Die ungleichen Geschichten, die die Pandemie schreibt

„Frohe Weihnachten – abgesagt!“ Graffiti im Berliner Mauerpark / Foto: radio matraca

(Berlin, 24. Dezember 2020, npla).- Das Jahr geht zu Ende und im Berliner Mauerpark taucht ein neues Graffiti auf, das die Lage ganz gut zusammenfasst: “Merry Christmas – cancelled”. Aus Großbritannien wird eine neue Mutation des Virus vermeldet und Europa schließt – diesmal ohne lange vorherige Ankündigung – ein weiteres Mal seine Grenzen.

Schon Mitte April, als in Berlin die fünfte Woche des ersten Lockdowns verging, fragten wir uns als Radiomacher*innen, die es gewohnt sind, gemeinsam im Studio zu arbeiten, wie wir weitermachen. Wir führten Videotelefonate über Jitsi und Zoom – und auf einmal wurden die Entfernungen kürzer und es öffnete sich eine Welt der Möglichkeiten. In anderen Situationen macht sich die Distanz aber bis heute noch stärker bemerkbar. Im Gespräch mit Familienangehörigen und Freund*innen, in Nachrichten aus verschiedenen Teilen der Welt wurde für uns sofort klar, wie unterschiedliche Arten des Umgangs mit der Pandemie auf verschiedene Gesellschaftsmodelle und die Kluften zwischen gesellschaftlichen Klassen zurückzuführen sind. Während in Europa spät reagiert und lange um Rechte und Freiheiten gerungen wurde, sahen wir, wie die lateinamerikanischen Regierungen schon zu Beginn der Pandemie das Militär auf die Straßen schickten, um die Ausgangssperren zu kontrollieren.

Die Grenzen dicht, Veranstaltungen abgesagt, Schulen geschlossen, Straßen verwaist, Geschäfte verriegelt… Bleib zu Hause” lautet die allgegenwärtige Anweisung. Wie in einer Foucault’schen Erzählung, als wäre Foucault der Schriftsteller und Covid-19 ein böser Traum, wurden biopolitische Maßnahmen in Gang gesetzt, die uns angeblich vor dem Tod retten sollten. Die Gesundheit geht vor” wird zur wichtigsten Devise. So wie die Pest die Ausbreitung disziplinatorischer Maßnahmen in der modernen Gesellschaft ausgelöst hat, fragen wir uns jetzt: Was erwartet uns nach dem Coronavirus? Welche Maßnahmen müssen wir für unser Überleben ergreifen?”

Die Prekarisierung der Gesundheit

In Staaten mit prekarisierten und ausgeschlachteten Gesundheitssystemen wissen die Menschen, dass die freiwillige Isolierung das einzige ist, was ihnen bleibt. Sie wissen, dass sie im Falle einer Infektion nicht die angemessene medizinische Versorgung bekommen würden. Bleib zu Hause” ist nicht nur der Aufruf der Regierungen; auch Künstler*innen, Aktivist*innen und ganze Solidaritätsnetzwerke rufen dazu auf, die Quarantäne einzuhalten. Aber zu Hause bleiben zu können setzt bestimmte Privilegien der eigenen Lebenssituation voraus – allen voran ein Haus, ein gesichertes Einkommen und genügend Erspartes. Genauso braucht es eine Versorgungsstruktur; Menschen, die kochen und einkaufen gehen, wenn es selbst nicht geht. Dort, wo hohe Arbeitslosenquoten und Armut regieren, die Arbeitsmärkte prekär und informell funktionieren, ist eine angemessene Isolierung fast unmöglich.

„Bleib verdammt nochmal zu Hause!“ wird zur täglichen Parole / Foto: radio matraca

Gabriela aus Guatemala erzählt uns: Ich arbeite in Projekten zu den Themen Ernährung und Gesundheit im ländlichen Raum. Jetzt gerade arbeite ich von zu Hause aus […]. Ich habe Glück, denn ich habe einen Ort, an dem ich geschützt bin. Und ich muss nicht in einem Krankenhaus arbeiten.” Sich in Guatemala in ein staatliches Krankenhaus zu begeben sei riskant, denn das Personal sei in Sachen Schutzausrüstung nicht genügend ausgestattet, versichert Gabriela. Traurig erzählt sie eine Geschichte, um die Realität in Guatemala und die Verwundbarkeit der ärmeren Menschen zu verdeutlichen: Am ersten Tag der Ausgangssperre nahmen sie einen Jungen fest, der als Schuhputzer arbeitete. Er war trotz der Ausgangssperre auf der Straße. Als er vor den Richter geführt wurde, sagte der Junge, er konnte die 25 Quetzales, also etwa zwei Euro, die es braucht, um ein Zimmer zu mieten und nicht auf der Straße zu schlafen, nicht zusammenbekommen.”

Technologie für alle?

Auf der anderen Seite hat die Pandemie dazu geführt, dass die digitale Gesellschaft”, die moderne” Gesellschaft, sich in einer Rekordzeit weiterentwickelt und ausgebreitet hat. Während viele von uns in dieser Pandemie einiges verloren haben, war der IT-Sektor mit Sicherheit einer der Gewinner. Doch auch modern“ zu sein ist ein Privileg. Und gerade ältere Menschen sind dabei benachteiligt.

Gladys berichtet davon, wie sich die Situation auf ihre Mutter in Argentinien ausgewirkt hat: Eine sehr schwierige Sache war das Einkaufen. Gestern wollte ich mit meiner Mutter in den Supermarkt gehen. Sie kann weder lesen noch schreiben. Und weil sie auch die Preise nicht kennt, musste ich sie begleiten. Aber zusammen haben sie uns nicht in den Supermarkt gelassen.” Als Pensionärin konnte ihre Mutter auch ihre Rente nicht abholen, weil sie wie viele ältere Menschen keine Debitkarte besitzt. Die Banken und die Schalter sind geschlossen – und ohne Karte gibt es keine Rente.

Kontrollmaßnahmen

Die Bilder, die uns zu Beginn der Pandemie aus Italien, Spanien, Ecuador oder New York erreichten, waren Horrorbilder. So etwas möchte niemand. Wir alle wollen weder den Tod noch den Verlust. Dieser Virus hat vor allem ängstliche Gesellschaften erzeugt. Die Aufgabe der Regierungen ist es, mit dieser Angst umzugehen. Daran mag es liegen, dass viele die Maßnahmen zur Pflichtisolierung in weitem Maße akzeptierten. Paola aus einer Kleinstadt in der Provinz Buenos Aires sagt: Nun gut, in meinem Fall ist da mein Vater, der Schwierigkeiten hat zu laufen und Risikopatient ist. Von mir zu Hause aus wohnt er sehr abgelegen, also fuhr ich hin, um ihm zu helfen. Auf dem Weg hielten mich zwei Polizisten an. Ich musste ihnen meinen Ausweis, meinen Führerschein und die Karte vom Nationalen Institut für soziale Dienste für Rentner und Pensionierte (PAMI) zeigen. Darauf steht, dass mein Vater Rentner und Risikopatient ist und du musst eintragen, wann du rausgehst. Sie kontrollieren dann, wie lange du draußen bist und wann du wiederkommst. Ich bin einer Meinung mit dem Präsidenten: Mal sehen, ob wir auf diese Art und Weise den Virus bekämpfen können, der uns alle betrifft. Es ist so traurig und schmerzt, dass es so viele Verluste auf der Welt gibt.”

In Berlin, wo die Maßnahmen nicht so restriktiv sind wie in anderen deutschen Städten, bleibt vieles ungewiss. Während wir im Sommer ein Eis essen gingen und die Sonne im Park genossen – natürlich immer mit dem empfohlenen Mindestabstand, um eine Ansteckung zu verhindern – wussten wir nicht, ob wir in der nächsten Woche vielleicht schon überall eine Maske tragen müssen, damit die Wirtschaft wiederbelebt werden kann. Oder, ob wir vielleicht schon in ein paar Monaten unsere Körpertemperatur mit einer App dokumentieren müssen wie in einigen asiatischen Staaten.

Das andere Extrem sind die Philippinen, wo im Falle einer Nichteinhaltung der Isolierungsmaßnahmen der Schießbefehl genehmigt wurde. In Peru erlaubt das Gesetz ley gatillo den Polizist*innen und Militärs, während Einsätzen Schüsse abzufeuern und Bürger*innen zu verletzen oder gar zu töten, ohne dass sie im Nachhinein dafür juristisch zur Verantwortung gezogen werden können.

Es ist immer eine Frage des Geschlechts

In Ländern wie Peru und Panama wurden Regelungen eingeführt, die sich nach dem Geschlecht der Personen richten. Männlich gelesene Personen konnten zum Beispiel montags, mittwochs und freitags aus dem Haus gehen, weiblich gelesene dienstags, donnerstags und samstags. Nach einer Woche Chaos wurde die Regelung in Peru zurückgezogen. Was bereits feststeht ist, dass die Fälle von Feminiziden weitergehen und mit der häuslichen Quarantäne noch ansteigen. Feministische Gruppen mahnen, männliche Aggressoren müssten während der Ausgangssperre der Häuser verwiesen werden.

Ana aus Santa Isabel in Argentinien berichtet von Frauen, die Gewalt erfahren haben und jetzt mit ihrem Aggressor eingeschlossen leben müssen: Die Frauen sind eine der Gruppen, die am stärksten von der Pandemie betroffen sind. Das Frauenministerium hat die Hilfstelefonnummern verstärkt, die Polizei dazu aufgefordert, Anzeigen so schnell wie möglich zu bearbeiten und Maßnahmen einzuleiten […]. Trotzdem scheint das nicht genug zu sein. Denn allein in den ersten zwölf Tagen der Ausgangssperre gab es schon 17 Feminizide.”

Es sind die vorhandenen oder fehlenden Privilegien in unterschiedlichen Gesellschaften, die derzeit vor unseren Augen auftauchen wie eine feste und unumgängliche Ohrfeige. Ist vielleicht am Ende die Ungleichheit die echte Pandemie?

Von zu Hause aus für radio matraca produziert.

Zu diesem Text erschien bei radio matraca im August auch ein spanischsprachiger Audiobeitrag!

Übersetzung: Susanne Brust

CC BY-SA 4.0 Die ungleichen Geschichten, die die Pandemie schreibt von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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