Hasta siempre, lieber Colacho!

Colacho
„Das Land denen, die es bewirtschaften“
Der Liedermacher Daniel Viglietti 2006 bei einem Kogress der Peludos in Bella Union.
Foto: Libertinus via wikimedia
CC BY-SA 2.0

(Montevideo, 31. Juli 2026, la diaria).- Am letzten Tag im Juli verstarb Nicolás Colacho Esteves, historische Leitfigur der Zuckerrohrgewerkschaft von Artigas (UTAA). Colacho war in den 1960er Jahren als Sekretär von Raúl Sendic bei der UTAA tätig; dafür verließ er seine Heimat Paysandú und zog nach Bella Unión, eine Stadt, der er sich für den Rest seines Lebens tief verbunden fühlte. Innerhalb der Gewerkschaft kämpfte er mit Sendic für die Rechte der Zuckerrohrarbeiter*innen im Norden des Landes. Mehrmals machte er sich in die 600 km weit entfernte Hauptstadt Montevideo auf, um sich mit den Peludos zu versammeln – in einem politischen Klima voller Anspannung und staatlicher Repression, das die Stimmung in Uruguay fast drei Jahrzehnte lang geprägt hat. Auch Colacho sollte dies am eigenen Leib erfahren: 1964, als er noch der Sozialistischen Partei angehörte, widersetzte Colacho sich einmal der Anordnung eines Polizeichefs, seine Genossen vom Vorplatz des Parlamentsgebäudes zurückzuziehen, wo sich die UTAA versammelt hatte. Über seine Festnahme und Anklage wegen „Missachtung“ berichtete seinerzeit das sozialistische Parteiorgan El Sol, wie wir dank der digitalen Aufarbeitung durch das Projekt Sitios de Memoria wissen. Colacho verbrachte mehr als zwei Wochen im Gefängnis, um, wie die Zeitung ironisch anmerkt, „Abbitte zu leisten“ für seine „verbrecherische Forderung nach Gerechtigkeit und Land, wo die Bauern ihr Zuckerrohr anbauen können“. Colachos Kampfgeist sei durch seine Verhaftung kein bisschen gebrochen worden, so die Zeitung. „Einhellige Freude“ habe in der „anrührenden Bescheidenheit des Zuckerrohrlagers“ geherrscht, als die Nachricht von seiner Freilassung bekannt wurde. Der Anfrage des Blatts, ein Interview zu den Geschehnissen zu geben, erteilte Esteves eine schlichte Absage, was die Zeitung als des Kampfstrategie der Bewegung und ihrer Initiator*innenen interpretierte.

Immer bereit, die Ärmel hochzukrempeln und zu helfen

Colacho schloss sich der Nationalen Befreiungsbewegung – Tupamaros (MLN-T) an, wurde 1969 von den „Fuerzas Conjuntas“ (Streitkräften) festgenommen und verbrachte 15 Jahre im Gefängnis. Seine Inhaftierung bedeutete nicht das Ende, sondern lediglich eine Unterbrechung seines Engagements für soziale Anliegen. Nach seiner Freilassung 1985 kehrte er nach Bella Unión zurück und half im Rahmen der Demokratisierung beim Wiederaufbau der UTAA. Etwa zur selben Zeit trat er aus der MLN-T aus. Mario Thedy, eine weitere historische Persönlichkeit der Gewerkschaft, hatte Colacho ursprünglich über seinen Vater Ney kennengelernt. Aus der Begegnung erwuchs eine jahrzehntelange enge Freundschaft, die von zahlreichen gemeinschaftlichen Landbesetzungen in der Region begleitet war. Colacho habe ein unermüdliches Interesse daran gehabt, sich über die Lebensrealität der Landarbeiter*innen auseinanderzusetzen, und sich mit großem Engagement dem Kampf für eigenes Land gewidmet, so Thedy. Als eine von Colachos bemerkenswertesten Eigenschaften nennt er seine Hilfsbereitschaft, über die UTAA und die „Peludos“ hinausging und sich auf alle Kleinerzeuger*innen erstreckte, die es mit viel Mühe geschafft hatten, „ein Stück Land“ zu erwerben und nicht mehr als Lohnarbeiter*innen tätig sein mussten. Dieses Thema, das in der Region ein sehr großes und viel diskutiertes Problem darstellt, habe ihn immer sehr beschäftigt. „Wenn man ein Stück Land bekommt, ist es schwierig, den Übergang in die Selbständigkeit zu schaffen, daher waren die üblichen Gesprächsthemen: Warum haben es jene Genossen versucht und sind gescheitert, was muss man anders machen? Diese Fragen lassen uns auch nach 20 oder 25 Jahren keine Ruhe“, erinnert sich Thedy. Colacho sei „eine der tragenden Säulen“ der Bewegung für Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit gewesen in einer Region, in der „es viele Verschwundene gibt“. Er habe der Arbeitsgruppe für Wahrheit und Gerechtigkeit von Bella Unión angehört und sich mit großem Eifer um den Gedenkplatz der Stadt gekümmert. „Sein Job war es, den Rasen zu mähen, alles in Ordnung zu halten“. Ein „Arbeiter-Vorbild“ sei er gewesen, immer aktiv. „Wir sehen jeden Tag Menschen, die große Reden schwingen, aber wenn es darum geht, die Ärmel hochzukrempeln, passiert nichts. Der Alte, der war anders. Der hat die Ärmel hochgekrempelt“, erinnert sich Thedy. „Er war eine beeindruckende Persönlichkeit, immer bereit zu helfen. Es hat ihn glücklich gemacht, mich auf der Weide bei der Arbeit mit den Kühen zu sehen und zu wissen, dass ich keinen Chef hatte. Dafür hat er gelebt.“ 83 Jahre lang. Hasta siempre, amigo Colacho.

CC BY-SA 4.0 Hasta siempre, lieber Colacho! von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nachrichtenpool Lateinamerika
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.