Mexiko

Fall Valeria: Rettungssystem für Vermisste ineffizient


Protestplakat

Fall Valeria: Haben die Behörden versagt? Foto: Desinformémonos

(Mexiko-Stadt, 15. Juni 2017, desinformémonos/poonal).- Am 9. Juni wurde die erst elfjährige Valeria die in einem Kleinbus des öffentlichen Nahverkehrs in der Stadt Nezahualcóyotl im Bundesstaat Mexiko entführt, vergewaltigt und ermordet. Der 42-jährige mutmaßliche Täter wurde einen Tag später verhaftet. Die brutale Tat erregte großes Aufsehen. „Der Fall von Valeria zeigt einmal mehr die negativen Auswirkungen des behördlichen Vorgehens auf das Programm Alerta Amber. Es wird dadurch ineffizient und kommt verspätet zum Einsatz“, so der Vorwurf des Netzwerkes für Kinderrechte in Mexiko Redim (Red por los Derechos de la Infancia en Méxiko). Alerta Amber ist ein Rettungssystem mit dem Ziel, die Bevölkerung möglichst schnell zu einem aktuellen, lebensbedrohlichen Vermisstenfall zu unterrichten.

Nach Aussage der nicht-staatlichen Organisation “hat man bereits in Hunderten von Fällen die immer gleiche Nachlässigkeit der Ministerien des Bundesstaates Mexiko angeprangert, die eine sofortige Suche und den Beginn einer Nachforschung ablehnen mit dem absurden Argument, erst 48 oder 72 Stunden zu warten, ob die Person nicht vielleicht auf eigenem Wunsch abgehauen ist. Besonders perfide ist es, wenn es sich um Mädchen oder junge Frauen handelt und das chauvinistische Argument dann lautet, sie sei mit ihrem Freund durchgebrannt’.“

Im Bundesstaat Mexiko werden die meisten Mädchen und jungen Frauen ermordet

Die von Redim gesammelten Daten zeigen, dass ein Viertel der zwischen 2013 und 2015 in Mexiko verzeichneten Frauenmorde im Bundesstaat Mexiko begangen wurden. Das macht ihn zu dem Bundesstaat, in dem die meisten Mädchen und jungen Frauen getötet werden. „Auch wenn der nationale Durchschnitt bei 139 verschwundenen Personen liegt, verzeichnet der Bundesstaat Mexiko insgesamt 975 Fälle, 70 Prozent davon sind minderjährige Frauen“, so die Organisation.

Daher verlangt Redim sowohl von der nationalen Regierung als auch von der des Bundesstaates, gegen die Behörden zu ermitteln und sie zu bestrafen, weil sie der Familie von Valeria Unterstützung verweigert haben und „damit zu Komplizen des Feminizids geworden sind“. Außerdem fordert die Organisation die Abschaffung der Verwaltungsbestimmungen im ganzen Land, da diese klar gegen das Recht auf Schutz und Unversehrtheit von Mädchen, Jungen und Jugendlichen verstoße.

Redim fordert unabhängige Expert*innengruppe

Redim forderte zudem, ein fachübergreifendes Team von Spezialist*innen zu bestimmen, um die Aufnahme der Vorermittlungen und den Gerichtsprozess im Falle Valeria zu begleiten, um zu vermeiden, dass der Vorfall in der Straflosigkeit verschwinde und kein uneingeschränkter Zugang zur Justiz gewährt werde.

Darüber hinaus rief die Organisation das Abgeordnetenhaus auf, “unverzüglich und ohne Änderungen das Allgemeine Gesetz zu Verschwundenen (Ley General de Desapariciones) zu verabschieden, in welchem ein spezielles Kapitel zum Thema „Verschwundene Kindheit“ (#NiñezDesaparecida) vorgesehen ist, das ein spezielles Vorgehen für eine sofortige, geschlechtsspezifische Suche vorsieht“. Die Nationale Sicherheitskommission, die für das „Nationale System zum ganzheitlichen Schutz von Mädchen, Jungen und Jugendlichen“ verantwortlich ist, wurde aufgefordert, eine Arbeitsgruppe zum Thema ‚männliche Gewalt und Frauenmorde‘ zu schaffen, die Richtlinien für die öffentliche Präventionspolitik und den Zugang zur Justiz steuern soll.

Redim verlangte weiterhin, dass Valerias Familie die Unterstützung speziell ausgebildeter Psycholog*innen bekommen und eine Entschädigung erhalten müsse. Die Behörden sollten öffentlich für ihre Fahrlässigkeit um Entschuldigung bitten; ihr Personal solle speziell für geschlechtergerechte Ermittlungen geschult werden.

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