Satellit der Hoffnung

Blick ins Innere des Kleinsatelliten. Foto: Universidad del Valle de Guatemala

(Guatemala-Stadt/Berlin, 27. März 2020, npla).- KiboCube – auf Deutsch „Würfel der Hoffnung“ – heißt ein Programm, mit dem Japan und die Vereinten Nationen finanzschwache Länder ohne eigenes Weltraumprogramm unterstützen. Sie können so eigene Kleinsatelliten für Forschungszwecke ins All bringen – zum Beispiel Guatemala.

Nur zehn Zentimeter Kantenlänge hat der Würfel mit dem Namen „Quetzal-1“, der Guatemala in ein neues Zeitalter katapultieren soll. Schon Anfang März ist der nach dem guatemaltekischen Nationalvogel benannte Kleinsatellit an Bord einer Trägerrakete vom US-Weltraumbahnhof Cape Canaveral zur Internationalen Raumstation ISS gereist. Bald wird er im All ausgesetzt werden – von dort soll er Aufnahmen von guatemaltekischen Flüssen, Seen und Meeresoberflächen machen. Mit den Bildern lässt sich der Chlorophyllgehalt der Gewässer bestimmen und damit deren Verschmutzungsgrad. „Ein solcher Satellit ist sehr nützlich, weil man mit ihm die natürlichen Ressourcen besser verwalten kann“, erklärt Luis Zea, Weltraumingenieur und Co-Direktor des Projekts. „Man kann Oberflächenveränderungen auf der Erde erkennen, die z.B. durch Waldbrände, Abholzung oder eben die Verschmutzung von Gewässern verursacht werden.“

Weil für Länder des globalen Südens die Entwicklung und Nutzung von Kleinsatelliten bisher meist zu teuer ist, hat das Büro für Weltraumfragen der Vereinten Nationen UNOOSA (United Nations Office for Outer Space Affairs) in Wien die „Access to Space 4 All“-Initiative ins Leben gerufen, die auch weniger finanzstarken Staaten den Weg in den Weltraum ebnen soll.

Das Entwicklerteam von der Universidad del Valle in Guatemala glaubte anfangs allerdings kaum daran, dass ihr Kleinsatellit „Quetzal-1“ es tatsächlich einmal in den Weltraum schaffen würde. „Wir haben das eher als langfristiges akademisches Projekt gesehen, weil wir überhaupt nicht das nötige Budget für den Start eines Minisatelliten hatten, denn der kostet schnell einmal 100.000 US-Dollar“, erinnert sich Luis Zea.

Doch die Forscherinnen und Forscher aus dem kleinen zentralamerikanischen Land hatten Glück: Sie bewarben sich mit ihrem Projekt um die Teilnahme am KiboCube-Programm, einer der Fördermöglichkeiten der „Access to Space 4 All“-Initiative – und erhielten eine Zusage. Die Kosten für den Start des Satelliten werden nun vom UN-Büro UNOOSA sowie der japanischen Weltraumagentur JAXA übernommen, die den Satelliten mit ihrem in der Internationalen Raumstation ISS installierten Kibo-Modul – einer Art Roboterarm – ins All bringen soll.

Internationale Förderung als Qualitätssiegel

Mit dem KiboCube-Programm will UNOOSA nicht nur die Einstiegshürde für die Entsendung von Kleinsatelliten senken, sondern auch das Wissen um Design und Konstruktion von Weltraumtechnik fördern. In Guatemala wurde dieses Ziel mit der Entwicklung von „Quetzal-1“ bereits erreicht: Mehr als 100 Professor*innen, Studierende und Freiwillige von der Universidad del Valle de Guatemala waren in den vergangenen Jahren an der Entwicklung des Satelliten beteiligt. Die Teilnahme am KiboCube-Programm gab dem Team nicht nur finanziellen Rückenwind. “Die internationale Förderung war für uns auch eine Art Qualitätssiegel und hat uns gezeigt, dass wir international mithalten können“, erläutert Co-Direktor Luis Zea.

Auch wenn Kleinsatelliten für viele Industriestaaten längst zum Alltag zählen, haben Zea und sein Team von Studierenden der Universidad del Valle in Guatemala mit der Entwicklung des „Quetzal-1“ Neuland betreten. Denn trotz der Förderung durch das KiboCube-Programm fehlte es den Wissenschaftler*innen nicht nur an ausreichendem Budget, sondern auch an Erfahrung mit der Entwicklung eines Satelliten. Selbst von der guatemaltekischen Regierung gab es keine finanzielle Unterstützung. Doch das Team machte aus der Not eine Tugend: Wo andere Universitäten teure Spezialteile einfach einkaufen können, entwickelten die Forscher*innen der Universidad del Valle die meisten Komponenten einfach selbst.

Keine finanzielle Unterstützung von der Regierung

Schon 2014 hatte die Gruppe um den guatemaltekischen Weltraumingenieur mit dem Projekt begonnen. Die Studierenden entwarfen das Design und entwickelten das komplexe technische Innenleben von „Quetzal-1“. Der nun fertige Satellit gehört zur Klasse der so genannten CubeSats, die sich aus einer oder mehreren würfelförmigen Baueinheiten von nur zehn Zentimeter Kantenlänge zusammensetzen.

Als die Trägerrakete mit dem Kleinsatelliten Anfang März am Cape Canaveral an den Start ging, war Luis Zea, der heute an der University of Colorado in den USA arbeitet, natürlich mit dabei. Später dann, wenn „Quetzal-1“ von der Internationalen Raumstation ISS aus auf die Erdumlaufbahn gebracht wird, wird das Entwicklerteam im Kontrollzentrum an der Universidad del Valle in Guatemala gespannt darauf warten, welche Informationen der Satellit an die Erde sendet. Doch neben der technologischen Entwicklung geht es bei dem Projekt noch um etwas anderes: „Wir wollen die Mentalität der Menschen ändern, indem wir ihnen zeigen, dass auch wir in einem Entwicklungsland wie Guatemala all die Dinge erreichen können, die für die entwickelten Staaten längst selbstverständlich sind“, sagt Weltraumingenieur Luis Zea.

Quetzal-1 zeigt: Auch ein Entwicklungsland kann viel erreichen

Tatsächlich ist Guatemala in ganz Zentralamerika nach Costa Rica erst das zweite Land, das einen eigenen Satelliten in den Orbit schickt. Doch auch für Länder des globalen Südens ohne eigene Satellitenprogramme gibt es schon heute Möglichkeiten, im Weltraum erfasste Daten zu nutzen. Zum Beispiel über das UN-Programm SPIDER – eine Plattform der Vereinten Nationen für raumfahrtgestützte Informationen für Katastrophenmanagement und Notfallmaßnahmen (Space-based information for Disaster Management and Emergency Response).

„Unsere Mission ist es, den Entwicklungsländern das Know-How zu vermitteln, damit diese Satellitenbilder der Industrienationen nutzen und auswerten können“, erklärt Juan Carlos Villagrán, der Direktor von UN-SPIDER. Das Programm greift auf europäische oder US-amerikanische Satellitendaten zurück, zum Beispiel aus dem europäischen Erdbeobachtungsprogramm Copernicus. Doch auch wenn der Zugang zum Programm kostenlos ist und jedem Land offensteht – bevor die Satellitendaten sinnvoll verwendet werden können, müssen die lokalen Stellen weitergebildet werden.

„Die Katastrophenschutzbehörden haben keine Erfahrung im Umgang mit diesen Anwendungen, sie wissen nicht, wie man die Satellitendaten verwenden kann, und deshalb müssen wir sie dafür sensibilisieren“, sagt Villagrán. Also organisiert er Workshops, um dem Behördenpersonal zu zeigen, wie man aus den Satellitenbildern wichtige Daten gewinnen kann. Auch Guatemala nutzt die Satellitendaten, die UN-Spider bereitstellt – zuletzt zum Beispiel, um die Folgen eines verheerenden Vulkanausbruchs im vergangenen Jahr besser abschätzen zu können.

Für Guatemala ist aber auch das eigene Satellitenprogramm mit dem Start von „Quetzal-1“ keineswegs beendet. Denn zum Gewinner der aktuellen Runde des KiboCube-Programms wurde das zentralamerikanische Integrationssystem SICA (Sistema de Integración Centroamericana) gekürt – eine Art EU Mittelamerikas. Die Organisation will nun einen eigenen Kleinsatelliten entwickeln, um Waldbrände in der Region besser beobachten und dokumentieren zu können. Mit dabei sind Ingenieure der zwei zentralamerikanischen „Satelliten-Nationen“: Costa Rica – und natürlich Guatemala.

Zu dem Artikel gibt es einen Podcast, den ihr hier hören könnt.

CC BY-SA 4.0 Satellit der Hoffnung von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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