Hebammen: Die Wasserqualität hat große Auswirkungen. Wenn dss Wasser nicht aufbereitet wird, bekommen die Kinder Durchfall und werden oft richtig krank. Die Erwachsenen auch. Und wir haben keine Medikamente, nicht mal Schmerzmittel. Um unsere Patient*innen zu versorgen, müssen wir bis nach Pie de Pató fahren, das ist der Verwaltungssitz des Alto Baudó. Die Fahrt mit dem Boot ist weit und teuer. Manchmal ist es einfach nicht möglich, die Person dorthin zu bringen, weil das Geld fehlt. Deshalb kann hier jeder sterben, ein Kind, der Vater oder die Mutter. Viele bringen ihre Kranken aus Geldmangel nicht ins Krankenhaus; die Krankheit schreitet voran, und ehe man sich versieht, ist die Person gestorben. Das kommt ziemlich oft vor.

CI: Was brauchen Sie?

Hebammen: Wir Hebammen brauchen ein Geburtshaus. Wir haben keinen geeigneten Ort, um Geburten zu betreuen. San Francisco de Cugucho ist ein strategisch wichtiger Ort. Frauen aus den Gemeinden flussabwärts kommen hierher, um zu gebären. Es ist schon vorgekommen, dass schon eine Hand oder ein Fuß herausragte, weil die Frauen es nicht eher geschafft haben. Manche Geburten wurden am Flussufer betreut. Wir haben leider keinen angemessenen Ort. Manchmal nutzen wir das Haus von irgendeinem Freund, wenn das Kind schon bald zur Welt kommt. Wie es eben so hinkommt. Auch am Fluss Baudó gibt es viele andere Gemeinden, die auch zu diesem Bezirk gehören. Vielleicht können die uns helfen, einen Raum zu bekommen, ein Haus, in dem wir Frauen betreuen und ein Kind angemessen willkommen heißen können. Einen Raum mit einer entsprechenden Ausstattung, mit Handschuhen und allem, was man braucht, um eine Geburt würdig begleiten können, denn derzeit tun wir das immer wieder unter freiem Himmel. Hier fehlt es an vielen Dingen. Das Thema Wasser haben wir ja schon erwähnt. UNICEF hat uns einen kleinen Wasserspender eingerichtet, aber der hielt nicht lange, und die Wasserleitung, die wir mal hatten, ist auch nach drei Monaten kaputtgegangen. Wir haben keinen Spielplatz für die Kinder. Wenn unsere Kinder mal die Chance haben, nach Quibdó oder anderswohin zu fahren, wo es Spielplätze und solche Dinge gibt, müssen sie alles von Grund auf lernen, weil sie nicht wissen, wie das alles funktioniert, sie sind schüchtern und ängstlich, weil sie nicht wissen, wie man auf ein Klettergerüst klettert. Sie haben so etwas noch nie gesehen, weil wir sowas hier nicht haben.Wir haben auch keinen Sportplatz. Wir haben gar nichts. Stellen Sie sich das vor: Nach dem Regen ist das hier alles ein Sumpf. Das fehlte noch, dass die Kinder sich eine Erkältung oder Fieber holen, nur weil sie mal spielen wollen. 

CI: Ihr seid zwölf Hebammen hier. Wie vielen Jungen und Mädchen habt ihr auf die Welt geholfen?

Marisa Murillo González: Ich bin 57 Jahre alt und habe 17 Kinder zur Welt gebracht, aber hier sind meine Kolleginnen, die Hebammen. Sie haben uns beigebracht, wie man Kinder auf die Welt bringt.

Belisaria Perea: Ich habe 43 Kinder zur Welt gebracht.

Filomena Perea Mosquera: Ich war schon bei 66 Geburten. Gott sei Dank ist uns bisher noch kein Kind gestorben. Bis auf eins, aber es starb nach der Geburt, auf dem Heimweg.

Carmen Alicia Palomeque Mosquera: Ich habe bisher erst 12 Mädchen und Jungen zur Welt gebracht. Früher, als wir als Hebammen unterwegs waren, mussten wir von weit her anreisen, die Väter kamen, um uns abzuholen. Wir mussten ohne Handschuhe, ohne Mundschutz und ohne alles arbeiten, was man für eine Entbindung braucht. Heute kümmert sich im Prinzip der Vater um die notwendigen Sachen, Handschuhe und so. Aber hier in der Gemeinde haben wir nicht alles, was man für eine Geburt braucht.

CI: Wie ist der Verband der Hebammen von Alto Baudó organisiert?

Hebammen: Wir sind hier in der Gemeinde Alto Baudó für 70 Hebammen zuständig. 28 Afrokolumbianerinnen, die anderen indigene Frauen. Es gibt auch drei Männer, einen Afrokolumbianer und zwei Indigene. Viele Frauen kommen hierher in unsere Gemeinde und wollen wissen, wie es dem Kind geht, ob es in Steißlage liegt oder quer. Wir müssen in Ruhe arbeiten können, um sowas zu klären. Was benötigt wird? Ein Geburtshaus oder ein Raum, um die ganzen Jungen und Mädchen aus diesen Gemeinden auf die Welt zu bringen.

CI: Wie muss das Haus ausgestattet sein?

Hebammen: Fangen wir mal beim Grundstück an. Als Erstes muss man sich Gedanken über ein geeignetes Gelände machen, wo soll es sein, wie soll es sein? Ein Grundstück haben wir schon, das hat uns der Vertreter des Gemeinderats gespendet, aber sonst nichts. Wenn eine Gruppe uns zum Beispiel bei dem Dach unterstützen will, dann hilft es uns schon, wenn sich jemand um die Nägel kümmert. Jeder kleine Beitrag hilft. Ihr wollt uns unterstützen? Dann geht Klinken putzen, geht von Tür zu Tür und fragt. Wir brauchen die Unterstützung von außen. Wir brauchen Liegen, Ausrüstung, Geld für Bauholz, Sprit für die Sägen, um das Holz zuzuschneiden. Im Moment fehlen außer dem Dach überm Kopf auch die Pfeiler, die es tragen würden, wir haben keine Tragen, keine Rollstühle oder medizinische Ausrüstung – gar nichts.

CI: Welche medizinischen Geräte werden benötigt?

Hebammen: Wir brauchen unbedingt ein neues Blutdruckmessgerät zur Erfassung der Herzfrequenz, denn bei Schwangeren muss immer Blutdruck und Herzfrequenz gemessen werden. Unseres ist ja nass geworden, und seitdem funktioniert es nicht mehr. Wir haben in den Schulungen gelernt, wie man damit umgeht. Mit dem Blutdruckmessgerät kann man Risiken bei Schwangeren erkennen. Wir wissen, wie man den Blutdruck, die Herzfrequenz und die Herzschläge des Kindes misst. Wir brauchen also ein Pinard-Stethoskop, das ist so ein trompetenförmiges medizinisches Instrument, mit dem man während der Schwangerschaft die Herzschläge des Fötus abhören kann. Das, das wir hatten, ist bei dem Sturm kaputtgegangen. Mit einer richtigen Ausrüstung können wir Leben retten. Viele gebärende Frauen müssten nach Pie de Pató gebracht werden, aber oft klappt es nicht, und das hat schon viele Frauen und Kinder das Leben gekostet. Eigentlich bräuchten wir Hebammen ein eigenes Schnellboot, um Patientinnen zu transportieren – eine Schwangere, jemanden mit einer Schnittwunde oder einem Schlangenbiss. So, wie es im Moment ist, leisten wir vor allem Erste Hilfe und versuchen, Leben zu retten.

CI: Arbeiten Sie auch mit Heilkräutern?

Hebammen: Ja, wir arbeiten auch mit traditioneller Medizin. Es gibt hier viele Kräuter, manchmal ist es auch gar nicht notwendig, die Kranken nach Pie de Pató zu bringen. Mit Kräutern kann man einiges behandeln. Da sind wir ein Team. Was die eine nicht parat hat, hat die andere. Und gemeinsam sprechen wir die Fälle durch, um zu sehen, wie wir vorgehen. Wir behandeln Augenerkrankungen, Magenbeschwerden, Würmer, Grippe, Fieber und viele andere Krankheiten. Sogar Malaria behandeln wir mit Kräutern.

CI: Was könnten die Hebammen mit Unterstützung und einigen Ressourcen erreichen?

Hebammen: Vor einiger Zeit hatten wir ein Treffen in Puerto Meluk, in der Gemeinde Medio Baudó, und da bekamen wir Hebammen-Sets: einen Kittel, Stiefel, Windeln für die Kinder, eine Taschenlampe, Material zum Durchschneiden und Desinfizieren der Nabelschnur, Seife und Handschuhe. Während der Pandemie wurden in den Gesundheitszentren keine Kinder entbunden. Wir hier haben das Risiko auf uns genommen, diese Kinder ohne Handschuhe zu entbinden. Deshalb bekamen einige von uns eine einmalige Zuwendung in Höhe von 800.000 Pesos, aber eben nur einige. Andere haben den COVID-Zuschuss (so wurde er genannt) niemals erhalten. Wir bekommen keine Wertschätzung; die Arbeit, die wir leisten, findet kaum Beachtung. Wir sind nicht nur Hebammen, wir sind auch traditionelle Heilerinnen, wir machen die Arbeit von Krankenschwestern, und wir sorgen dafür, dass in dem Dorf, in dem wir leben, und wo immer wir gerade gebraucht werden, Leben entsteht. Aber wir haben kein festes Einkommen, und im Moment verfügen wir nicht einmal über ein Skalpell. Wir warten gespannt darauf, was die Regierung für uns tun wird. Es gibt hier in der Gemeinde ganze zwei Krankenschwestern, die saisonal angestellt sind. Und in der Zeit, in der sie keinen Vertrag haben, machen sie bei uns den Malaria-Test, aus reiner Gefälligkeit. Das einzige staatliche Geld, das wir jemals bekommen haben, war dieser einmalige COVID-Zuschuss. Aber egal. Für die Gemeinden arbeiten und Leben retten – das ist unsere Berufung, und wir machen weiter, so oder so.

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