Loud and Clear: Migrantinnen aus Lateinamerika kämpfen für geflüchtete Frauen

Von Antje Vieth

zwei Frauen
Zwei Frauen von Women in Exile. Alle Fotos: Antje Vieth

(Berlin, 23. Januar 2017, npl).- Empowerment für geflüchtete Frauen, Hilfe zur Selbsthilfe, über ihre Rechte informiert werden und lernen, diese einzufordern: das macht „Women in Exile„. Die Organisation wurde 2002 von Flüchtlingsfrauen in Brandenburg gegründet. Seitdem gehen sie regelmäßig in die Lager und Sammelunterkünfte und sprechen mit den dort lebenden Frauen über ihre Lebensbedingungen, aber auch über ihre Geschichten, Gefühle und das, was sie bewegt. Vor allem in den letzten zwei Jahren hat Women in Exile großen Zuwachs bekommen. Auch Frauen aus Lateinamerika, die als Migrantinnen nach Deutschland kamen, sind bei Women in Exile aktiv.

Elizabeth Ngari ist eine der Gründerinnen der Organisation von und für geflüchtete Frauen – einem der wenigen Zusammenschlüsse in Deutschland, bei dem frauenspezifische Themen und Kritik an der bestehenden Asylpolitik zusammen gedacht werden. 1996, also vor rund zwanzig Jahren, flüchtete Elizabeth Ngari mit ihren beiden kleinen Töchtern aus Kenia. In Deutschland angekommen, musste sie sechs Jahre in einem Flüchtlingslager in Prenzlau leben. Gemeinsam mit anderen Frauen hat sie dort Women in Exile gegründet, da sie gesehen haben, dass das Heim kein geeigneter Ort für Kinder war. Es gäbe keine Privatsphäre und sie haben sich damals entschieden, das an die Öffentlichkeit zu bringen. „Wir haben entschieden, zu kämpfen. Die Asylgesetze waren damals sehr schlimm. Wir konnten nur mit Gutscheinen einkaufen; manche haben das Essen auch nur als Paket gekriegt. Und durch die Residenzpflicht konnten wir uns nicht bewegen“, fügt Ngari hinzu.

Gravierende Probleme in den Flüchtlingsunterkünften

Bei ihren Treffen merkten die Frauen schnell, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine waren, sondern dass es vielen Flüchtlingen in Deutschland so ging wie ihnen. Fehlende Privatsphäre, mangelnde Hygiene in den Sammelunterkünften, zu wenig Platz und nicht ausreichende Ernährung waren und sind insbesondere für schwangere Geflüchtete ein strukturelles Problem.

Die Situation in den Flüchtlingsunterkünften in Brandenburg dokumentiert Women in Exile auf ihrer Webseite und in Broschüren. In manchen Fällen organisieren sie Demonstrationen vor den Unterkünften oder wenden sich an Medien oder zuständige Politiker*innen. Die Frauen von Women in Exile führten Aktionen durch, wie eine Floßtour 2014 von Nürnberg nach Berlin gemeinsam mit dem Musiker Heinz Ratz oder eine spektakuläre Bustour durch ganz Deutschland im vergangenen Jahr. So wurden sie immer bekannter, bekamen Zuspruch und mehrere Menschenrechtspreise.

Und die Organisation schafft Bündnisse. Bereits 2011 wurde von Women in Exile die Kampagne: „Keine Lager für Frauen und Kinder – alle Lager abschaffen“ ins Leben gerufen. Schließlich entschieden sie, auch Frauen ohne Fluchthintergrund in ihre Gruppe mit einzubeziehen, “weil wir gesehen haben, dass es mehr Sinn macht, wenn Leute mit uns zusammen kämpfen”, so Ngari.

Bündnis mit Unterstützer*innen

So entstand 2012 Women in Exile and Friends. Daniellis Hernández ist in der Gruppe aktiv. Sie kommt aus Kuba und lebt seit 2009 in Berlin. Sie ist Filmemacherin und

floßtour
Die Floßtour von Nürnberg nach Berlin 2014.

unterstützt die Frauen mit ihren eigenen Mitteln. Wenn sie einen Film drehen, diskutieren sie dabei auch über Politik und wie sie die Frauen stärken können. Im Sommer 2016 entstand Hernández‘ Dokumentarfilm „Loud and Clear“. Dort begleitete sie die sechswöchige Floßtour der Frauen von Women in Exile mit ihre Kamera. “Die Arbeit mit den Frauen basiert darauf, ihre Selbstorganisation zu unterstützen. Von Flüchtlingsfrauen für Flüchtlingsfrauen. Damit sie sich über ihre Situation in Deutschland bewusst werden”, erzählt Hernández.

Bereits 2013 suchte die Filmemacherin den Kontakt zu Gruppen, die Geflüchtete unterstützen. Die gutgemeinte Unterstützung vieler Zusammenschlüsse sah sie oft zwiespältig: “ Oft steht hier Wohltätigkeit im Vordergrund, aber keine wirkliche Solidarität. Ich meine damit, dass viele zwar geben, gleichzeitig aber aufpassen, dass es sie nicht selber berührt und sie sich bei ihrer Unterstützungsarbeit nicht selbst in Frage stellen müssen. Diese Art von Beziehung möchte ich nicht haben. Die Flüchtlinge brauchen etwas anderes, sie haben viel hinter sich und sind meistens traumatisiert. Kleider spenden, das kann jeder. Aber die Geflüchteten brauchen Zuneigung und menschliche Wärme. Die habe ich bei Women in Exile gefunden.”

Unterschiedliche Schicksale – viele Gemeinsamkeiten

Frauen im Auto
Zwei Frauen auf dem Weg in ein Flüchtlingslager.

Heute sind bei Women in Exile Frauen aus ganz verschiedenen Ländern aktiv – auch Latinas, die als Migrantinnen nach Deutschland kamen. Edna Martínez kommt aus Kolumbien und lebt seit einigen Jahren in Berlin. Auch in Kolumbien arbeitete Martínez mit geflüchteten Menschen. Sie erzählt, dass in Kolumbien ein Großteil der Geflüchteten schwarze Menschen sind; einfache Menschen, die meisten Bäuer*innen oder Fischer*innen, die ihr Land verloren haben, weil sie bedroht wurden oder weil Großkonzerne ihnen das Land weggenommen haben.

In Deutschland hat Edna Martínez ein ähnliches Szenario angetroffen. Diese Mischung zwischen Diskriminierung und Armut in einem der stärksten ökonomischen Länder der Welt, sagt sie, habe sie völlig überrascht. Seitdem arbeitet sie bei Women in Exile. Um etwas zu bewegen, müsse man auch den Zusammenhang zwischen den hohen Flüchtlingszahlen und den Ursachen von Flucht erkennen und benennen. Und Daniellis Hernández ergänzt, dass man miteinander reden müsse:

„Durch meinen Migrationshintergrund besteht mit den Flüchtlingen eine Verbindung, auch wenn wir auf sehr unterschiedlichen Wegen nach Deutschland gekommen sind und einen anderen rechtlichen Status haben. Aber wir haben ähnliche Erfahrungen gemacht was es heißt, diskriminiert und anders behandelt zu werden. Auch andere Prozesse sind ähnlich: das Heimweh, nicht zu wissen, wie du dich verhalten sollst, die Sprache nicht zu können und noch mal von vorne anzufangen. Mit mir entsteht oft eine besondere Verbindung, weil ich Frau bin, auch schwarz und migrantisch. Natürlich haben wir Gemeinsamkeiten.“

Mehr Informationen sind auf der Webseite https://www.women-in-exile.net/ zu finden.

Zu diesem Artikel gibt es auch einen Audiobeitrag, den ihr hier anhören könnt.

 

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