Chihuahua: La Jornada-Korrespondentin Miroslava Breach vor ihrem Haus erschossen

Von Gerd Goertz

Miroslava Breach
Foto: Desinformémonos

(Mexiko-Stadt, 24. März 2017, npl).- Nur wenige Tage nach dem Mord an dem Journalisten Ricardo Monlui im mexikanischen Bundesstaat  Veracruz hat die Erschießung der Journalistin Miroslava Breach Velducea am Donnerstagmorgen (23. März) in der Stadt Chihuahua im gleichnamigen Bundesstaat für landesweite Bestürzung und Wut gesorgt. Die 54-jährige wartete vor ihrem Haus am Steuer ihres Autos auf ihren Sohn, den sie zur Schule bringen wollte. Nach den ersten Ermittlungen beschoss sie der Mörder von mehreren Seiten, ihr Körper wurde von mindestens acht Schüssen durchsiebt. Auf einem von den Behörden sichergestellten Video soll zu sehen sein, wie der Angreifer ein beschriebenes Stück Karton hinterlässt. „Wegen Geschwätzigkeit. Es folgen die Freunde des Gouverneurs und der Gouverneur. Der 80.“ ist demnach darauf zu lesen. Als „Der 80“ ist in der Region ein lokaler Boss des organisierten Verbrechens mit Verbindungen zum Drogenkartell von Juárez bekannt.

Breach hat wiederholt über den Einfluss der Drogenmafia auf die Wirtschaft, Politik und das soziale Gewebe in Chihuahua geschrieben. Einer ihrer eindrücklichsten Texte erschien im August 2016. Darin beschreibt sie Morde und Brandschatzung durch die Drogenhändler*innen sowie die Vertreibung ganzer Gemeinden mit hunderten von Familien aus der Sierra Tarahumara, der Bergregion des Bundesstaates. Kurz darauf erhielt sie eine anonyme Drohung. Miroslava Breach war für mehrere Medien tätig. Überregional war ihr Name vor allem bekannt, weil sie seit 1997 als Korrespondentin in Chihuahua für die landesweit erscheinende Tageszeitung La Jornada berichtete. Sie prangerte unter anderem die Untätigkeit der Behörden, Verflechtungen zwischen Politik und Verbrechen und die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen an. Oft nannte sie dabei Ross und Reiter.

Drei ermordete Medienschaffende in einem Monat

Chihuahuas seit wenigen Monaten amtierender Gouverneur Javier Corral, auf den die Bevölkerung gewisse Hoffnungen setzt, ordnete drei Tage Trauer im Bundesstaat an (Corrals Image erlitt jedoch gerade erst beträchtlichen Schaden, nachdem bekannt wurde, dass er den letzten Sonntag trotz der überall drängenden Probleme in Chihuahua zum mehrstündigen Golfen nutzte). Mexikos Senat und das Abgeordnetenhaus hielten eine Schweigeminute für Breach ab. In Chihuahuas Parlament forderten aufgebrachte Kolleg*innen von Breach die Aufklärung des aktuellen Mordes sowie an ihrem im vergangenen Jahr im Bundesstaat umgebrachten Kollegen Adrián Rodríguez. Die Liste nationaler und internationaler Organisationen, die den Mord an Miroslava Breach verurteilen und nachdrückliche Ermittlungen fordern – darunter gemeinsam die UN und die Interamerikanische Menschenrechtskommission –  ist fast endlos.

Die Frage ist, ob sich an der mexikanischen Realität damit etwas ändert. Mit dem Journalisten und Polizeireporter Cecilio Pineda wurde bereits Anfang März im Bundesstaat Guerrero ein dritter Medienschaffender allein in diesem Monat erschossen. Pineda hatte zuvor regelmäßig Drohungen vom organisierten Verbrechen erhalten. Die Journalist*innenmorde geschehen im Kontext einer allgemein eskalierenden Gewalt. Nach offiziellen Daten des Nationalen Systems für Öffentliche Sicherheit verzeichnete Mexiko allein in den ersten beiden Monaten dieses Jahres 3779 Morde. In keinem Jahr seit dem systematischen Beginn der Mordaufzeichnungen 1997 ist eine so hohe Zahl erfasst worden. Die Mordrate stieg im Januar in 25 der 32 mexikanischen Bundesstaaten im Vergleich zum Vorjahr (ausführlicher dazu: http://www.animalpolitico.com/2017/02/2017-aumento-de-homicidios/; http://www.animalpolitico.com/2017/03/delitos-homicidio-extorsion/ ).

Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto, von dem zumindest bis Freitagmorgen kein Kommentar zu dem Verbrechen an Miroslava Breach bekannt wurde, beschrieb in anderem Kontext bei einer Rede vor der Unternehmervereinigung Canacintra lieber eine rosige wirtschaftliche Zukunft des Landes: Es gebe „große und gute Gründe optimistisch zu sein, an Mexiko zu glauben“. Die Unternehmer*innen für ihr Streben nach mehr Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität lobend, erklärte er: „Ihre Version, Arbeit und Engagement erinnern uns tagtäglich, woraus wir Mexikaner gemacht sind und zu was wir fähig sind.“

 

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