Mehr als 10.000 Tote durch das Coronavirus

Menschen, die der Empfehlung der SAIC folgen und zur Vorbeugung einer weiteren Ausbreitung von Covid-19 einen Mund-Nasen-Schutz tragen / Fotostrecke bei ANRed

(Montevideo, 7. September 2020, la diaria).- Am 7. September überstieg die Zahl der Covid-19-Fälle in Argentinien die 488.000, allein in den vorangangenen 24 Stunden war ein Anstieg von 9.215 Fällen zu verzeichnen. Die Zahl der Toten durch Covid-19 betrug zu diesem Zeitpunkt 10.129.

Trotz der voranschreitenden Ausbreitung des Coronavirus hat es das argentinische Gesundheitssystem bisher ohne einen Zusammenbruch durch die Gesundheitskrise geschafft. Die Argentinische Gesellschaft für Klinische Forschung (SAIC), die sich aus Wissenschaftler*innen und Ärzt*innen zusammensetzt, warnte jedoch in einer Presseerklärung vor einer Verschlechterung der Lage und appellierte an die „bürgerliche Verantwortung“.

„Alles weist darauf hin“, dass sich die Krise „in den nächsten Tagen und Wochen“ verschärfen würde. Sobald das Gesundheitssystem an seine Grenzen geriete, „wird die Zahl der Toten auf dramatische Dimensionen ansteigen“, betont die SAIC in einer Erklärung, auf die sich die Tageszeitung Página 12 beruft. Die Sterberate von Covid-19 Patient*innen lag Anfang September bei 2,1 Prozent, die Betten auf den Intensivstationen des Landes waren im Durchschnitt zu 61,8 Prozent belegt. In einigen Provinzen, etwa Jujuy und Río Negro, seien die Plätze auf den Intensivstationen jedoch beinahe ganz ausgelastet, wie die SAIC betont. Laut den Gesundheitsbehörden belaufe sich die Belegung dort auf 81 Prozent.

„200 Tote täglich“, es fehlt an medizinischem Personal

„Die Zahl der Infizierten ist auf über 10.000 neue Fälle täglich gestiegen. Wenn wir die Geschwindigkeit der Ausbreitung und die globale und regionale Sterberate betrachten, die derzeit 2 Prozent beträgt, werden wir jeden Tag den Tod von 200 Personen beklagen müssen“, erklärten die Forscher*innen. Außerdem könne die Zahl der Ärzt*innen „nicht mit der Geschwindigkeit erhöht werden, die die Situation verlangt“, denn „viele in diesem Beruf haben sich bereits infiziert oder sind gestorben“, andere „sind erschöpft“ und fühlten sich „vom Rest der Gesellschaft im Stich gelassen“.

Die SAIC setzt sich deswegen für die Quarantäne ein, die innerhalb der argentinischen Gesellschaft sowohl Unterstützung als auch Ablehnung erfährt. „Als Personen, die im Gesundheitsbereich arbeiten, wissen wir alle, dass die Quarantäne dazu beigetragen hat, das Gesundheitssystem wieder zu stärken. Nur so kam es zu der geringen Sterberate, die wir bisher im Land beobachten konnten“, so die Wissenschaftler*innen. Sie riefen „die politische Führung und die Medien“ dazu auf, keine „irrationalen und unwissenschaftlichen Informationen zu verbreiten, deren einzige Folge ist, dass die Bürger glauben, das Problem würde nicht existieren oder sei vorüber“. Sie forderten alle Menschen dazu auf, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, 2 Meter Abstand zu anderen Personen zu halten, regelmäßig die Hände zu waschen und Treffen mit Personen, die nicht zum eigenen Haushalt gehören, zu vermeiden.

„Dies ist der Höhepunkt, auf den wir uns vorbereitet haben“

„In vielen Provinzen gibt es bereits bedeutende Fallzahlen“, in 18 Provinzen sei das Virus in freiem Umlauf in der Bevölkerung, verkündete die argentinische Staatssekretärin für den Zugang zu Gesundheit, Carla Vizzotti, am 7. September in ihrer täglichen Pressekonferenz.

Mehrere Provinzregierungen hätten daher vor kurzem die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie erhöht. Der Gouverneur von Santa Fe, Omar Perotti, kündigte am gleichen Tag ein neues System zur Zählung der Covid-19-Fälle in seiner Provinz an. Demnach würden nun alle Personen, die in nahem Kontakt mit einer infizierten Person gestanden hätten, als Überträger*innen gezählt, wie Página 12 berichtet. Das Ziel dieser Änderung in der Zählweise sei es, schneller bestimmen zu können, wer infiziert sein könnte, um eine weitere Verbreitung so schnell wie möglich verhindern zu können.

„Dies ist der Höhepunkt, auf den wir uns vorbereitet haben“, sagte die Gesundheitsministerin der Provinz Sonia Martorano. Sie fügte hinzu, dass besonders unter den Personen zwischen 20 und 40 Jahren eine „große Beschleunigung und Ansteckung“ herrsche. In dieser Altersgruppe seien noch keine Todesfälle registriert worden, wohingegen die Fälle der Infizierten über 70 Jahren zwar sehr gering seien, die Sterberate aber bei fast 24 Prozent liege.

In der nordwestlichen Provinz Catamarca, in der es nur 22 aktive Fälle gibt, beschloss die Provinzregierung kürzlich, für eine Woche in die sogenannte Phase 1 der Quarantäne – die restriktivste der Phasen – zurückzukehren. Der Industrie- und Handelssektor war jedoch von den Einschränkungen nicht betroffen. Die Behörden von Catamarca hatten diese Entscheidung drei Tage nach einer Lockerung der Maßnahmen getroffen. Der Grund dafür liegt in der gemeinsamen Ansteckung in fünf Fällen und dem Verdacht auf die Ansteckung von 700 weiteren Personen, die sich bereits in Quarantäne befinden.

Umstrittene Maßnahmen führen in Buenos Aires zu politischen Auseinandersetzungen

In der Hauptstadt Buenos Aires hingegen beschloss die Regierung, das Gastronomiegewerbe beschränkt auf Terrassen, Tische auf der Straße und anderen öffentlichen Plätzen wieder zu öffnen. Vorher war nur der Verkauf von Speisen zum Mitnehmen erlaubt. Die Maßnahme, die vom Regierungschef der Stadt, dem Macristen Horacio Rodríguez Larreta, erlassen wurde, erntete von Seiten des Kirchneristen Axel Kicillof Kritik. Die Diskussion drehte sich insbesondere um veröffentlichte Bilder, auf denen die Menschen dicht gedrängt an diesen Orten zu sehen waren.

Kicillof, der unter Ex-Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner Gesundheitsminister war und nun die Regierung der Provinz Buenos Aires anführt, kritisierte außerdem den Bürgermeister von Tandil in der Provinz Buenos Aires, Miguel Lunghi, der mit einem Dekret angekündigt hatte, die Stadt würde in Zukunft ein eigenes Phasensystem für die Quarantäne anwenden. „Wir werden uns von der Provinz unabhängig machen“, sagte der 76-jährige Kinderarzt Lunghi, der zur Unión Cívica Radical und der Allianz Juntos por el Cambio gehört, die der Regierung von Kicillof als Opposition in der Provinz gegenübersteht.

Der Bürgermeister verkündete, die Stadt Tandil würde ab jetzt nach eigenem wissenschaftlichen Ermessen individuelle Maßnahmen erlassen – je nachdem, wie sich das Virus verbreite und die Auslastung der Betten auf den Intensivstationen sich entwickle. Insgesamt verlangten acht Bürgermeister der oppositionellen Allianz Juntos por el Cambio größere Unabhängigkeit in der Anpassung der Maßnahmen in ihren Städten und wandten sich somit gegen die Provinzregierung von Kicillof.

„Tatsächlich wusste ich nicht, ob ich da einem Bürgermeister der Republik Tschetschenien zuhöre, denn dieses Dekret ist eine separatistische Erklärung“, entgegnete der Kabinettschef der Provinz Buenos Aires, Carlos Bianco. Er betonte außerdem, es solle „rechtliche Folgen“ für Lunghi geben, sollte das Dekret durchgehen. Seiner Meinung nach habe Lunghis Entscheidung aus politischem Kalkül heraus stattgefunden. Denn die Phasen, gegen die der Bürgermeister sich nun richtet, waren vorher mit allen anderen gemeinsam beschlossen worden. Der Politiker Bianco meint außerdem: „Wenn er die Unabhängigkeit erklärt, soll er sie ganz erklären und aufhören, von den Mitteln der Provinz abhängig zu sein“.

Übersetzung: Susanne Brust

CC BY-SA 4.0 Mehr als 10.000 Tote durch das Coronavirus von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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