Zwei argentinische Mädchen von Spezialeinheit ermordet

Foto: La Tribu

(Quito, 07.09.2020, alai).- Am 2. September kamen zwei elfjährige Mädchen aus Argentinien in einem mutmaßlichen Gefecht zwischen dem Sondereinsatzkommando FTC (Fuerzas de Tareas Conjuntas) und der kommunistischen Guerrilla-Organisation EPP (Ejército del Pueblo Paraguayo) ums Leben. Das argentinische Außenministerium verlangt nun  Aufklärung der Umstände sowie die Identifizierung der Verantwortlichen durch die paraguayischen Behörden.

Falsos positivos

Die Konfrontation ereignete sich im Nordosten des Landes, in Yby Yaú im Bundesstaat Concepción nahe der Grenze zu Brasilien. Laut einer ärztlichen Untersuchung wies die Leiche des einen Mädchens sechs und die andere zwei Einschussverletzungen auf. Sie wurden rasch beerdigt, ohne dass ihre Identität festgestellt wurde. Nach dem Vorbild der „Falsos Positivos” in Kolumbien wurden ihnen Uniformen angezogen und Waffen in die Hände gelegt, um einen gewaltsamen Zusammenstoß zu simulieren. „Falsos positivos“ bedeutet so viel wie „gefälschte Fahndungserfolge“ und bezieht sich auf die ruchlose Praxis kolumbianischer Soldaten, Zivilist*innen erst zu ermorden und anschließend als Terrorist*innen auszugeben, um die entsprechenden Belohnungen (Prämien, Beförderungen etc.) zu kassieren.

Der forensische Bericht steht teilweise im Widerspruch zu den Angaben, die vorher von der Staatsanwaltschaft gemacht wurden. Die mit dem Fall betraute Richterin hatte weder der Mutter der Kinder noch deren Anwältin erlaubt, an dem juristischen Verfahren teilzunehmen. Währenddessen ordnete die Interamerikanische Menschenrechtskommission CIDH an, die angebliche Militäroperation zu untersuchen.

Das argentinische Außenministerium wies die ungerechtfertigten Äußerungen des paraguayischen Generals Héctor Grau, dass Argentinien zu einem Rückzugsort für die Soldaten der paraguayischen Guerillabewegung EPP mutiere, klar zurück. Argentiniens Außenminister Felipe Solá forderte des Weiteren die Aufklärung der Umstände, die zum Tod von Lilian Mariana und María del Carmen Villalba geführt hatten.

Minderjährige Opfer vermutlich brutal ermordet

Die offizielle Pressemitteilung der paraguayischen Regierung lautete: „Es wird bestätigt, dass in einer Konfrontation mit der Sondereinsatztruppe FTC zwei weibliche Minderjährige niedergeschossen wurden, nach Einschätzung der Anti-Entführungseinheit der Staatsanwaltschaft waren die Personen 15 bzw. 17 Jahre alt.“ Die argentinischen Behörden sahen es jedoch als wenig glaubhaft an, dass die Zeugen der Auseinandersetzung nicht auf das junge Alter der Opfer hingewiesen hätten. Daneben bezeichneten sie die Vorwürfe Paraguays als absurd.

Die paraguayischen Behörden baten um die Zusammenarbeit mit Argentinien, nachdem es ihnen nicht möglich gewesen war, die Opfer zu identifizieren. Argentinische Gerichtsmediziner*innen konnten sodann auf Grundlage der erhaltenen Informationen durch eine Abfrage des nationalen Personenregisters feststellen, dass es sich bei den Mädchen tatsächlich um zwei Argentinierinnen handelte.

„Erneut wird es den Angehörigen untersagt, die Leichen zu sehen, um die begangenen Grausamkeiten zu vertuschen. Wahrscheinlich haben sie Angst, ich könnte merken, was die Soldaten mit den Mädchen angestellt haben. Uns wurden sogar Informationen zugespielt, die besagen, dass die Mädchen brutal gefoltert wurden und sichtbare Spuren von Verbrennungen am Körper tragen“, ließ die Anwältin Daysi Irala verlauten.

Die paraguayischen Behörden bezeichnen das EPP als terroristische Organisation, die durch Entführungen Lösegeld erpresst, tötet, zu verschiedensten Mitteln greift, um Terror zu verbreiten und Kinder als Soldat*innen rekrutiert. Einige paraguayische Medien hegen jedoch Zweifel an dieser Version und vermuten hinter dem EPP eine Gruppierung zur Aufstandsbekämpfung, die durch Spezialeinheiten der USA trainiert wurde, die seit 2005 in Paraguay stationiert sind und weitestgehend Immunität genießen, sofern sie zugunsten der Regierung und der Großgrundbesitzer handeln.

Regierung Paraguays in Erklärungsnot

Der paraguayische Präsident Abdo Benítez, durch zahlreiche Korruptionsvorwürfe gegen seine Regierung und durch seine Unfähigkeit, die Ausbreitung von Covid-19 zu stoppen, in Bedrängnis geraten, behauptete, das EPP hätte das Leben der beiden Mädchen auf feige und leichtsinnige Weise aufs Spiel gesetzt. Das Phantom EPP taucht jedes Mal auf, wenn die Regierung die Aufmerksamkeit von den eigentlichen Problemen des Landes ablenken will.

Laut den Angehörigen ist dies alles ein Täuschungsmanöver des Militärs, um von der Tatsache abzulenken, dass hier ein Massaker verübt wurde. Sie fügten ihrer Kritik hinzu, dass die Staatsanwaltschaft der Verbrennung der Uniformen und dem Begräbnis der Leichen nur wenige Stunden nach der Auseinandersetzung zugestimmt hätte. Weiter nahmen sie die Entschuldigung des Staatsanwaltes Delfino nicht an, der aussagte, dass die notwendigen Untersuchungen erfolgt seien und darüber hinaus den gesundheitlichen Vorschriften bezüglich des Coronavirus Folge geleistet wurde.

„Die 2013 gegründete FTC wird vom Staat mit 300.000 US-Dollar pro Monat finanziert. Es ist absolut unglaubwürdig, dass eine Eliteeinheit keinen Einsatz filmen kann. Seit Jahren dokumentieren wir bereits ihre Misshandlungen, außergerichtlichen Hinrichtungen und die Fälschung von Beweisen“, so der Anwalt Juan Martín Molas.

Übersetzung: Miriam Blaimer

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