Interview: Eine „Armee der Armen“ zieht in die USA

Migration
Menschen in Mexiko auf der Flucht. Foto: Desinformémonos

(Mexiko-Stadt, 16. November 2018, npl).- Tausende Migrant*innen aus Mittelamerika ziehen in großen Gruppen in Richtung USA. Sie nennen sich Karawane, Via Crucis oder Trek, Menschenrechtsorganisationen und die katholische Kirche sprechen von einem Exodus, Soziologen von einer sozialen Bewegung. Während US-Präsident Trump mit Militäreinsätzen droht, engagieren sich zivilgesellschaftliche Organisationen für die Menschenrechte von Migrant*innen und Flüchtenden und leisten humanitäre Hilfe. Eine davon ist Voces Mesoamericanas, Projektpartnerin unter anderem von Brot für die Welt. Am Rande des Weltsozialforums der Migrationen Anfang November in Mexiko-Stadt haben wir mit dem Vorsitzenden, Miguel Angel Paz Carrasco gesprochen.

Frage: Miguel Angel Paz Carrasco, seit Anfang Oktober sind Tausende Menschen vor allem aus Honduras und Guatemala in Mexiko unterwegs, mit Ziel USA. Die Medien haben ja über den beschwerlichen Weg, auch über Fluchtursachen und ganz selten auch mal darüber berichtet, was sich denn nun konkret in Zentralamerika ändern muss, damit die Menschen eine andere Perspektive sehen, als zu fliehen. Mexikos Politik hat ja in den letzten Wochen den Ball eher flach gehalten, hier humanitäre Hilfe geleistet, da Arbeitsvisa angeboten. Das wurde in der Presse positiv dargestellt, der Buhmann war eh Donald Trump. Aber die mexikanische Migrationspolitik ist ja nun auch alles andere als unumstritten?

Miguel Angel Paz Carrasco: Die Migrationspolitik Mexikos hat sich den Richtlinien der US-Migrationspolitik untergeordnet, die die Migration weit südlich der eigenen Grenze aufhalten will. Mexiko soll effizient die Migration vor allem aus den zentralamerikanischen Ländern eindämmen. Seit dem Programm Frontera Sur, südliche Grenze, aus dem Jahr 2014 wird rund die Hälfte der Verhaftungen von Migranten in drei südlichen mexikanischen Bundesstaaten durchgeführt, in Chiapas, in Tabasco und im Süden von Veracruz.

Mexiko verhaftet also normalerweise zentralamerikanischen Migranten. Was passiert mit ihnen?

In Tapachula, an der Grenze zu Guatemala, befindet sich der größte, aber längst nicht der einzige Abschiebeknast Mexikos, die Migrationsstation Siglo 21. „Migrationsstation“, das ist ein Euphemismus. Für eine Politik, bei der Menschen verfolgt und verhaftet, eingekerkert und deportiert werden.Wir haben uns diese Abschiebeknäste angeschaut. Menschen werden davon abgehalten, ihre Rechtsmittel auszuschöpfen, um internationalen Schutz, politisches Asyl oder einen Flüchtlingsstatus in Mexiko zu erhalten. Wir sprechen hier von einer Folterumgebung! Fundamentale Menschenrechte werden verletzt. Zum Beispiel das Recht auf Information. Die Menschen werden vollkommen im Unklaren darüber gehalten, wie lange man sie hier festhalten wird und wie überhaupt ihre Zukunft aussieht. Das löst in den Menschen enormen Stress aus. Es gibt Schnellabschiebungen, bei denen den Menschen überhaupt keine Möglichkeit gelassen wird, eine reguläre Aufenthaltsmöglichkeit in Mexiko zu erlangen.

Migrationszentren klingt, wie sie sagen, recht positiv, sie sprechen aber von Deportationseinrichtungen oder schlicht Gefängnissen. Das hört sich gelinde gesagt weniger schön an, zumal dann, wenn man mexikanische Gefängnisse kennt…

Wir reden hier von Menschen, die auf ihrem Weg, ihrer Flucht, unzählige Angriffe erlebt haben, die körperlich und psychisch völlig erschöpft in Mexiko ankommen und die dann in diesen Abschiebeknästen nicht einmal das Nötigste bekommen. Die hygienischen Bedingungen sind miserabel, die Knäste sind vollkommen überbelegt, das Essen ist extrem schlecht, es gibt immer wieder Übergriffe und Misshandlungen durch das Personal. Ziel ist es, dass die Menschen nur noch so schnell möglich aus diesen Zentren herauskommen wollen – dass sie Visums- und Asylanträge wieder zurückziehen. Die Menschen sollen zermürbt werden, körperlich und psychisch. Deswegen reden wir von einer Folterumgebung. Und das ist natürlich eine Botschaft an zukünftige Flüchtlinge: Wenn Du hierher kommst, wirst Du eingesperrt. Also komm gar nicht erst.

Dennoch kommen die Menschen und zwar in immer größerer Zahl. Sie sprechen ja auch von einem Exodus. Seit über einem Monat sind sie in Gruppen von Hunderten und Anfangs sogar Tausenden unterwegs. Weil sie sich so sicherer fühlen gegenüber der organisierten Kriminalität. Sehen die Menschen auch Vorteile in Bezug auf das mexikanische System von Verhaftungen, Gefängnissen und Abschiebungen?

Eine Lektion dieser Karawane, dieses Exodus aus Zentralamerika ist einfach: Die Menschen haben gesehen, dass eine reguläre Einreise nach Mexiko praktisch unmöglich gemacht wurde. Die einzige Möglichkeit, Richtung Norden zu fliehen, ist es, sich in eine soziale Kraft zu verwandeln. Denn wenn die Menschen weiterhin alleine oder in kleinen Gruppen kämen, wären sie nicht nur dem organisierten Verbrechen, sondern auch dieser mexikanischen Migrationspolitik schutzlos ausgeliefert. Angesichts dieser faktischen Schließung der Grenzen ist die einzige Alternative ein kollektiver Aufbruch. Und deswegen erkennen wir als Voces Mesoamericanas an, das wir es hier mit einer sozialen Bewegung zu tun haben.

Nun sind die ersten Gruppen in Tijuana an der US-mexikanischen Grenze angekommen. Trump will die Grenze mit dem Militär absichern. Wir werden in den nächsten Tagen mehr davon hören und lesen, wie das genau erfolgen soll. Wie sehen sie die Situation?

Das mächtigste Land der Welt steht einer Armee der Armen gegenüber. Frauen, einfache Bauern, Jugendliche, Kinder, Alte, Menschen mit Behinderungen. Menschen die nur eines wollen: Leben!

CC BY-SA 4.0 Interview: Eine „Armee der Armen“ zieht in die USA von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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