
(Lima, 12. November 2025).- Am Samstag, den 8. November beging Chile den Día Nacional de las Áreas Protegidas (Landesweiter Tag der Schutzgebiete), dessen Grunlage das Gesetz 21.596 bildet. Der Gedenktag wird jedes Jaht am zweiten Samstag im November begangen. Er soll Chiles Bürger*innen für den ökologischen Wert der Schutzgebiete sensibilisieren und die soziale Rolle hervorheben, die die Gemeinden in diesem Zusammenhang spielen. Es handelt sich um einen Meilenstein hinsichtlich der internationalen Verpflichtungen, die Chile mit Blick auf das Ziel 30×30 eingegangen ist. Bis zum Jahr 2030 sollen mindestens 30 Prozent der Landes- und Meersfläche des Planeten unter effektivem Schutz stehen.
Das chilenische Umweltministerium betont, dass die Bewahrung der Natur, der biologischen Vielfalt und des ökologischen Erbes unverzichtbare Pfeiler für das Leben und eine nachhaltige Entwicklung darstellen. Dennoch standen die Feierlichkeiten des Gedenktags im Zeichen eines strukturellen Widerspruchs: Chile lässt die Einrichtung und den Betrieb von Lachsfarmen innerhalb von Schutzgebieten zu – obwohl diese genau zu dem Zweck geschaffen wurden, fragile Ökosysteme und weltweit einzigartige Arten zu bewahren.
Auch der höchste Schutzstatus wird ignoriert
In Patagonien ist die Lage besonders kritisch. Den Daten der Kampagne Defendamos Patagonia (Lasst uns Patagonien verteidigen) zufolge gibt es aktuell 408 Konzessionen für Lachsfarmen innerhalb staatlicher Schutzgebiete. Diese verteilen sich wie folgt: alleine 313 in der Reserva Nacional Las Guaitecas, 66 in der Reserva Nacional Kawésqar, 19 im Parque Nacional Alberto de Agostini, 8 im Parque Nacional Isla Magdalena und 2 im Parque Nacional Laguna San Rafael. Diese Zahlen enthüllen, dass sich die Aquakulturindustrie sogar in Gebieten ausbreitet, die in Chile den höchsten Schutzstatus genießen.
Die Stellungnahmen aus den betroffenen Gemeinden sind eindeutig. Daniel Caniullan, Taucher, Fischer und historischer Anführer der indigenen Gemeinschaften der Region Aysén, kennt die Fjorde und Kanäle des Archipels Las Guaitecas bestens, wo sich das gleichnamige Schutzgebiet befindet. Caniullan erklärt: „Die Auswirkungen der Industrie in den Schutzgebieten nehmen immer weiter zu, und die jeweiligen Regierungen versuchen, die Realität in den Schutzgebieten zu verbergen. Die Behörden wissen, was geschieht, schweigen jedoch komplizenhaft und sorgen so dafür, dass die Straflosigkeit fortbesteht.“
Die Auswirkungen auf die Umwelt sind von Wissenschaftler*innen und den Gemeinden der patagonischen Küstengebiete umfangreich dokumentiert worden. In den vergangenen zehn Jahren sind 5,4 Millionen Lachse aus den Aquakulturen entkommen, was die Biodiversität des Meeres einschneidend verändert.
Lachse schaden einheimischen Arten
In einer Veröffentlichung der Pontificia Universidad Católica schreibt der Meeresbiologe und Forscher Alejandro Pérez-Matus: „Der Verzehr einheimischer Arten durch nicht-einheimische Arten wie Lachse zählt zu den direkten Auswirkungen.“ Seit 2020 warnt er zudem vor der Übertragung von Krankheiten sowie vor den Folgen des massiven Einsatzes von Antibiotika. Den Angaben des Forschers zufolge verwandeln die Käfige der Lachsindustrie die Ökosysteme in „ökologische Fallen“ und schädigen die Habitate ortsansässiger Arten.
Fischer*innen der Insel Chiloé und der Region Aysén prangern das zunehmende Verschwinden von Fischen und einheimischen Schalentieren an – dokumentiert in der Reportage El lamento del mar („Das Klagen des Meeres“). Diese zeigt chemische Rückstände, nicht verbrauchte Futtermittel und unter den im Wasser treibenden Käfigen angesammelte Antibiotika. Zudem warnen Umweltschutzorganisationen vor dem beschleunigten Verlust von Flora und Fauna infolge der Erderwärmung und der Ausbreitung extraktiver Industrien. Die Dringlichkeit, mehr Schutzgebiete an Land und im Meer effektiv zu schützen, nehme weiter z.
Die Regierungen beugen sich der Lachsindustrie
Der Aktivist Juan Carlos Viveros, Mitglied sozioökologischer Organisationen und Bewegungen auf Chiloé und mittlerweile auch Teil von Defendamos Patagonia, erklärt: „Nach der Umweltkatastrophe 2021, als im Comau-Fjord Tausende Tonnen toter Lachse trieben und das örtliche Schutzgebiet schwer geschädigt wurde, mussten wir feststellen, dass der Staat – und zwar ausnahmslos alle Regierungen – zulässt, dass sich die gravierenden, gehäuften Auswirkungen der Lachsindustrie gerade in jenen Gebieten überschlagen, die unter gesetzlichem Schutz stehen. Diese Abnormalität veranlasste uns dazu, die Kampagne Áreas Protegidas Sin Salmoneras (Schutzgebiete ohne Lachsfarmen) ins Leben zu rufen. Wir fordern ein Gesetz, das die Beendigung der Konzessionen ermöglicht. Nach Jahren des Kampfes erreichten wir, dass Präsident Boric das Thema in seine Agenda aufnahm und in Magallanes ankündigte, den Konzessionen in Schutzgebieten ein Ende zu setzen. Leider blieb es bei einer Ankündigung, ohne konkrete Fortschritte. Daher gehen wir nun einen Schritt weiter und erklären alle Schutzgebiete mit bestehenden Konzessionen für Lachsfarmen zu einer Zona de Sacrificio (Opferzone).“
Die indigene Gemeinschaft Kawésqar Grupos Familiares Nómades del Mar schließt sich dieser Kritik an und bekräftigt: „Die Reserva Nacional Kawesqar, die mit dem Kawesqar-Meer, auch Chams Wæs genannt, den wichtigsten Teil des angestammten Territorium bildet und verwaltungstechnisch vom angrenzenden Gebiet des heutigen Parque Nacional Kawésqar getrennt ist, musste den Ansturm der zerstörerischen Lachs-Industrie ertragen (…).“
„Derzeit wird zudem der Umweltplan für das Kawésqar-Schutzgebiet von der Lobby der Lachsindustrie und ihren politischen Erfüllungsgehilfen bedroht, die die Bevölkerung fortwährend falsch informiert haben. In Desinformationskampagnen wurde behauptet, die traditionelle Fischerei sei betroffen – was völlig unzutreffend ist. Der Umweltplan erachtet die traditionelle Fischerei ausdrücklich als schützenswert.“ Weiter heißt es: „Der Kampf für das Kawésqar-Schutzgebiet besteht darin, dass die Menschen seinen wahren Wert erkennen, verhindern, dass weiterhin Informationen manipuliert werden, und den in mehr als vier Jahren erarbeiteten Umweltplan aufrechterhalten. (…) Dies ist ein Schutzgebiet, in dem die Lachsindustrie ihre höchst zerstörerische Tätigkeit fortsetzt – ein Gebiet, das faktisch als Opferzone behandelt wird. Wir Kawésqar, die das Meer verstehen und verteidigen, wollten nie, dass sich die Lachsindustrie ausbreitet. Doch Land und Meer droht Schaden, wie die bereits 67 aktiven Konzessionen zeigen.“
Die Bürgerkampagne Defendamos Patagonia hat gemeinsam mit Gemeinschaften und Organisationen am 8. November die Schutzgebiete und Nationalparks im Süden Chiles, in denen Konzessionen für die Lachsindustrie in Betrieb sind, zur „Zona de Sacrificio Salmonera“ („Opferzone der Lachsindustrie“) erklärt. Diese im Rahmen des Día Nacional de las Áreas Protegidas angekündigte Maßnahme soll die Auswirkungen auf die Umwelt in den Regionen Los Lagos, Aysén und Magallanes sichtbar machen.
Verstoß gegen chilenisches und internationales Recht
Die Kritik stützt sich auf offizielle Daten von Sernapesca, der chilenischen Behörde für Fischerei und Aquakultur, sowie auf Studien der Universidad Austral de Chile. Demnach befinden sich 42 Prozent der Konzessionen für die Lachsindustrie im Land entweder innerhalb von Schutzgebieten oder grenzen direkt an diese. Nach Ansicht der Organisationen verstößt dies sowohl gegen das Gesetz 19.300 über allgemeine Grundlagen im Umweltbereich als auch gegen die internationale Ramsar-Konvention über Feuchtgebiete.
Als „Entwicklung“ maskierte Industrialisierung
Das Kommuniqué der Kampagne beschreibt katastrophale Auswirkungen: Jahr für Jahr Tonnen von Antibiotika, die bakterielle Resistenzen fördern, Sauerstoffentzug (Anoxie), abgestorbene Meeresböden und zerstörte Küstenbereiche. Es handele sich um eine Industrialisierung, die sich als „Entwicklung“ tarne und Schutzgebiete mit hoher Biodiversität in chemische Müllhalden verwandle. In den betroffenen Ökosystemen verbreiten sich über entkommene Lachse Krankheiten. Zudem verfangen sich in den Anlagen der Lachsindustrie regelmäßig Meerestiere – darunter auch Wale.
Übersetzung: Bernd Stößel
Über 400 Lachsfarmen in patagonischen Schutzgebieten von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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