Sind afrokubanische Religionen offen für sexuelle Vielfalt?

Der Journalist und Aktivist Tato Quiñones spricht vor gemischtem Publikum über seine Untersuchungen zu Homosexualität und afrokubanischen Religionen. Foto: SEMlac Cuba

(Havanna, 23. September 2019, semlac),- Der Schriftsteller und Aktivist Tato Quiñones hat sich mit den Schriften und Gedichten der Religion Ifá beschäftigt und „weder Referenzen zu gleichgeschlechtlichen Ehen noch zu Homosexualität gefunden“. Einige seiner Schlussfolgerungen präsentierte Quiñones bei der Konferenz „Addodis [Schwule] und Alakuatas [Lesben] in der Santería: Homosexualität aus der Sicht der kubanischen Volksreligion der Orishas – Versuch einer Annäherung“. Die Konferenz fand im Rahmen der von der Initiative Club del Espendrú organisierten Veranstaltungsreihe „Lernsalons“ statt.
„In unseren Lernsalons decken  wir ein breites Spektrum an Themen ab, zu denen wir Infos vermitteln. Die Diskussion über die Inhalte der Religionen Ifá und Ocha ist deshalb so wichtig, weil die afrokubanischen Religionen viele Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Spektren zusammenbringen. Deshalb wollten wir auch einen Lernsalon dazu veranstalten“, erklärt Aracely Rodríguez Malangón vom Kulturprojekt Club del Espendrú gegenüber SEMlac.

Öffentliche Debatte über die Aufnahme der gleichgeschlechtlichen Ehe in der Verfassung

Das Interesse an diesem Thema entstand durch die jüngsten Debatten über die Verabschiedung der aktuellen kubanischen Verfassung und die mögliche Aufnahme der gleichgeschlechtlichen Ehe in den Verfassungstext. Religiöse Organisationen, insbesondere katholische und evangelische, äußerten massives Missfallen und organisierten Kampagnen gegen das Vorhaben, Priester*innen und Angehörige der afrokubanischen Religionen nicht.
„Seit die Regierung beschlossen hat, den Gesetzesvorschlag in das Familiengesetz aufzunehmen, hat sich die öffentliche Debatte erheblich abgekühlt und ist weder Thema auf den Straßen, in den sozialen Netzwerken noch sonstwo. Das Familiengesetz wird jedoch in Kürze Gegenstand eines Referendums sein und wir müssen davon ausgehen, dass der Protest dann wieder genauso stark sein wird, wenn nicht noch stärker“, mahnte Quiñones, selbst Ifá-Priester, bei der Konferenz.
Für ihn ist Homosexualität ein menschliches Faktum, das keine Toleranz brauche, denn Toleranz impliziere ein Machtverhältnis. „Homosexualität muss akzeptiert werden und Punkt“, betonte er.
Bei seinem Vortrag präsentierte Quiñones vier patakíes (Erzählungen), in denen Homosexuelle und Trans*gender-Personen vorkommen. Die heteronormative Perspektive wird jedoch beibehalten, Homosexualität wird als Defekt, als Laster oder Abweichung beschrieben, homosexuelle Männer als verdreht und verweiblicht. Dennoch, so der Forscher, gebe es keine ethische Norm, die sich direkt auf Homosexualität bezieht, daher sei es den Priestern überlassen, ob Homosexuelle und Trans*-Personen in die Religion der Orishas aufgenommen werden oder nicht.

„Kein fester Kanon“

Dank der demokratisch und horizontal organisierten Struktur der Religion können also Dogmen überwunden und Praktiken erweitert werden. „Da kein fester Kanon besteht und es einfach um die Betrachtung des Lebens geht, ist es Auslegungssache der Babalawos“, schlussfolgerte Quiñones.
Trotzdem verweisen Forscher*innen und Praktizierende afrokubanischer Religionen immer wieder auf deren patriarchale Wurzeln, die das Frauenbild prägen und sich auf die Betrachtung all derer auswirken, die den Rahmen des engen heteronormativen Kanons sprengen.
Die Entwicklung bleibt jedoch nicht stehen, und so haben auch die tradierten Richtlinien nicht verhindern können, dass die Zugehörigkeit Homosexueller in verschiedenen Gebieten und Gemeinden als Bereicherung empfunden wird.
„Heute gibt es in Kuba Dutzende, wahrscheinlich Hunderte Religionsgemeinschaften in Havanna, Matanzas, Cárdenas, Santa Clara, Cienfuegos, Palmira, Camagüey, Holguín und Santiago de Cuba, wo Schwule und Lesben durch entsprechende Verdienste die höchsten Priester*innenwürden erreichen können, ohne wegen ihrer Homosexualität diskriminiert zu werden“, so Tato Quiñones abschließend.

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