Gestrandet in Tijuana

Im Baseballstadion Benito Juárez mit seinem aufgeweichten schlammigen Boden und dem allgegenwärtigen Gestank der überfüllten Toiletten herrschten katastrophale Hygienemängel. Foto: Alberto Pradilla

(Tijuana, 3. Dezember 2018, desinformémonos*).- Brian Eduardo Elvir Flores ist 24 Jahre alt. Er stammt aus Choluteca, Honduras, und gehört zu den ersten, die sich auf den Weg machten. Er war bereits dabei, als sich die Karawane mit zuerst 160 Teilnehmer*innen am 14. Oktober in San Pedro Sula zu formieren begann. Heute befindet er sich 5.000 Kilometer weiter nördlich in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana. Jetzt erst wird ihm bewusst, dass Hunger, Müdigkeit und Krankheiten, der Mangel an Trinkwasser, das Draußenschlafen bei jedem Wetter und das unbequeme Reisen auf offenen Waggons nur eine kleine Einstimmung auf die tatsächlichen Hürden waren, die es zu überwinden gilt: Die wahre Herausforderung besteht in der Überwindung der US-amerikanischen Grenze. Auf der anderen Seite der gigantischen Mauer, die von der Sammelunterkunft aus zu sehen ist, liegt der “American Dream”. Zum Greifen nah, und doch so weit weg.

“Was mach’ ich denn jetzt?”, fragt sich Elvir, mittlerweile auf dem Sportplatz Benito Juárez angekommen. Das ehemalige Baseballstadion, das nur durch eine angrenzende Landstraße von der Mauer getrennt ist, wurde zu einer Sammelstelle für Migrant*innen umfunktioniert, die ab dem 30. November aufgrund starker Regenfälle und Überschwemmungen in die zehn Kilometer von der Grenze entfernt liegende Eventhalle El Barretal verlegt wurde. Den Behörden, die den Umzug sowieso geplant hatten, allerdings den zu erwartenden Widerstand der Migrant*innen scheuten, spielte das schlechte Wetter also geradewegs in die Hände.

“Was mach’ ich denn jetzt?”

Im Baseballstadion Benito Juárez mit seinem aufgeweichten schlammigen Boden und dem allgegenwärtigen Gestank der überfüllten Toiletten herrschten katastrophale Hygienemängel. Aufgrund des nächtlichen Temperaturabfalls bildete sich Feuchtigkeit an den Innenseiten der Zeltwände. Wie es scheint, sind die Bedingungen an dem neuen Ort nicht besser. Die Lage in Tijuana spitzt sic-h zu. Es erscheint unglaubwürdig, dass die mexikanischen Behörden und internationale Organisationen die sich anbahnende Krise für nicht vorhersehbar hielten – wusste man doch spätestens in Mexiko-Stadt, dass der mittelamerikanische Exodus sich nach Tijuana aufmachen würde. Die Migrant*innen selbst hatten es laut und deutlich mitgeteilt. Hatten sie ihnen nicht zugehört? Der Weg über Tijuana galt als der sicherste. Der Weg über die Stadt, die den fünften Platz auf der Liste der Orte mit den höchsten Mordraten einnimmt, in einem Land, das im „Anti-Drogen-Krieg“ verblutet, galt als der sicherste.

Es gibt keine kollektive Lösung

Elvir weiß nicht, was er tun soll, und seine Unsicherheit spiegelt die der gesamten Karawane. In Tijuana beobachteten wir eine paradoxe Situation: Als Gruppe unterwegs zu sein, hatte ihnen die Kraft gegeben, es bis hierher zu schaffen. Jetzt, wo der Grenzübertritt bevorsteht, wird gerade die Tatsache zum Problem, dass sie viele sind. Es gibt keine kollektive Lösung. Sie werden nicht die Tore öffnen, und es wird keinen Passierschein für die Hungrigen geben. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Asyl beantragen oder wieder untertauchen. Die dritte Option, in Tijuana bleiben, gilt als Übergangslösung: Man bleibt, um etwas Geld zu sparen, wartet ab, bis sich die Lage etwas entspannt hat und hofft auf ein bisschen Glück. Elvir Flores hat die Möglichkeit in Betracht gezogen, Asyl zu beantragen.

Wie viele der Migrant*innen trägt er eine traurige Geschichte mit sich. Mittelamerika ist eine einzige riesige Blutlache. Zwei seiner Brüder wurden ermordet. Elvin Enrique starb 2013. “Er ging raus, um eine Runde zu drehen. Er hatte nicht bezahlt und als er abends nach Hause kam, wurde er von Kugeln durchsiebt.“ Ein paar Jahre später wurde sein Bruder Erick mit sechs Schüssen getötet. Auch bei ihm ging es um Erpressung und um die Zahlung seines eigenen Lösegelds, in Honduras bekannt als „Kriegssteuer“. Die Mara Salvatrucha oder MS-13, zusammen mit Barrio 18 eine der aktivsten und gefährlichsten Banden in Mittelamerika, hatte von der Familie 1.500 Lempiras (54 Euro) pro Woche für das Leben der Jungen gefordert. Man muss sich das mal vorstellen: In Honduras bezahlt eine Familie wöchentlich 50 Euro, um nicht von einer kriminellen Bande getötet zu werden. Diese Art von Erpressung ist für viele Mordfälle verantwortlich, die das nördliche Dreieck Zentralamerikas (Honduras, El Salvador, Guatemala) zu einer der gefährlichsten Regionen der Welt machen. Die Brüder von Elvir Flores weigerten sich zu zahlen und bezahlten dafür mit ihrem Leben. So funktioniert das: Wer nicht rechtzeitig zahlt, wird umgelegt.

Wer nicht zahlt, wird umgebracht

Von einer Kriminellenbande verfolgt zu werden, reicht nicht aus, um von einem*r US-amerikanischen Richter*in den Flüchtlingsstatus anerkannt zu bekommen. Darin liegt Elvirs Problem. Einem Asylantrag wird nur stattgegeben, wenn der Antragsteller oder die Antragstellerin aufgrund der Glaubenszugehörigkeit, der ethnischen Herkunft, der politischen Überzeugung, der Nationalität oder der Zugehörigkeit zu einer Minderheit verfolgt wird. Elvir Flores wurde erpresst, weil er im Machtbereich der MS-13 lebte. Er kann sich nicht als Verfolgter bezeichnen, obwohl sein Leben in Gefahr war. Es ist unwahrscheinlich, dass ein* Richter*in seinem Antrag stattgibt.

Die zweite Möglichkeit wäre, einen Coyoten zu bezahlen. Dieser Weg wurde jahrzehntelang von Tausenden Mittelamerikaner*innen und Mexikaner*innen gewählt. Durch die Karawane sind die Preise explodiert. Einige verlangen zwischen 4.000 und 8.000 Dollar – so viel kostete früher die gesamte Reise einer Familie von Honduras oder Guatemala. Es gibt auch Coyotes, die weniger verlangen, allerdings läuft man dann eher Gefahr, übers Ohr gehauen zu werden.

In der Unterkunft kursieren sagenhafte Geschichten

Zeltstadt in Tijuana. Foto: Alberto Pradilla

In der Sammelunterkunft hört man Geschichten von bettelarmen Menschen, die etwas Geld von den USA erhalten hatten und es wieder verloren, weil sie dem falschen Coyoten vertraut hatten. Sagenhafte Geschichten von Menschen, die es bis in die USA schafften, obwohl sie nur ganz wenig bezahlt oder die Schmugglerrouten genommen hatten, unterirdische Gänge, die von mexikanischem auf US-amerikanisches Terrain führen. Böse Zungen behaupten, das Tiefland bei Tijuana sei perforiert wie ein Schweizer Käse und werde eines Tages komplett versinken. Die letzte und vielleicht gefährlichste Option, die unter den Ärmsten der Armen als rettender Strohhalm gehandelt wird, ist, als Drogenkurier*in über die Grenze zu gehen. Diese Menschen werden Mulas, Maultiere, genannt. Man muss sich 25 kg Drogen (Marihuana oder Kokain) auf den Rücken schnallen und überquert die Grenze mit einer Begleitperson. Wenn man will, kann man anschließend dort bleiben. Wer weitermachen will, kehrt um, kassiert 50.000 Pesos (etwas über 2.100 Euro) und übernimmt so viele Botengänge, wie die Chefs erlauben. Wer erwischt wird, kommt ins Gefängnis und darf mindestens zehn Jahre nicht in die USA einreisen.

Trotzdem entscheiden sich viele Menschen für diese Option, weil sie keinen Coyoten bezahlen können. An diesem Punkt ist Elvir Flores nicht. Bis auf weiteres will er sich aufs Abwarten verlegen. Um zu überleben, hat er sich ein kleines Unternehmen innerhalb des Migrant*innenlagers aufgebaut. Für zehn Pesos bewacht er die Handys an der Aufladestelle. Hier wird viel gestohlen, und für den Exodus der Hungerleidenden ist Kommunikation essentiell. Also garantiert Elvir seinen Kund*innen, dass niemand das Handy beim Aufladen stiehlt. Seine Einnahmen investiert er in Zigaretten, die er zum Verkauf anbietet. „Leeeeuuute, raaaaauuucht!!“ Zusammen mit dem Husten der Kranken wird sein Ruf zur Begleitmusik der Karawane der Hungernden.

Tijuana ist das Ende der Karawane

Vom American Dream in die Realität: Am 25. Oktober 2018 gingen US-Grenzschützer*innen mit Gummigeschossen und Tränengas gegen Hunderte Menschen vor, die versuchten, sich der Mauer zu nähern. Foto: Alberto Pradilla

Das Karawanenprinzip war sehr effektiv, um bis nach Tijuana zu gelangen. Nun müssen alle ihre eigenen Möglichkeiten abwägen. Viele sind auf schmerzhalte Weise zu diesem Schluss gekommen. Seit die Karawane in Mexiko-City angekommen war, gab es Möglichkeiten, um an Informationen zu kommen: Anwält*innen und Menschenrechtskollektive erklärten ihnen, dass es nicht leicht sei, die Grenze zu den USA zu überwinden; die Barrieren zu überrennen wie an der mexikanischen Südgrenze werde ihnen nicht gelingen, Die Warnungen waren umsonst. Die erschöpften Männer, Frauen und Kinder müssen sich definitiv etwas einfallen lassen, wenn sie in die USA gelangen wollen, denn, wie sie am eigenen Leib erfahren mussten, waren Donald Trumps Worte, die USA werde ihre Einreise zu verhindern wissen, keine leere Rhetorik. Dies wurde am 25. Oktober deutlich unter Beweis gestellt. An jenem Sonntag begannen die US-Grenzschützer*innen, mit Gummigeschossen und Tränengas gegen Hunderte Menschen vorzugehen, die versuchten, sich der Mauer zu nähern.

Monatelang hatten die Menschen ausschließlich auf Gott vertraut und darauf gehofft, der Präsident werde Mitleid mit ihnen haben. Mit ungebrochener Naivität glaubten sie, Donald Trump werde sich von dem erbärmlichen Anblick der erschöpften und kranken Männer, Frauen und Kinder erweichen lassen. Sie dachten nicht einen Moment daran, dass Migrationspolitik nichts mit Empathie zu tun hat. Dass die Einwanderungsgesetze in Wirklichkeit darauf zugeschnitten sind, das „Eindringen“ genau solcher Menschen in die reichen Länder zu verhindern. Wie sehr muss es sie also entmutigt haben, zu sehen, wie Liz Ramírez aus Retalhuleu, Guatemala bei ihrem Versuch, auf US-amerikanisches Terrain zu gelangen, mit Gummigeschossen und Tränengas zum Umkehren gezwungen wurde, mit zerfetzter Hose, schmerzhaft getroffen und halbblind vom Reizgas.

Tijuana ist das Ende der Karawane. Bis hierher zu gelangen war ein Erfolg. Nun gilt es, individuelle Lösungen zu finden, zu überlegen, wie es zu schaffen ist, in der Stadt zu überleben, die auf Platz fünf der gewalttätigsten Orte des Landes rangiert. Wie man es vermeiden kann, dass die Situation eskaliert. Wie man sich gegen den Rassismus zur Wehr setzt, den eine kleine Gruppe aus Tijuaner*innen und US-Amerikaner*innen in der Stadt mit den zugewanderten Migrant*innen zu schüren versucht. Bisher gab es einen gewalttätigen Übergriff. Aber wenn die Situation stagniert, wenn das Geflüchteten-Lager zur Dauereinrichtung wird, können sich auch die rassistischen Tendenzen manifestieren. Mindestens 6.000 Menschen aus Honduras, Guatemala und El Salvador warten derzeit in Tijuana. Sie haben Mexiko durchquert, ohne auf die Hilfe von Coyoten oder die berüchtigte Nord-Süd-Zugverbindung La Bestia zurückzugreifen. Das ist bereits ein Erfolg. Aber nun kommt das Allerschwierigste. Es ist noch zu früh um zu sagen, in wieweit sich die Art, wie Mittelamerikaner*innen versuchen, in die USA zu gelangen, mit der Karawane verändert hat.

*Der Artikel wurde mit Genehmigung von El Salto übernommen.

 

CC BY-SA 4.0 Gestrandet in Tijuana von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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