Von Ampelaktionen und Feuerlöschern

Eine Frau demonstriert in Buenos Aires. Auf ihrem SChild steht: Unterstützt die Rentner*innen.
Foto: Silvia Inés Buder

(Buenos Aires/Berlin, im Dezember 2025, npla).-  Buenos Aires Ende 2025, es ist heiß in der argentinischen Hauptstadt. Ein Dutzend Rentnerinnen und Rentner in T-Shirts, kurzen Hosen und mit Trillerpfeifen überquert betont langsam eine Straßenkreuzung. Die rüstigen Aktivist*innen halten Plakate und Transparente in die Höhe. „Jubilados en defensa propia“ – Rentner*innen verteidigen sich selbst, steht da zum Beispiel geschrieben. Silvia Inés Buder, weit über siebzig Jahre alt, ist eine der Protestierenden und sagt: „Jublilados en defensa propia ist ein überparteilicher Zusammenschluss. Jeder kann mitmachen. Unser gemeinsames Ziel ist es, die staatliche Rente zu verteidigen. Diese Rente wird über die Sozialversicherungsbehörde ANSES ausgezahlt und ist Teil des argentinischen Sozialstaats.“

Kürzungen bei den staatlichen Renten

Der argentinische Sozialstaat im Allgemeinen und die staatlichen Renten im Besonderen stehen unter Beschuss durch die rechts-libertäre Regierung unter Präsident Javier Milei. Im September 2024 legte Milei sein Veto gegen ein vom Kongress verabschiedetes Rentengesetz ein. Dieses Gesetz sollte die staatlichen Renten wenigstens etwas verbessern, da deren Kaufkraft durch die Preissteigerungen und Geldentwertung massiv gelitten hatte. Ein Affront, der Milei auch international viel Kritik einbrachte. Seitdem organisieren Rentner*innen-Gruppen vermehrt Proteste gegen diese sozialen Kürzungen.

Ampelaktion statt Demonstration

Die kreative Aktionsform von Silvia und ihren Mitstreiter*innen nennt sich „Semaforazo“ und leitet sich ab vom spanischen Wort für Ampel („semáforo“). Der Semaforazo ist der Tatsache geschuldet, dass es immer mehr Einschränkungen für offizielle Kundgebungen und Demonstration in Argentinien gibt: „Wir machen ja keine Blockaden, sondern halten lediglich beim Überqueren unsere Banner und Plakate hoch und machen Lärm, solange die Ampel auf Grün steht“, so Aktivistin Buder. Und, so ihre Beobachtung, die Zustimmung der Passant*innen nehme kontinuierlich zu: „Immer mehr Menschen unterstützen uns mit Hupen und Applaus. Wenn die Ampel wieder rot ist, fragen uns Menschen auf der anderen Straßenseite, wie man uns kontaktieren kann.“

Zwei Drittel der Rentner*innen in Argentinien sind arm

Etwa sieben Millionen Rentner*innen gibt es in Argentinien, zwei Drittel von ihnen beziehen nur die Mindestrente – unter dreihundert Euro bei Lebenshaltungskosten fast so hoch wie in Deutschland. „Das reicht nicht mal zum Busfahren, zur Demo gehen, oder auch einfach die Enkelkinder besuchen. Diese Menschen stehen vor der Wahl: Gebe ich meine Rente für etwas zum Essen aus oder für wichtige Medikamente, die es nicht mehr kostenlos gibt. Und wenn sie die Arzneien kaufen, dann nehmen sie nur die halbe Dosis ein, damit sie länger halten“, erzählt Buder. Viele argentinische Rentner*innen sind von Suppenküchen oder der Unterstützung durch Verwandte abhängig. Doch ihre Armut führe nicht dazu, dass sich immer mehr von ihnen den Protesten anschließen, führt Buder aus: „Nur wenige von uns kommen von allein, also ohne parteipolitischen Hintergrund. Das Gros der Rentner*innen bleibt fern – aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch, weil sie einfach resignieren, weil alles seit Jahren eh immer nur schlimmer wird. Sie bleiben zu Hause und werden immer frustrierter, ängstlicher und einsamer. Hinzu kommt, das Protestieren ja auch zunehmend körperlich anstrengend ist, wenn man siebzig oder achtzig Jahre alt ist.“ Sie selbst ziehe dennoch Kraft und Energie aus ihrem Aktivismus: „Es ist meine Art zu leben: mich in die Gesellschaft einbringen. Das war im Berufsleben als Sozialarbeiterin schon so und ist jetzt nicht anders. Ich leite außerdem ein Sozialzentrum für Rentner*innen und mache Stadtteilarbeit. Ich habe Zeit. Und anders als viele andere habe ich nicht so schlimme Geldsorgen und bin noch recht fit für mein Alter. Ich mach einfach was ich kann.“

Berliner Kundgebung gegen „rechte Gesellen“

Szenen- bzw. Straßenwechsel. Knapp zwölf tausend Kilometer von Buenos Aires entfernt, in Berlin Südwest. Es ist kalt und regnerisch Mitte November, ein ganz anderes Klima als in Argentinien. An der Ecke Schlossstraße/Kieler Straße im Bezirk Steglitz demonstrieren einmal im Monat die „OMAS GEGEN RECHTS“ gegen Wissenschaftsfeindlichkeit und Querdenker, die sich auf dem Mittelstreifen dieser vielbefahrenen Hauptstraße versammelt haben – eine Aktion, die seit bereits seit dreieinhalb Jahren so stattfindet. „Wir wollen einfach darauf aufmerksam machen, dass es sich dabei um Wissenschaftsfeinde und sehr rechte Gesellen handelt“, sagt Friederike, genannt Rike. Sie ist Ende sechzig und seit über einem Jahr Teil der Ortsgruppe Südwest. Rund dreißig Frauen und auch ein paar Männer sind heute trotz Wind und Dauerregen hierhergekommen. „Ja, das war anfangs umgekehrt. Da waren die sehr viele, so dreißig, vierzig. Wir waren zehn. Jetzt sind wir eher so dreißig-vierzig und die da drüben, die sind fast einstellig geworden,“ ergänzt Rikes Mitstreiterin Franzi.

Neben Plakaten in aller Form und Größe und Schirmen mit dem Logo der Omas gegen Rechts tragen die Demonstrat*innen bunte Strickmützen auf dem Kopf, so genannte „Pussyhats“. Diese seien, so Rike, von der Funktion her weniger Mützen als ein feministisches Statement und aus den USA übernommen, wo diese Kopfbedeckung vor allem beim großen Women’s March 2017 gegen die Regierung der ersten Amtszeit unter Präsident Donald Trump omnipräsent war.

Eine dezentral organisierte Bewegung

Omas gegen Rechts entstand ursprünglich 2017 in Österreich und schwappte wenig später auch nach Deutschland über. Die Bewegung ist dezentral organisiert – jede Ortsgruppe ist ein bisschen anders, setzt eigene Schwerpunkte. Gemeinsam ist allen der Kampf gegen jede Ideologie der Ungleichwertigkeit. Für die unantastbare Menschenwürde. Für den Erhalt von Vielfalt und demokratischen Errungenschaften. Rike berichtet: „Ich habe davon gehört, dass es immer mehr wurden und die Bedrohung unserer Demokratie ist auch immer größer geworden. Und dann bin ich zu dem Treffen nach Südwest gegangen und war sehr beeindruckt von der reflektierten und feinfühligen Art, mit der dort politisch diskutiert wird.“

Ähnlich wie die protestierenden Rentner*innen in Argentinien finden die Omas gegen Rechts viel Zuspruch von Passant*innen – obwohl viele hier in dieser weniger Wohn- als Einkaufsgegend nur auf dem Weg nach Hause von der Arbeit sind oder schnell noch ein paar Besorgungen machen. Die Flyer mit den Infos zu den Querdenkern und wie man diesen argumentativ entgegentreten könne, werden gern entgegengenommen. Eine Passantin dankt den Protestierenden ganz offensiv, dass diese sie seit dreieinhalb Jahren „nicht mit diesen Schwurblern allein lassen.“

„Man fühlt sich wie ein Feuerlöscher“

Rike, studierte Volkswirtschaftlerin, hat sich ihr politisches Leben im Alter eigentlich anders vorgestellt. „Man fühlt sich so als Feuerlöscher, von Wahl zu Wahl. Ich hätte das nie gedacht. Also ich mache jetzt noch ein anderes Ehrenamt in einem Weltladen, damit man da eher weiter kommt mit Lieferkettengesetzen, mit Gerechtigkeitsvorstellungen weltweit. Und das ist zurzeit überhaupt nicht so im Fokus der Auseinandersetzung. Und auch da ist ja ein Rollback sondergleichen zu beobachten. So dass man jetzt sagen muss: Wir müssen erst unsere Demokratie retten…“

Globale Zusammenhänge und Solidarität

Die globalen Zusammenhänge hat Rike durchaus im Blick, über die rechte Regierung in Argentinien und die dagegen protestierenden Rentner*innen hat sie gelesen und würde die gern mal kennenlernen. Rentneraktivistin Silvia aus Buenos Aires sieht in den Omas gegen Rechts in Berlin ebenfalls Verbündete: „Ich finde die Omas gegen Rechts richtig klasse, was ich so gehört habe. Auf der ganzen Welt gibt es ältere Menschen, die für eine bessere Gesellschaft eintreten. Denn dieser Kampf kennt kein Alter.“

Einen Audio-Beitrag zu diesem Thema findest du hier.

CC BY-SA 4.0 Von Ampelaktionen und Feuerlöschern von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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