Umweltkatastrophe in Mariana: Unternehmen sollen zahlen

Der Ort Bento Rodrigues in der region Mariana kurz nach dem Unglück. Foto: Flickr/Rogério Alves/TV Senado (CC BY 2.0)
Der Ort Bento Rodrigues in der region Mariana kurz nach dem Unglück. Foto: Flickr/Rogério Alves/TV Senado (CC BY 2.0)

(Rio de Janeiro, 12. Februar 2016, taz).- Eine beliebte Verkleidung beim diesjährigen Karneval in Mariana war Schlamm. Einfach brauner, lehmiger Schlamm von Kopf bis Fuß. Die Bewohner*innen der kleinen historischen Stadt mitten im gebirgigen Bundesstaat Minas Gerais erinnerten damit an die wohl größte Umweltkatastrophe Brasiliens. Vor hundert Tagen, am 5. November, brach der Damm eines Klärbeckens einer Eisenmine im gleichnamigen Bezirk. Eine riesige Schlammlawine raste bergab, begrub das Dorf Bento Rodrigues unter sich und verwüstete weite Teile der Umgebung. Über 850 Kilometer weit floss der Schlamm durch zwei Bundesstaaten bis zum Meer, legte wochenlang die Trinkwasserversorgung der ganzen Region lahm und hinterließ eine ökologische Katastrophe.

17 Tote wurden in der Region Mariana geborgen und zwei Menschen werden noch vermisst. Anwohner*innen sprechen von weiteren Toten, die nicht in der offiziellen Statistik auftauchen. Nach drei Monaten erhöht die Polizei nun den Druck auf das Bergbau-Unternehmen Samarco, das die Eisenmine betrieb. Es wird nicht mehr von einem „Unglück“, sondern von einem „Verbrechen“ gesprochen: „Heute können wir sagen, dass die Unternehmen und ihre Direktoren für das Geschehen verantwortlich sind und dass wir zur gegebenen Zeit die kriminelle Verantwortung jedes Einzelnen ermitteln werden“, so Rodrigo Bustamente von der Zivilpolizei in Minas Gerais.

Samarco gehört zu gleichen Teilen dem brasilianischen Minenkonzern Vale und dem australischen Bergbaumulti BHP Biliton. Das Konsortium steht im Verdacht, schon seit längerem gewusst zu haben, dass der Damm nicht sicher sei. Die Rede ist von Fahrlässigkeit oder Vertuschung. Zu keiner Zeit habe es Hinweise auf ein bevorstehendes Unglück gegeben, „jede Spekulation über diesbezügliche Kenntnisse unsererseits wird zurückgewiesen“, so eine Erklärung von Samarco, mit der das Unternehmen auf die polizeilichen Ermittlungen reagierte. Kurz zuvor waren vergangene Woche die Büros der Firma in Mariana und der Stadt Belo Horizonte durchsucht worden.

Düstere Bilanz drei Monate nach der Katastrophe

Die vorläufige Bilanz des Desasters nach drei Monaten fällt düster aus. Allein im Bundesstaat Minas Gerais schätzt die Regierung die sozioökonomischen Kosten auf umgerechnet rund 400 Millionen Euro. Über 320.000 Menschen in 35 Städten und Ortschaften sind direkt von den fast 40 Millionen Kubikmetern Schlamm betroffen gewesen. Hinzu kommen die ökologischen Schäden, die bislang kaum zu beziffern sind. Strittig ist zudem, inwiefern giftige Metalle mit der Schlammlawine talabwärts gespült wurden. Während Anwohner*innen von teils heftigen chemischen Verschmutzungen sprechen, kam eine von der Bundesregierung beauftragte Messung zu dem Schluss, dass Giftstoffe nur in geringer Menge freigesetzt wurden.

Obwohl Samarco erste Entschädigungsleistungen gezahlt hat, monieren Umweltschützer*innen, dass die Aufräumarbeiten noch gar nicht richtig begonnen haben. „Noch immer werden nur Notsituationen beseitigt, statt endlich einen Plan zur Räumung des Schlamms insbesondere im Flussbett anzugehen“, kritisiert Malu Ribeiro von der Stiftung SOS Mata Atlântica. Es wirke, als wolle das Unternehmen die Aufräumarbeit den reinigenden Kräften der Natur überlassen.

An die fünf Millionen Euro Schadensersatz soll Samarco für die angerichteten Schäden bezahlen. Auch Brasiliens Regierung kündigte vollmundig an, juristisch die Interessen des Landes gegen die Bergbauindustrie zu verteidigen. Ökolog*innen und viele Betroffene in Mariana bezweifeln dies, denn die sozialdemokratische Präsidentin Dilma Rousseff hält meist zu den Unternehmern – sei es beim Streit um große Wasserkraftwerke oder bei der Vertreibung von Indígenas oder Kleinbauern aus wirtschaftlichen Interessen. Angesichts der heftigen Wirtschaftskrise mit sinkendem Bruttoinlandsprodukt und schwindenden Staatseinnahmen hat Rousseff nur wenig Spielraum, sich mit dem mächtigen Vale-Konzern oder ausländischen Investoren wie BHP Biliton anzulegen.

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