Notstand: Ärztin spricht von „gescheitertem Staat“

Nach zwei Hurrikans im November stand das wirtschaftliche Zentrum von Honduras, das Valle de Sula, unter Wasser. Foto: Radio Progreso

(San Pedro Sula, 27. November 2020, radio progreso).- Radio Progreso hat mit der Ärztin Suyapa Figueroa über die Krise in Honduras gesprochen. Die Vorsitzende der honduranischen Ärzt*innenkammer sieht keine staatlichen Strukturen, die der betroffenen Bevölkerung in Zeiten des Gesundheitsnotstands und der Überschwemmungen nach den Hurrikans Eta und Iota zur Seite stehen können. „Genau wegen dieser fehlenden staatlichen Struktur gibt es kein angemessenes Handeln“, so Figueroa. „Wegen diesen fehlenden staatlichen Strukturen sind wir in dieser schlimmen Situation.“ Die Menschen müssten sich selber helfen, um konkrete Verbesserungen zu erreichen. Das Interview führte José Peraza.

Radio Progreso: Wie bewerten Sie den Notstand in Honduras nach den Überschwemmungen?

Suyapa Figueroa: Die Situation ist zweifellos verheerend. Es tut weh, die Berichte unserer Landsleute zu hören und sie in einer solchen Lage zu sehen. Gleichzeitig bin ich von der Gleichgültigkeit erschüttert und der Unfähigkeit, diese schwierige Situation zu bewältigen.

Worauf muss sich die Bevölkerung gesundheitlich einstellen?

Den Menschen stehen Magen-Darm-Krankheiten bevor, darauf können Leptospirose, Ausbrüche von Typhus und Hepatitis A folgen, auch können die Fälle von Dengue und Malaria zunehmen. Besonders dramatisch ist der Mangel an Trinkwasser, denn der wird enorme Auswirkungen auf die Bevölkerung haben.

Wie reagiert die Regierung?

Die Ärztin Suyapa Figueroa im Gespräch. Foto: Radio Progreso

Von den Behörden kann man nicht viel erwarten. Hier denke ich, dass wir uns als Bevölkerung und Gemeinschaft selbst organisieren müssen, um mit unseren Erfahrungen und gemeinsamen Aktionen voran zu kommen.

Sind die staatlichen Strukturen beschädigt?

Wir haben keine wirklichen staatlichen Strukturen mehr, seit langem nicht. Und genau wegen diesen fehlenden staatlichen Strukturen sind wir in dieser schlimmen Situation. Ein Beispiel: Als das Katastrophenschutzprogramm Sinager (Sistema Nacional de Gestión de Riesgos) und die Behörde Copeco (Comisión Permanente de Contingencias) gebildet wurden, sollten sie mit dem Roten Kreuz, der Feuerwehr und der Ärzt*innenkammer zusammenarbeiten. Doch das wurde nicht getan, weil sie nicht beobachtet werden wollen, sie wollen keine Transparenz, sie wollen keine technischen Ratschläge. Was sie wollen sind politisch konforme Meinungen.

Wurde die Ärzt*innenkammer zum Beratungsgremium für den Wiederaufbau hinzu geholt?

Nein und ich denke, dass sie weder den Antikorruptionsrat CNA (Consejo Nacional Anticorrupción) einbinden werden, noch das zivilgesellschaftliche Gremium Fosdeh (Foro Social de Deuda Externa y Desarrollo de Honduras), noch die Caritas oder die honduranische Handwerkskammer. Für die Regierung ist es ein Ausschlusskriterium, wenn man ihr Krisenmanagement kritisch sieht.

Würden Sie teilnehmen, wenn Sie gerufen würden?

Selbstverständlich. Aber wir würden nicht an ihrem Beratungsgremium teilnehmen, sondern das Forum Fosdeh unterstützen, das einen Vorschlag gemacht haben, den ich sehr gut finde. Die Regierung sollte sich zu Gunsten der Bevölkerung öffnen und solche engagierten Menschen und Institutionen mit einbinden.

Steht eine Wiederholung dessen bevor, was uns mit Covid-19 passiert ist?

Eindeutig ja. Wir haben ja die Handlungsunfähigkeit gesehen; seit bald einem Jahr haben wir die Covid-19-Pandemie und noch immer haben wir keine Krankenhäuser, und so wird es auch diesmal sein: Wir werden weder Brücken noch Straßen haben, keine Betreuung für die Menschen, gar nichts. Wir haben es mit einer absolut gleichgültigen Regierung zu tun.

Wie genau sieht der Notstand in Honduras aus?

Es gibt keine staatlichen Strukturen, es gibt keine Regierung, wir haben es mit einem gescheiterten Staat zu tun. So lange wir in diesem gescheiterten Staat weiterleben, solange wir keine Antworten von unseren Regierenden kriegen, werden wir kaum vorwärts kommen. Die Korruption ist besonders schlimm, denn sie betrifft die gesamte Regierung und deswegen haben wir keine finanziellen Mittel, die wir für den Notfall verwenden können.

Also muss sich die Bevölkerung selber helfen?

Die Honduraner*innen haben Solidarität gezeigt. Es ist bewundernswert zu sehen, wie die Leute das Wenige oder auch das Viele teilen, was sie haben. Dennoch müssen solche Aktionen darüber hinaus gehen, denn wir haben ein strukturelles Problem im Land und solange das nicht gelöst wird, wird dieses Chaos weitergehen, werden diese ineffizienten Aktionen weitergehen. Die Honduraner*innen müssen den Rücktritt dieser Regierung wegen Unfähigkeit fordern.

Bald beginnt der Wahlkampf. Was ist zu tun, damit diese Tragödie nicht ausgenutzt wird?

Ich denke, die Bevölkerung weiß, was los ist. Die Leute erkennen inzwischen die Methoden sehr genau von denjenigen, die ihnen Essenspakete bringen, damit die Leute für sie stimmen. Ich denke, die Leute sollten schlau genug sein, um zu erkennen, dass diese Essenspakete eigentlich von ihrem eigenen Geld bezahlt worden sind; deshalb sollten sie das Essen annehmen, ohne sich zu irgendetwas zu verpflichten. Die Politiker*innen sollten der Realität etwas näher sein und ihren Einfluss dazu nutzen, von der Regierung konkrete Aktionen zum Wohl der Bevölkerung zu fordern.

Was möchten Sie der Bevölkerung mitgeben?

Ich würde den Leuten sagen, dass wir uns zwar in einer Krise befinden, dass dies aber auch der beste Moment ist, um wichtige strukturelle Veränderungen in diesem Land einzufordern. Gerade diese Krise sollte uns nützlich sein, um aufzustehen und konstruktive Vorschläge zu machen. Ich möchte den Honduraner*innen auch sagen, dass wir jetzt Solidarität brauchen – aber eine Solidarität mit einem langen Atem, denn der Notstand wird noch lange andauern.

CC BY-SA 4.0 Notstand: Ärztin spricht von „gescheitertem Staat“ von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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