Würde und Rechte der Mutter Erde

von Leonardo Boff

(Quito, 25. April 2010, alai).- Unsere Erde hat eine Würde, und sie hat Rechte. Höchste Zeit, ihren Subjektstatus anzuerkennen! So lautete eine der Hauptforderungen des bolivianischen Präsidenten Evo Morales beim Weltklimagipfel, der vom 19. bis 23. April in Cochabamba stattfand. Damit vertritt er eine relativ neue Sichtweise. Als Rechtssubjekt mit einer Würde betrachtet zu werden war bisher der ihrer selbst bewussten, intelligenten Spezies Mensch vorbehalten. Bis heute herrscht die anthropozentrische Sichtweise vor, niemand außer uns Menschen besitze eine Würde. Wir neigen dazu, zu vergessen, dass wir nur Teil eines großen Ganzen sind. Wir sind ein Teil des Universums, und dass der Geist in uns ist, beweist, dass er sich zuvor im Universum befunden hat. Diese Ansicht vertreten sogar anerkannte Kosmolog*innen.

Einer noch viel älteren, von unseren Ahn*innen überlieferten Tradition entstammt der Glaube, die Erde sei unsere Große Mutter, von der wir alle abstammen und die uns mit allem Lebensnotwendigen versorgt. Naturwissenschaftliche Forschungen über die Erde und das Leben haben für diese Sichtweise den wissenschaftlichen Beweis geliefert. Unsere Erde ist ein riesiges Organ, sie ist Gaia, die Große Mutter. Mit ihren autoregulativen Mechanismen sorgt sie dafür, dass das Leben auf der Erde fortbesteht. Die Biosphäre ist ein biologisches Produkt, es entspringt der Synergie der lebenden Organismen mit allen anderen Elementen der Erde und des Kosmos. Ihnen ist es zu verdanken, dass unser Lebensraum, die Biosphäre, existiert. Das heißt, es gibt nicht nur Leben auf der Erde. Die Erde selbst ist ein lebendiger Bestandteil mit einem eigenen Wert. Also verdient sie Respekt und Schutz wie jedes Lebewesen. Darum müssen wir unserer Erde eine Würde und ein Recht auf Leben und Respekt zuerkennen wie jedem anderen Lebewesen auch.

Die Astronaut*innen haben die Erde verlassen und von oben auf unseren Planeten heruntergeblickt. Ihr Vermächtnis lautet: Erde und Menschheit bilden eine Einheit und können nicht voneinander getrennt werden. Die Erde ist ein Moment innerhalb der Entwicklungsgeschichte des Kosmos, das Leben ein Moment in der Entwicklungsgeschichte der Erde und das menschliche Leben ein weiterer Moment in der Entwicklungsgeschichte des Lebens. Deshalb können wir zu Recht sagen: Innerhalb der Entwicklungsgeschichte der Erde repräsentiert der Mensch den Moment, in dem die Erde anfängt, ein Bewusstsein zu entwickeln, zu fühlen, zu denken und zu lieben. Wir sind der Teil der Erde, der von Bewusstsein und Intelligenz geprägt ist.

Wenn der Mensch gemäß der Überzeugung aller Völker der Erde über Grundrechte und über eine Würde verfügt und wenn die Menschen und die Erde eine untrennbare Einheit bilden, so folgt daraus, dass die Erde an der Würde und den Rechten der Menschen teil hat.

Daher darf sie nicht Opfer einer Aggression werden, die im Namen so genannter zivilisatorischer Bestrebungen ihre systematische Ausbeutung und Plünderung vorantreibt, sie einfach als ein Ding ohne eigene Intelligenz betrachtet, ihren Wert missachtet und ihr den Respekt verwehrt, nur um die Akkumulation materieller Werte voranzutreiben. Damit wird ihr das Recht entzogen, unversehrt und unverschmutzt fortzubestehen und sich ihre reproduktiven und regenerativen Kräfte zu bewahren. Aus diesem Grund wird die Festschreibung der Rechte der Erde derzeit innerhalb der UNO diskutiert. Ein Tribunal soll jede Verletzung ihrer Würde ahnden und über die Abholzung von Wäldern, die Verschmutzung der Meere und die Zerstörung ihrer Ökosysteme richten, die für den Erhalt des Klimas und des Lebens auf der Erde notwendig sind.

Schließlich sei noch auf die quantentheoretische Sicht der Realität als letztes Argument hingewiesen. Einstein, Bohr und Heisenberg gingen davon aus, dass alles, was uns umgibt, Energie unterschiedlicher Dichte sei. Die Materie selbst ist hochgradig interaktive Energie. Alle Materie, einschließlich Hadronen und Top-Quarks, besitzt nicht nur Masse und Energie. Alle Lebewesen sind außerdem Informationsträger. Zwischen ihnen bilden sich Vernetzungen und Querverbindungen, aus denen sich Entwicklungen ergeben, wobei die Lebewesen die Informationen über diese Verbindungen in sich tragen. Diese Verbindungen bringen unterschiedliche Subjektstadien und verschiedene geschichtliche Ebenen hervor. Die Erde mit ihrer über vier Millionen Jahre alten Existenz trägt die Erinnerung an ihre eigene Evolutionsgeschichte in sich. Das Erinnern ihrer eigenen Geschichte verleiht ihr Subjektstatus. Selbstverständlich sind die Geschichte und der Subjektstatus des Menschen nicht vergleichbar mit dem der Erde, der Unterschied liegt jedoch nicht im Ursprung (denn alles ist miteinander vernetzt), sondern im Grad der Ausprägung (alle auf ihre Weise).

Die Erkenntnisse der neueren Kosmologie machen es uns noch leichter zu verstehen, dass die Erde eine Würde hat und somit auch Rechtssubjekt ist. Das bedeutet für uns, dass wir verpflichtet sind, sie zu pflegen, zu lieben und sie zu erhalten, damit sie uns weiterhin all das schenkt, womit sie uns seit Jahrmillionen versorgt.

Nun ist die Zeit der Bio-Zivilisation gekommen. Erde und Menschen, Inhaber*innen von Rechten und Würde, erkennen ihre gegenseitige Verbindung, ihren gemeinsamen Ursprung und ihr gemeinsames Ziel.

– Leonardo Boff ist Theologe.

Quelle: http://servicioskoinonia.org/boff/articulo.php?num=377

CC BY-SA 4.0 Würde und Rechte der Mutter Erde von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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