Ultrarechte Bürgermeister*innen bedrohen Kultur und Gedenkstätten

Dionisia Calderón Arellano, unter der Regierung Fujimori zwangssterilisiert, am Gedenkort „El Ojo que llora“.
Foto: Sreenshot, Minkaprod via wikimedia
CC BY-SA 3.0

(Lima, 9. Januar 2023, Servindi).- Seitdem rechte Parteien in Perus Hauptstadt Lima an die Macht gekommen sind, widmen sie sich der Zerstörung von Kulturgütern und versuchen systematisch, Gedenkorte aus der Hauptstadt zu verbannen. Das Wandgemälde von Máxima Acuña wurde bereits übermalt, doch damit nicht genug. Jetzt planen Bürgermeister*innen, das Museum des Gedenkens (Lugar de la Memoria) den staatlichen Streitkräften zu widmen. Die symbolträchtige Gedenkanlage “Das weinende Auge” zu Ehren der Opfer interner bewaffneter Konflikte soll am besten ganz verschwinden.

„Symbol des Hasses“: Wandbild der Umweltaktivistin Acuña übermalt

Das erste Anzeichen für diese Reihe an Angriffen auf die Kultur Perus gab es im Distrikt Barranco im Süden Limas. Dort befand sich ein Wandgemälde der Bäuerin Máxima Acuña. Seitdem sie vor etwa zehn Jahren ihr Land erfolgreich gegenüber Goldminen-Betreiber*innen verteidigte, wird Acuñas als Nationalheldin gefeiert. 2016 erhielt sie wegen ihres unerbittlichen Kampfs im Rechtsstreit gegen große Konzerne auch den Umweltschutzpreis Goldman. Am 5. Januar ließ die neue Bürgermeisterin Barrancos, Jessica Vargas von der ultrarechten Partei Renovación Popular (Erneuerung des Volkes, RP) als erste Amtshandlung das Gemälde mit einer dicken, gelben Farbe überstreichen. Das Wandgemälde war erst 2021 entstanden. Es steht stellvertretend für den Einsatz der vielen unbekannten Frauen, die für das Recht ihrer Familien und Gemeinschaft kämpfen. Die Stadt beauftragte seinerzeit den Künstler Erick Cárdenas im Rahmen der Feierlichkeiten um den 200. Unabhängigkeitstag Perus. Warum das Gemälde überstrichen wurde, lässt sich eigentlich nur mit der Perspektive der extremen Rechten erklären, die es als ein Symbol für “Hass” und die “Polarisierung” begreift. So zumindest äußerte sich der Kongressabgeordneten Alejandro Cavero in einem Tweet, in dem er die Entscheidung Jessica Vargas’ begrüßte. “Eine Regierung muss alle Menschen einbeziehen, ohne Ideologie oder Manipulation”, ergänzte er. In Wahrheit aber denken nicht alle im Distrikt Barranca so, deshalb fand sich am 8. Januar eine Gruppe von Anwohner*innen auf dem Marktplatz ein, um gegen das Attentat auf die Kultur zu protestieren. Während der Proteste erinnerte man auch an Rosa Guzmán León. Die afroperuanische Sängerin hatte Peru bei der Grammyverleihung repräsentiert. Auch ihr Wandgemälde im Distrikt Barranco war übermalt worden.

„Es reicht mit diesen Museen des Gedenkens“

Den extremen Rechten scheint das nicht genug. Ihr neues Ziel sind zwei weitere Symbole des peruanischen Geschichte. Der Protagonist hier: Limas Bürgermeister Rafael López Aliaga, ebenfalls Politiker der RP. Ihm ist das Museum des Gedenkens, der Toleranz und der Sozialen Inklusion (Lugar de la Memoria, la Tolerancia y la Inclusión Social, kurz: LUM) ein Dorn im Auge. „Es reicht mit diesen Museen des Gedenkens und der Versöhnung, die nichts mit Gedenken oder Versöhnung zu tun haben. Das predigen sie zwar, ihre Mentalität ist aber die eines Blutbads”, behauptete er kürzlich in einer Rede. Das Museum wird vom Kulturministerium Perus verwaltet. Es stellt einen pädagogischen und kulturellen Ort des Gedenkens dar. Die Ausstellung fokussiert auf den bewaffneten Konflikt in Peru zwischen 1980 und 2000. Laut López Aliaga verfälscht der der Ort die Geschichte: „In ihrer verlogenen Darstellung vermitteln die Exponate den Eindruck, als seien die Streitkräfte Perus und die Polizei die wahren Aggressoren”.

Das weinende Auge

Gleichermaßen betroffen ist “Das weinende Auge”. Diese Skulptur steht im Park Campo de Marte im zentralen Distrikt Jesús Maria. Sie ehrt die Opfer des internen bewaffneten Konflikts und bewahrt das Andenken an sie. Verärgert über die Erinnerungen, die diese Orte wahren wollen, schlug der Bürgermeister vor, dass dort stattdessen der Streitkräfte und der Polizei gedacht werden solle – der Gegenpartei des Konflikts. „Sie sollten uns die Geschichte so erzählen, wie sie stattgefunden hat. Und wer ist dafür besser geeignet, uns zu erzählen, was es bedeutet, für unser Land zu kämpfen, als die Streitkräfte und die Polizei selbst?”, fügte der Bürgermeister hinzu. In ihrem Abschlussbericht spricht die Wahrheits- und Versöhnungskommission von etwa 69.000 Menschen, die bei den Binnenkonflikten ihr Leben verloren. 46 Prozent davon seien der Sendero Luminoso zuzuschreiben, 30 Prozent gehen auf das Konto der staatlichen Sicherheitskräfte. Die Untergrundgruppe hat zweifellos viele Massaker zu verantworten. Dennoch werden dadurch nicht die Verbrechen beseitigt, die das Militär im Rahmen der Strategie der verbrannten Erde begangen hat – darunter die Morde an Verdächtigen wie Unschuldigen.

Übersetzung: Patricia Haensel

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