
(São Paulo, 10. August 2025, Agência Pública).- Der Vatertag wird in verschiedenen Ländern an unterschiedlichen Tagen und mit unterschiedlichen Traditionen gefeiert. In Brasilien wird er am zweiten Augustsonntag begangen, mit der kommerziellen Idee, der Vaterfigur, wie sie üblicherweise den Männern zugeschrieben wird, Geschenke zu machen. Daten zeigen jedoch, dass diese sich häufig teilweise oder vollständig der Verantwortung für die Betreuung entziehen, die dann auf die Frauen zurückfällt.
Laut Arpen-Brasil, dem Nationalen Verband der Standesbeamten, wurden allein im Jahre 2024 in Brasilien 91.000 Geburtsurkunden ohne den Namen des Vaters ausgestellt. Und der Volkszählung von 2022 zufolge gibt es beinahe sechsmal mehr alleinerziehende Mütter als Väter, die im Land die Elternschaft alleine übernehmen.
In der Woche, in welcher der Vatertag begangen wird, analysieren wir in der 180. Folge des Podcasts Pauta Pública diese brasilianische Realität und diskutieren darüber, was es tatsächlich heißt, die Vaterrolle wahrzunehmen, wenn man Verantwortung übernimmt. Unser Gesprächspartner ist Humberto Baltar, Elternberater und Gründer des Kollektivs Pais Pretos Presentes (präsente schwarze Eltern). Er regt eine Reflexion über das Thema an, die über die Abwesenheit des Vaters hinausgeht und das traditionelle Modell hinterfragt.
Baltar verteidigt eine Vaterschaft, die über das bloße Bereitstellen von Ressourcen hinausgeht, und Gesundheit, Emotionalität und alle Aspekte berücksichtigt, die mit der Fürsorge und den Verletzlichkeiten im Umgang mit anderen verbunden sind, was er affektive Vaterschaft nennt. Er sagt, es sei „unmöglich, in Brasilien über die Abwesenheit des Vaters zu sprechen, ohne die ethnische Dimension zu berücksichtigen.“ Laut dem Pädagogen kann die Tatsache, dass viele Männer kein Vorbild für diese Art von Vaterschaft haben, diesen Prozess noch schwieriger gestalten. „Viele Männer fliehen vor dieser Rolle, weil sie keinerlei Erfahrung mit oder Verbindung zu dieser Art der Fürsorge haben. Und weil sie diese Erinnerung nicht haben, tut es weh, daran denken und sich damit auseinandersetzen zu müssen“, ergänzt er.
Lest die wichtigsten Punkte des Interviews und hört den Podcast in voller Länge auf Portugiesisch.
Was hat dich dazu gebracht, die Flagge der Vaterschaft zu hissen, über die in Brasilien noch so wenig diskutiert wird?
Was mich zuerst motiviert hat, war, dass ich überhaupt kein Repertoire hatte, um meinen Sohn emotional zu versorgen. Wir lernen, dass der Vater der Versorger zu sein hat, der die Rechnungen bezahlt und Kleidung und Lebensmittel kauft. Anders gesagt, wir lernen, dass wir die Rolle des Mannes als finanzieller Versorger ausfüllen sollen. Aber sehr wenig bis gar nicht wird darüber gesprochen, dass ein Mann sein Kind mit Fürsorge, mit emotionaler Gesundheit, mit Lebensqualität versorgt.
Ich hatte einen Vater, der genau dieses Modell erfüllte: Er gab mir Sachen, er gab mir eine hervorragende Bildung, Spielzeug und Kleidung. Aber Gespräche über meine Gefühle, Unsicherheiten, Ängste und sogar Ausdrücke der Zuneigung waren ausgesprochen selten in meiner Beziehung zu meinem Vater. Als ich dann 2018 erfuhr, dass ich selbst Vater werden würde, fühlte ich mich verloren, weil ich nicht über das emotionale Repertoire verfügte, ein Kind großzuziehen. Auch beschäftigte mich die Geschlechterfrage, weil es ein Junge war und wir nicht lernen, einem anderen Mann Zuneigung zu zeigen, denn uns wird beigebracht, dass Zuneigung etwas Weibliches sei.
Weil ich mich nicht erinnern konnte, dass mein Vater zum Beispiel „ich liebe dich“ sagte oder mich streichelte oder liebkoste, hatte ich keine dieser emotionalen Erinnerungen an meinen Vater und erkannte, dass ich das nicht einfach meinen Sohn weitergeben wollte, weil ich wusste, wie sehr mir das gefehlt hat. Das war der zweite Punkt, der mich zu dieser Frage führte, wirklich über eine Vaterschaft nachzudenken, die ich als aktiv, affektiv und effektiv betrachte.
Ein dritter Punkt war die Frage der rassismuskritischen Kompetenz (Racial Literacy). Ich verfügte über kein rassenbezogenes Repertoire, um meinen Sohn zu stärken. Das ist eine Sache, die mich sehr beunruhigte, weil ich genau zu der Zeit, als ich von meiner Vaterschaft erfuhr, in den sozialen Netzen auf rassistische Angriffe auf ein gerade mal zwei Jahre altes Mädchen stieß. Das beunruhigte mich sehr, weil ich überlegte, wie ich mit dieser Situation umgehen sollte. Diese Zweifel hatte ich, weil ich über kein Repertoire verfügte, denn in meiner Familie wurde tatsächlich niemals über afrikanische Abstammung oder über das Erbe der afrikanischen Wiege der Zivilisation gesprochen. Diese Punkte waren also zentral für meine Reflexionen über Vaterschaft.
Wie sieht es mit der Elternbildung aus?
Elternbildung ist in Brasilien noch sehr elitär. Nur damit Sie eine Vorstellung bekommen, mein Aufbaustudium am Reis de Amparo kostete 9.000 Real (etwa 1.400 Euro) und ich konnte es nur machen, weil ich ein Stipendium von den Eigentümern dieses Instituts erhielt.
Denn welcher Mensch hat schon das Geld für einen Kurs, der positive Disziplin, bindungsorientierte Erziehung, gewaltfreie Kommunikation und emotionale Trauer lehrt? Das sind ausgesprochen wichtige Konzepte, die man in diesem Kurs lernt, und die die meisten von uns völlig ignorieren, insbesondere die schwarze Gemeinschaft.
[Das Stipendium] war grundlegend dafür, dass ich diesen Zugang hatte und über das Kollektiv an unsere schwarzen, armen, sozial benachteiligte Familien weitergeben konnte. Heute arbeite ich in der öffentlichen Politik und bringe Konzepte der Elternbildung armen Familien näher, die das Zentrum der primären Gesundheitsversorgung aufsuchen. Ich bin ein Projektberater des Instituts ProMundo [eine brasilianische NGO, die eine fürsorgliche Männlichkeit fördert und sich für Geschlechtergerechtigkeit, Gewaltprävention und die Menschenrechte einsetzt – Anm. d. Übers.], bin schon seit zwei Jahren für sie tätig, und was mich dazu brachte, diese Arbeit zu übernehmen, war, als wir 2021 Daten über schwarze Väter in Brasilien suchten und entdeckten, dass es keine Daten gibt.
Also haben wir uns zusammen mit anderen Familien vom Kollektiv Pais Pretos dem Institut ProMundo angeschlossen und eine Studie in ganz Brasilien durchgeführt, um Daten zur schwarzen Vaterschaft zu erhalten, und 2021 konnten wir den ersten Bericht zur schwarzen Vaterschaft in Brasilien verfassen. Dieses Dokument zu erstellen war sehr wichtig, denn endlich haben wir Daten zu dieser Art von Vaterschaft und fangen an zu verstehen, welche Auswirkungen das Fehlen einer Elternbildung hat. Ich setze mich dafür ein, dass Elternbildung Teil der öffentlichen Politik wird, denn ich glaube, dass dies ein dringendes Problem ist und sogar die öffentliche Gesundheit in diesem Land betrifft.
Gegenwärtig beobachten wir einen bedeutsamen Anstieg der Zahl der Familien mit einem Elternteil, die größtenteils aus Müttern mit Kindern bestehen. Was erklärt dieses Phänomen der väterlichen Abwesenheit und welche Rolle spielt der strukturelle Rassismus dabei?
Meiner Ansicht nach ist eines der Schlüsselwörter zum Verständnis dieses Phänomens die Normativität, diese Auferlegung eines als „richtig“ angesehenen Modells des Seins und Lebens, das historisch durch Machtstrukturen wie den Kolonialismus geformt wurde. Wir erleben heute noch die Auswirkungen von Sklaverei und Kolonialherrschaft, was zu einer tiefen Identitätskrise in Brasilien führt.
Dies beeinflusst direkt die Entwicklung der Vaterschaft. Wie kann eine affektive, fürsorgliche und effektive Vaterschaft ausgeübt werden, wenn die Männer oft über keinerlei emotionales Repertoire dafür verfügen? In meinem Fall zum Beispiel ist alles, was ich heute mit meinem sechsjährigen Sohn erlebe, komplett neu. Wenn ich ihn bade, mache ich etwas, das keinerlei Bezug zu meiner eigenen Geschichte hat, weil es etwas darstellt, was ich nicht hatte.
Viele Männer vermeiden diesen Bereich der Fürsorge nicht aus mangelnder Bereitschaft, sondern weil sie nicht wissen, wie sie einen emotionalen Zugang dazu bekommen können. Die Studie das Instituts ProMundo aus dem Jahr 2020 zeigt, dass viele Väter gerne bei der Erziehung ihrer Kinder präsenter wären, es aber nicht schaffen, weil sie nicht wissen, wie sie das machen sollen bzw. weil sie nicht das nötige Repertoire besitzen. Diese Unkenntnis ist nicht nur rational, sie ist emotional und oftmals ist sie mit schmerzhaften Erinnerungen oder dem völligen Mangel an Bezugspunkten verbunden.
Die männliche Sozialisierung trägt auch zu dieser Distanzierung mit bei. Während Mädchen von klein an dazu angeregt werden, sich um Puppen zu kümmern und Spiele zu spielen, die mit Mutterschaft und Zuneigung zu tun haben, was bekommen Jungen? Spielzeugwaffen, Schwerter, Schilde. Wenige werden dazu angeregt, sich um andere zu kümmern, sich emotional mit anderen zu verbinden, eine affektive Bindung zu anderen aufzubauen. Anstelle dessen wird ihnen beigebracht, das Weinen „Mädchenkram“ sei und Verletzlichkeit ein Synonym für Schwäche.
Außerdem ist, selbst wenn es einen physisch anwesenden Vater im Haushalt gibt, seine Beteiligung an der Kinderbetreuung gewöhnlich begrenzt. In vielen Familien übernehmen die Männer nur dann Aufgaben, wenn sie von ihren Partnerinnen dazu aufgefordert werden, und die ganze mentale Last der Betreuung bleibt bei den Frauen. Es sind meistens immer noch sie, die den Tagesablauf organisieren, die einen Überblick über die Details der Gesundheit und der Bedürfnisse der Kinder haben, die den Alltag des Nachwuchses managen.
Schließlich ist es unmöglich, in Brasilien über die Abwesenheit des Vaters zu sprechen, ohne die ethnische Dimension zu berücksichtigen. Der schwarze Mann wird in der vorherrschenden sozialen Logik nicht als vollwertige menschliche Figur anerkannt. Wie schon Frantz Fanon [ein aus Martinique stammender französischer Psychiater, Politiker, Schriftsteller und Vordenker der Entkolonialisierung, der 1925-1961 lebte – Anm. d. Übers.] festgestellt hat, wird der schwarze Mann nicht als Mann gesehen, sondern nur als Schwarzer, was bedeutet, dass er als Bedrohung, rohe Gewalt, hypersexualisierte oder gewalttätige Figur wahrgenommen wird. Es ist kein Zufall, dass man bei der Suche nach Bildern von „präsenten Vätern“ im Internet überwiegend weiße Männer mit ihren Kindern findet. Das Bild eines liebevollen und fürsorglichen schwarzen Vaters ist im gesellschaftlichen Bewusstsein noch unsichtbar.
Deshalb spielt der Afrofuturismus eine grundlegende Rolle in dieser Debatte. Er erlaubt es uns, die Vergangenheit neu zu interpretieren und neue mögliche Vorstellungen darüber zu entwickeln, was es bedeutet, ein schwarzer Mann, Vater und Fürsorgeperson zu sein. Nur wenn wir dieses historische Repertoire transformieren, können wir von einer anderen Zukunft träumen, mit neuen Formen des Vaterseins, die auf Zuwendung, Fürsorge und Zugehörigkeit basieren.
Übersetzung: Christa Röpstorff
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