Zwischen Lockerungen und immer mehr Toten

Mexiko-Stadt, 5. April 2020. Doña Crescencia (71) sitzt an ihrem Süßigkeitenstand an der Kreuzung Madero und Motolinia. Sie muss arbeiten, um zu essen. Da niemand unterwegs ist, hat sie an diesem Tag nur zwei Zigaretten für zwölf Pesos verkauft. Doña Crescencia hat mit fünf Jahren angefangen, Kaugummis zu verkaufen. Seit Beginn der Coronavirus-Pandemie isst sie täglich nur einen Teller Reis und Bohnen und manchmal etwas Hühnchen. Foto: Hans-Maximo Musielik. Das Foto ist Teil einer Serie bei Desinformémonos

(Mexiko-Stadt, 21. Mai 2020, npla).- Der Zeitpunkt war nicht unbedingt günstig gewählt. Seit Montag, 18. Mai will die mexikanische Regierung inmitten der Covid-19-Pandemie schrittweise eine „neue Normalität“ einleiten. Regional abgestuft und nach Branchen unterschiedlich sollen verschiedene Einschränkungen gelockert und die Wirtschaft wieder hochgefahren werden. Doch gerade in diesen Tagen sind die Neuinfektionen und Todesfälle stark angestiegen. Mit über 400 registrierten Corona-Sterbefällen an einem Tag wurde am 20. Mai ein neuer Höchstwert vermeldet. Die täglichen Neuinfektionen lagen zuletzt bei mehr als Zweitausend. Die offizielle Erfassung ist jedoch nicht vollständig. Nur die zuvor positiv getesteten Toten tauchen in der Covid-Statistik auf. Nach wie vor werden relativ wenige Tests vorgenommen. Die Hoffnung auf „nur“ 6.000-8.000 Covid-Opfer als best case-Szenarium ist bei 6.090 offiziell eingestandenen Todesfällen (Stand 20. Mai) so gut wie hinfällig.

Für den Großraum Mexiko-Stadt als derzeitigem Zentrum der Pandemie ist schon klar, dass die nach einem rot-orange-gelb-grünen „Ampelsystem“ organisierten Lockerungsmaßnahmen frühestens am 15. Juni greifen werden. Bis dahin bleibt die Ampel auf Rot. Viele der Landkreise, in denen aufgrund geringer oder keinerlei registrierter Covid-19-Fälle jetzt schon Einschränkungen wegfallen dürfen, sind äußerst zurückhaltend damit. Die Befürchtung: statt die Pandemie unter Kontrolle zu haben, könnte sie in den weniger betroffenen Regionen erst noch richtig zum Ausbruch kommen. Die Wiederaufnahme des Schulunterrichts in Klassenräumen zum 1. Juni stößt auf enorme Widerstände und wird in vielen Bundesstaaten und Landkreisen so nicht stattfinden.

Bisher kein Kollaps des Gesundheitssystems

Positiv ist: Trotz zunehmender Auslastung der Krankenhäuser konnte ein Kollaps des Gesundheitssystems bisher vermieden werden. Nachschub an Schutzkleidung und beispielsweise Beatmungsgeräten kommt zwar stockend, aber er kommt. Ähnlich sieht es beim schleppenden Ausbau der Bettenkapazitäten aus. Hält der Trend der vergangenen Tage jedoch an, dürfte der Gesundheitssektor vor allem in Mexiko-Stadt an seine Grenzen stoßen.

Unter den landesweit offiziell fast 56.600 Infizierten (Stand 20. Mai) ragt eine Berufsgruppe besonders heraus: Ein gutes Fünftel gehört dem Gesundheitssektor an. Die Bemühungen, mit tausenden von neu eingestellten Ärzt*innen und Pfleger*innen die Situation in den Krankenhäusern zu verbessern, gleicht dem Kampf gegen Windmühlen. Denn nicht nur ein Großteil des infizierten Personals fällt aus. Ein bedeutender Teil der Beschäftigten im Gesundheitswesen gilt wegen Alter und eigener Gesundheitsprobleme als Risikogruppe und geht nicht zur Arbeit. Eine aktuelle Ausschreibung für die „sofortige Anstellung“ von Allgemeinärzt*innen im öffentlichen Gesundheitssektor von Mexiko-Stadt verdeutlicht zudem das Missverhältnis von Risiko und Bezahlung: Für eine volle Stelle wird ein Nettolohn von 17.000 Pesos (etwa 680 Euro) angeboten. Da kassiert an einem der teureren Privatkrankenhäuser in der Hauptstadt ein Arzt für eine einzige Blinddarm-OP mehr.

Viele Tote in der Maquila-Industrie

Was die Toten und die am stärksten betroffenen Bevölkerungsschichten angeht, spricht das Beispiel aus dem nordmexikanischen Bundesstaat Baja California Bände: Bis zum 16. Mai verzeichnete der Bundesstaat offiziell 519 Covid-19-Tote. 432 davon waren in der Maquila-Industrie, den in der Regel für den US-Markt produzierenden Teilfertigungsbetrieben, beschäftigt. Die Situation ist unter anderem dem Druck der USA geschuldet, die bei einer Schließung der Betriebe auf mexikanischer Seite verschiedenste Lieferketten gefährdet sehen (siehe dazu den poonal-Text von Luis Hernández). Verantwortungsloses Vorgehen von Unternehmen und zögerliches Einschreiten der Behörden kommen in vielen anderen mexikanischen Regionen vor. Zum Teil arbeiten die Betriebe klandestin weiter. Hinweise kommen oft von Arbeiter*innen, die vor die Wahl gestellt werden, am Arbeitsplatz zu erscheinen oder entlassen zu werden.

Unter dem Strich ist inzwischen eindeutig: Nach Mexiko eingeschleppt wurde der Coronavirus im Wesentlichen von einem Teil der mexikanischen Elite, der im März aus dem Skiurlaub in Vail (US-Bundesstaat Colorado) zurückkam. In der Presse wird immer wieder über bekannte und oft beliebte mexikanische Persönlichkeiten berichtet, die am Coronavirus starben. Doch die Mehrheit der Corona-Toten wird von den ärmeren Bevölkerungsschichten gestellt, die als Beschäftigte in Großbetrieben oder im informellen Sektor besonders risikoexponiert sind.

Bei allen Versäumnissen, die der Regierung vorzuwerfen sind, ist sie gegen das Verhalten eines Teils der Bevölkerung weitgehend machtlos. Auch in Mexiko fehlt es nicht an Aufrufen zu Covid-19-Ansteckungspartys oder dem Missachten jeglicher Vorsichtsmaßnahmen gerade in Regionen oder Ballungsgebieten, die besonders von der Pandemie betroffen sind. Der mexikanische Schriftsteller und Krimiautor Elmer Mendoza fasste dies jüngst unter der Überschrift „Wie ist einem Land von Selbstmördern zu helfen?“ recht ratlos zusammen. Ein Zwischenfazit für die Pandemie in Mexiko: Es hätte schlimmer kommen können. Aber: Es kann noch schlimmer kommen.

CC BY-SA 4.0 Zwischen Lockerungen und immer mehr Toten von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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