Guatemala
Fokus: Frauen und Queer / Mujeres y Queer

Eine Beteiligte am Tod von 41 Mädchen freigesprochen


Von David Toro

Richter

Richter Carlos Guerra in Guatemala-Stadt. Foto: Desinformémonos

(Guatemala-Stadt, 17. August 2017, desinformémonos).- Mehr als fünf Monate nach dem verheerenden Brand in einem staatlichen Kinder- und Jugendheim in Guatemala-Stadt, bei dem 41 Mädchen starben, herrscht in dem Fall noch immer Straflosigkeit. Das Feuer in dem Heim Virgen de la Asunción, bei dem die 41 Mädchen starben, war kein Unfall. Sie starben durch ein Feuer, das nicht gelöscht werden sollte. Ihnen wurde zugerufen: ‚Wenn sie flüchten können, können sie das auch aushalten‘. Und so starb eine nach der anderen durch das Feuer oder erstickte. In diesem Beitrag der Prensa Comunitaria geht es um den Zwischenstand im Strafprozess.

Am Nachmittag des 17. August verkündete Richter Carlos Guerra sein Urteil in diesem Zwischenprozess: Die ehemalige Vizeministerin für Wohlfahrt, Anahy Keller Zavala, wurde von allen fünf Anklagepunkten freigesprochen. Nach Meinung des Richters hat sie ihre Pflichten nicht verletzt, da während der Vorgänge am 7. März nicht sie verantwortlich war, sondern der Minister Carlos Rodas.

Als “gute Guatemaltekin” sei sie dort gewesen, wo sie nicht hätte sein müssen, so der Richter. Der Urteilsspruch wurde von Angehörigen und Sympathisant*innen Kellers mit Jubel, Applaus und christlichen Gesängen begleitet – während die Mütter der Mädchen, die Opfer des Verbrechens wurden, reihenweise zusammenbrachen und von Feuerwehrleuten betreut werden mussten.

Anahy Keller erhält nun ihre Freiheit zurück, die sie nach ihrer Festnahme am 14. März verloren hatte. Sie ist schon die zweite Person, die vom Richter freigesprochen wurde, nach Ofelia Pérez Campos, deren Anklage am 29. Juni als bedeutungslos fallen gelassen wurde.

Ex-Direktor und Ex-Minister wegen fahrlässigen Mordes angeklagt

Allerdings hatte der Ex-Direktor des Jugendheimes, Santos Torres, nicht so viel Glück: Er wird sich vor Gericht für Amtsmissbrauch, fahrlässigen Mord, fahrlässige Körperverletzung, Misshandlung von Minderjährigen und Nichterfüllung von Pflichten verantworten müssen. Der ehemalige Minister für Wohlfahrt, Carlos Rodas Mejía, wird derselben Vergehen angeklagt – außer fahrlässige Körperverletzung, denn dafür ist nach Ansicht des Richters allein der Direktor verantwortlich.

Für Keller ist der Fall damit aber noch nicht erledigt, denn es ist möglich, dass die Kläger*innen oder die Staatsanwaltschaft noch Einspruch einlegen. Der Staatsanwalt Edgar Gómez erklärte, man werde das Urteil und die Verantwortlichkeiten Kellers in dem Fall prüfen und dann überlegen, ob man sie erneut anklagen werde.

Die Kläger*innen zeigten sich enttäuscht. Die Absolventin Jennifer Bravo von der Frauenrechtsorganisation MTM (Mujeres Transformado el Mundo) hält die Begründung des Richters für haltlos. Dieser Prozess habe klar gezeigt, dass Anahy Keller an den Vorgängen wahrscheinlich beteiligt gewesen sei. „Die Opfer verdienen es, gehört zu werden“, erklärte Bravo und betonte nachdrücklich, dass es den Strafbestand der Folter gebe und dass sie gegenwärtig einen Antrag stellen, damit Folter als Straftatbestand Teil des Gerichtsverfahrens werde. Allerdings hat Richter Guerra in dem Verfahren erneut betont, dass es keine Rechtsgrundlage gebe, um die Straftatbestände Femizid und Folter in den Prozess aufzunehmen.

Am 22. August gibt es ein neues Verfahren, in dem die Beweismittel untersucht werden sollen, die gegen die beiden Ex-Funktionäre vorliegen, die vor Gericht stehen: Santos Torres und Carlos Rodas Mejía.

CC BY-SA 4.0 Eine Beteiligte am Tod von 41 Mädchen freigesprochen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte dich auch interessieren

40 tote Jugendliche, drei Festnahmen
39
(Berlin, 14. März 2017, poonal).- Nach dem verheerenden Brand in einem staatlichen Jugendheim in Guatemala am Morgen des 8. März ist die Zahl der Todesopfer auf 40 gestiegen. Alle Opfer sind Mädchen, meist zwischen 13 und 16 Jahren alt. Weitere zehn liegen noch im kritischen Zustand im Krankenhaus. Das Heim Hogar Seguro Virgen de la Asunción in San José Pinula in der Nähe der Hauptstadt Guatemala-Stadt war mit rund 800 Jugendlichen überfüllt; zudem hat es seit Jahren Hinwe...
Feuer in Jugendheim – Regierung unter Druck
31
(Caracas, 10. März 2017, telesur/poonal).- Die guatemaltekische Bevölkerung hat gegen den Präsidenten Jimmy Morales protestiert und seinen Rücktritt verlangt, nachdem am frühen Morgen des 8. März 39 Mädchen durch ein Feuer im Jugendheim Hogar Seguro Virgen de la Asunción, in der Gemeinde San José Pinula unweit von Guatemala-Stadt, getötet worden sind. Die Demonstrant*innen sammelten sich am späten Donnerstagabend gegenüber des Präsidentenpalastes, überzeugt davon, dass die...
Interview: „Frau, schwarz, aus den Favelas und lesbisch”
217
(Buenos Aires, 7. September 2018, Página 12).- Mit ihrer Reise nach Argentinien will Mónica Benicio auf die weiterhin andauernde Straflosigkeit nach der Ermordung ihrer Lebensgefährtin, der Stadträtin Marielle Franco, aufmerksam machen. Marielle Franco befand sich an jenem 14. März auf der Rückreise von einer Versammlung in Río de Janeiro, als das Auto von einem anderen Fahrzeug gestoppt wurde. Marielle wurde durch fünf Schüsse in den Kopf getötet, auch der Fahrer ihres Wagen...
Streik der Studierenden an der UNAM
105
(Berlin, 11. September 2018, poonal).- An mindestens 32 Einrichtungen der Nationalen Autonomen Universität Mexikos – kurz UNAM – traten die Studierenden am 4. September in den Streik. Diesem schlossen sich binnen kürzester Zeit Kommiliton*innen in ganz Mexiko an. Zehntausende von ihnen gingen in Mexiko-Stadt und weiteren Städten des Landes auf die Straße und forderten ein Ende der Gewalt an Mexikos Hochschulen. Streik für Verbesserung der Sicherheitslage Mit ihrem Streik re...
Andrea Lammers zum Prozess wegen des Mordes an Berta Cáceres
75
Am 17. September soll der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder der Umweltaktivistin Berta Cáceres beginnen. Andrea Lammers vom Oekubüro für Frieden und Gerechtigkeit in München wird zum Prozess nach Honduras reisen. Wir haben mit ihr gesprochen. Jahrelang hatte Berta Cáceres sich gegen den Bau des Wasserkraftwerks Augua Zarca am Gualcarque-Fluss eingesetzt. Sie war Mitbegründerin des Rates zivilgesellschaftlicher und indigener Organisationen COPINH. Für ihren Kampf um Sch...